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PFAD Bundesverband e.V.
07.04.2024
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Der Buchtitel weist auf die Ambivalenz der Inhalte hin: Einerseits die Häufung der Beschwerden von Eltern, ihnen käme keine Hilfe zu und die Kinder würden in ungerechtfertigter Weise weggenommen. Andererseits negieren einige Expertisen die beklagten Zustände und versuchen, Defizite der Jugendhilfe mit der Komplexität der Materie oder Personalmangel zu erklären. Die Herausgeber machen kein Hehl daraus, dass sie für ihr aufklärerisches Vorhaben, die von der staatlich legitimierten Jugendhilfe erzeugten Risiken für die betroffenen Kinder und Familien offenzulegen, reichlich Gegenwind bekamen. Der Grund dafür sei die „Abhängigkeit dieser Fachleute von der Jugendhilfe“. Deshalb lenken sie die Aufmerksamkeit auf Abhängigkeiten, Machtstrukturen und Alltagsroutinen im behördlich-industriellen Jugendhilfekomplex.Unterteilt in 1. Grundfragen, 2. Probleme und Innovationen und schließlich 3. Folgen staatlichen Handelns kommen in diesem Buch 25 Autor*innen aus unterschiedlichen Fachgebieten und auch Betroffene zu Wort. Die Fachbeiträge eröffnen Einblicke in die aktuelle Situation und Vorgehensweisen der Jugendhilfe, die einem den letzten Hoffnungsschimmer rauben können. An dieser Stelle will ich nur einige prägnante Gesichtspunkte herausgreifen: Einführend setzen sich die Experten für Soziale Arbeit und Jugendhilfe Gregor Hensen und Reinhold Schone mit dem unbestimmten Rechtsbegriff „Kindeswohl“ und dessen existenziellen Folgen auseinander. Sie weisen darauf hin, dass jährlich knapp 10.000 Familien zur Inanspruchnahme der Hilfe zur Erziehung gezwungen werden und dies nicht dem Gedanken der freiwilligen Wahrnehmung eines Rechtsanspruchs entspricht.Der Sozialwissenschaftler Wolfgang Rosenkötter, Mitgründer des Vereins ehemaliger Heimkinder e.V., bezweifelt nüchtern und kritisch, dass die derzeitige Heimerziehung in der Lage ist, „den Erziehungsanspruch der schon geschädigten und somit besonders hilfsbedürftigen jungen Menschen wirklich zu erfüllen und ihnen Wege zu einer positiven Selbstverwirklichung in der Gemeinschaft aufzuzeigen“.Reinhold Schone warnt davor, dass sich der Begriff Schutzauftrag und dessen Ausbuchstabierung in Schutzkonzepten „zum trojanischen Pferd für immer restriktivere und disziplinierendere Handlungsmuster in der Erziehungshilfe entwickelt, wenn nicht in jeder Einrichtung offensiv das professionelle Selbstverständnis der Fachkräfte thematisiert wird“.Mit der „Häufigkeit der Inobhutnahmen“ befasst sich der ebenfalls hervorragende Artikel des Hamburger Kriminologen Birger Antholz. Auf der Basis von statistischen Zahlen konstatiert er: „Der Staat verdoppelt die Ausgaben der Kinder- und Jugendhilfe und bewirkt bei Schulabbruch, Selbstmord, Gewalt und Kriminalität eine Verschlechterung in den letzten Jahren. Das ist ein bezeichnendes Beispiel für eine Fehlsteuerung des Systems der Kinder- und Jugendhilfe.“ Schlussfolgernd kritisiert er: „Dass mehr akut gefährdete Kinder mit weniger Kindeswegnahmen einhergehen, macht eigentlich keinen Sinn. Das ist ein zweites Beispiel, dass das jeweilige Behördenvorgehen in den Bundesländern nicht sinnlogisch aufeinander aufbaut.“Noch immer haben Lehrangebote zum Kinderschutz Seltenheitswert, so das enttäuschte und besorgte Fazit der Frankfurter Juraprofessorin Carola Berneiser: „Letztlich darf nicht der Zufall darüber entscheiden, ob ein von Gewalt betroffenes Kind auf eine Fachkraft stößt, die sich die erforderlichen und über die eigene Fachdisziplin hinausgehenden Fachkompetenzen im Studium aneignen konnte oder ob der Minderjährige auf einen überforderten Laien trifft, der das Kind nicht hinreichend zu schützen vermag, weil die fehlende Fachkenntnis seine Tendenz zum Wegschauen begünstigt.“Ein sehr aufschlussreicher und empfehlenswerter Aufsatzband für alle, die sich für die Vorgehenslogik der Jugendhilfe interessieren. (ar)