Als Titania vor ca. einem Jahr ankündigte, mehrere H.G. Wells Klassiker zu vertonen, war ich unglaublich erfreut. Ich gehöre nämlich nicht zu jenen, die das Gruselkabinett als Bühne für ausschließlich Gruselstücke verstehen, sondern vielmehr als Bühne für all jene Stücke, die den „Horror“ gerne auch mal im weitesten Sinne streifen. Mir wäre z.B. auch Northanger Abbey fünf Sterne wert, weil ich ganz einfach die Geschichte wunderbar umgesetzt finde und sie schließlich von der Autorin Jane Austen als augenzwinkernde Parodie des zu ihrer Zeit so beliebten Genres zu verstehen ist.Das nur mal als Einstieg, um zu erläutern, dass ich hier nicht etwa deshalb drei Sterne vergebe, weil ich ausdrücken will, die Zeitmaschine hätte nichts im Gruselkabinett verloren.Als Fan der Geschichte habe ich natürlich das Buch von H.G. Wells auch tatsächlich gelesen, ebenso kenne ich die kultige alte Verfilmung sowie den etwas gescheiterten Neuversuch. Ich erwarte weder von Film- noch von Hörspielumsetzungen, dass sie sich sklavisch an die Vorlage halten, ich darf gerne überrascht werden. Gerade bei der Zeitmaschine gibt es während des Aufenthalts in der Zukunft eigentlich nur Monologe des Zeitreisenden zu lesen. Funktioniert im Buch wunderbar, aber in einem Hörspiel macht sich das nicht besonders gut. So stellt natürlich die Vorlage eine Herausforderung an den Drehbuchschreiber dar, die Essenz der Geschichte zu erhalten, dabei aber auch zu berücksichtigen, was im Medium Hörspiel gut funktioniert und was nicht. Gerade bei solch schwierigen Werken wird der Drehbuchschreiber immer entscheiden müssen, ob er mehr die Bedürfnisse der Puristen berücksichtigt, die möglichst kein Fitzelchen der Originalgeschichte verändert haben wollen oder eben jenen, die einfach nur ein dynamisches Hörspiel hören wollen und vielleicht die Vorlage gar nicht kennen.Ich persönlich gehöre nicht zu den Puristen, für mich darf ein Drehbuchautor gerne Dinge ändern, wenn sie dem Medium zuträglich sind. Für mich ist nur wichtig, dass die Essenz der Geschichte gut eingefangen wird, dass auch ihre tiefgründigen Aspekte (sofern vorhanden) so gut adaptiert werden, dass sie zumindest weitgehend dem Original gerecht werden. Wenn dabei durch die Veränderungen also ein dynamisches Hörspiel entsteht, welches etwas von der Originalgeschichte abweicht, sie aber im Wesenskern erfasst, zücke ich sofort fünf Sterne.Hier ist das leider nicht wirklich gelungen. Es mag wahrscheinlich an der Entscheidung gelegen haben, die Geschichte auf knapp eine Stunde herunterzubrechen.Um das zu erläutern, komme ich zuerst mal zu den guten Aspekten dieser Umsetzung:Die Anfangssequenz nimmt sich viel Zeit, um die Atmosphäre des Buches wiederzugeben und auch das Zeitkolorit der ausgehenden viktorianischen Epoche schön abzubilden. Es werden zwar einige der Gäste unterschlagen, die im Buch vorkommen, aber das tut nun wirklich keinen Abbruch, denn alles funktioniert trotzdem. Gerade Filby und der Zeitreisende selbst kommen gut zur Geltung, ebenso natürlich die Haushälterin. Das Sprecher-Ensemble macht einen guten Job.Was man noch als gut herausstellen kann, sind auch die anderen Sprecherleistungen sowie die Geräuschkulisse und die Musik. Da es in der Zukunft keine Tiere mehr gibt, ist es nur logisch, dass man keine hört.Positiv ist ebenfalls, dass Titania die im Buch nur aus Monolog bestehende Zukunftsreise zumindest teilweise versucht hat, in Spielszenen umzusetzen. Ebenfalls schön, dass auch die Reise in die noch fernere Zukunft am Ende Erwähnung findet.Insgesamt hat Marc Gruppe als Drehbuchautor im Grunde genommen das Wesentliche der Geschichte zusammengefasst.Damit kommen wir zu den negativen Aspekten:Die Länge der Anfangssequenz jedoch (die ich durchaus für angemessen halte) nimmt bei einer Laufzeit von nur 60 Minuten den anderen kommenden und wichtigen Passagen eben jene Zeit, die sie gebraucht hätten, um sich angemessen zu entfalten. Die Zeit (oder das Timing, wenn man so will) nimmt der Titania-Adaption ironischerweise ihre volle Wirkungskraft.Denn obwohl das Wesentliche zwar zusammengefasst wurde, so wirkt es denn auch eben lediglich zusammengefasst. Der Besuch im Reich der Morlocks fällt z.B. sehr spärlich aus. Auch die darauffolgende Flucht vor den Morlocks wird direkt im Keim erstickt (selbst wenn sie im Buch auch kurz war), obwohl hier eine Gelegenheit für Dynamik gewesen wäre.Wer die Originalgeschichte kennt, fragt sich auch, wieso die Erkundung der Zukunftswelt durch den Zeitreisenden fehlt, bei der er Relikte vergangener Epochen untersucht, um sich so einen Reim darauf zu machen, wieso die Welt zu der geworden ist, die er nun vorfindet. Hierbei hätte man z.B. wesentlich besser auf die Sozialkritik Wells eingehen, sie für den Hörer spürbarer darstellen können, als sie, so wie im vorliegenden Hörspiel geschehen, mit zwei, drei Sätzen abzuhaken. Trotzdem schön, dass sie überhaupt erwähnt wurde.Ebenso entfällt die dramatische Verfolgung des Zeitreisenden und Weenas durch die Morlocks im Wald bei Nacht, nachdem die beiden von der Erkundungstour wieder nach Hause wollen. Gerade hier war es gruselig, aufregend und durchaus einer der großen Höhepunkte im Buch. Auch wieder eine verpasste Gelegenheit für einen absoluten Spannungsmoment.So ist es eben jene fehlende Dynamik, die, trotz vorhandener Spielszenen, die anderen großen Erzählparts etwas unglücklich erscheinen lassen. Ich denke, es hätte eine längere Laufzeit (vielleicht 80 Minuten) hier definitiv Abhilfe geschaffen, um der Hörspieldynamik gerecht zu werden und sich gegenüber von Buch- und Filmversion herausstellen zu können.Bei dem Stellenwert, den „Die Zeitmaschine“ in der Scifi-Literatur hat, hätte man sich hierbei durchaus mehr Mühe geben dürfen. Das Wesentliche zusammenzufassen mag für einige Hörer vielleicht genug sein. Für jene aber, die gerne eine adäquate Umsetzung des großen Klassikers gehört hätten, die vielleicht eine neue Perspektive auf die Story geboten und so eine Daseinsberechtigung gegenüber den Filmumsetzungen gefordert hätte, kann diese Version nicht zufriedenstellend sein. Sie geht mit dem Stoff von Wells leider viel zu oberflächlich um, produziert aber zumindest ein brauchbares Hörspiel in dem Sinne, wenn man gerne was zum unangestrengten Hören nebenbei haben möchte, was ein wenig Atmosphäre bietet.Abschließend bleibt noch zu sagen:Ich denke, dass manche der besonders kritischen Beurteilungen hier vielleicht auf die von mir genannten Kritikpunkte zurückzuführen sind. Ein solcher Klassiker weckt nun mal große Erwartungen, das kann auch für Titania keine Überraschung darstellen. Auch wenn ich persönlich denke, dass hier nur einen Stern zu vergeben etwas harsch ist, so muss den Machern wie erwähnt klar gewesen sein, dass man bei einer solchen Vorlage etwas umsichtiger zu Werke gehen sollte als getan, ansonsten programmiert man die Verrisse eben vor. Hinzu kommt noch, dass es bei Titania mittlerweile immer öfter mal vorkommt, die Fehler, die in der Umsetzung der Zeitmaschine gemacht wurden, immer wieder neu zu machen. Von den Wells-Adaptionen abgesehen muss man sich dazu nur mal die von „20.000 Meilen unter dem Meer“ anhören, deren Problematik der hier von mir vorgebrachten nicht unähnlich ist.Für die andere Gruppe Hörer, die ich erwähnte (und die ich deshalb nicht schlecht machen oder gar herabsetzen will), ist dies wohl ein annehmbares Hörspiel. Und auch wenn diesen Hörern unverständlich scheint, wieso es gerade hier solche Kritik gehagelt hat, so hoffe ich doch, dass sie diese nun etwas besser nachvollziehen können. Die eigene Meinung soll davon natürlich völlig unbelastet bleiben, ich und auch kein anderer hier möchte jemandem etwas schlechtreden, was sie oder er gut findet. Aber für ein bisschen mehr Akzeptanz und Verständnis für andere Sichtweisen darf ich an dieser Stelle hoffentlich plädieren.