Möwengeschrei und sanfte Piano- Klänge stimmen uns auf "Manor" ein, das neue Hörspielabenteuer von Titania bzw. Gruselkabinett, das meines Empfindens eindeutig zu den besseren seit Erreichen der Jubiläumszahl Einhundert gehört.Möwengeschrei und sanfte Piano- Klänge erinnern mich zudem an atmosphärische Ausgaben der Serie wie "Das violette Automobil" (GK 59) und "Der Schimmelreiter" (GK 98). Im Vergleich zu diesen beiden Küstenerlebnissen ist "Manor" für mich auch die spannendste Geschichte.Denn was erleben wir innerhalb einer guten Dreiviertelstunde, genau gesagt in 47 Minuten : Einen Gewittersturm auf hoher See, eine Rettungsmaßnahme, weitere Szenen und Begegnungen, ein erneutes Schiffsunglück, eine zu Recht besorgte Mutter, eine weise Runenleserin, einen beherzt einschreitenden Dorfältesten, eiskalte Begegnungen zu nächtlicher Stunde sowie Blut .....Im Gegensatz zu dem zeitgleich erschienenen "Streckenwärter" zeichnet sich "Manor" durch eine zügige, kurz und bündige, dicht gedrängte Erzählweise aus. Sogar beinahe zu schnell, um echten Grusel zu entfalten, aber auf jeden Fall wohltuend inhaltsreich, dramatisch, bewegend, anrührend. Wenn Sie für zwei Minuten den Raum verlassen, werden Sie etwas Wichtiges versäumen.Und niemals wird es reißerisch, sondern bleibt stets "atmosphärisch", jene Vorgabe, die das Label bekennend an sich selber stellt, somit in sich stimmig, in einem stimmungsvollen Rahmen, passend zum recht üppigen Geschehen."Manor" versetzt uns ins Reich der Färöer- Inseln, jene Inselgruppe im Atlantik, nördlich der britischen Inseln, nordwestlich von Dänemark und etwa auf gleicher Höhe westlich von Norwegen. So manch einer von uns mag die Färöer- Inseln erst durch Fußball- Länderspiele kennen. Hier aber geht es um eine Männerfreundschaft, sogar Männerliebe, als ungefähres Gegenstück zu "Carmilla, der Vampir", jener hochgelobten Erstausgabe der Serie.Meine Befürchtung, besagte Männerliebe wäre zu ausufernd dargestellt, hat sich nicht erfüllt. Wer sich vielleicht an "Die Toten sind unersättlich " (GK 99) erinnert -- besagtes Hörspiel war überhaupt das zweite, das ich als Späteinsteiger von der Serie hörte. Es ist ein ähnlich imposantes Beispiel. Ich finde es im Großen und Ganzen sehr gelungen, mit dem Abstrich, dass triebhafter Schmerz und Unterwerfungsverlangen gemäß der Vorlage des Autors Leopold von Sacher- Masoch für ein Hörspiel doch zu umtreibend vertont wurden.Was ich mit diesem "Vorspiel" sagen wollte : Bei "Manor" hätte es in Sachen körperlicher Begierde ähnlich intensiv verlaufen können. Denn die literarische Vorlage stammt von einem nicht minder Aufsehen erregenden Autor : Karl Heinrich Ulrichs (1825- 1895). Er war Jurist und Journalist, dazu noch Sexualwissenschaftler, der sich zu seiner Homosexualität öffentlich bekannte. Ein für damalige Verhältnisse beispielloser, unerhörter Vorgang, der sich auch in seinen Schriften und Romanen widerspiegelte. Doch, wie gesagt, die rein körperliche Liebe bleibt nur Nebenprodukt. Es geht um weitaus mehr. Selbst der Tod kennt offensichtlich keine Grenzen. So verläuft auch das unerwartete Wiedersehen zur allerbesten Schlafenszeit vampiristisch, zombiehaft. Doch auch retterhafte Gestalten kommen auf den Plan. Zur rechten Zeit ?Neben dem längst obligatorischen Stuhlverrücken und stilvollen Geschirrgeklimper, neben einem zwar nicht heiseren, aber doch knarzigen Erzähler (Peter Weis) kommen inmitten prägender Küstenatmosphäre insgesamt zehn Sprecher zu ihrem Einsatz. Eine gekonnte Mischung zwischen Jung und Alt. Sie alle wirken lebensecht, authentisch. Echte Recken wie Horst Naumann, Helmut Winkelmann, Thomas Balou Martin und Rolf Berg. Gestandene Frauenzimmer wie Monica Bielenstein und -- immer wieder gut -- Dagmar von Kurmin. Auch die beiden verliebten Jungspunde sind zu loben. Tom Raczko ist seit seinem erst kürzlichen Einstieg bei "Krieg der Welten" (GK 124, 125) eine dramaturgische Bereicherung für anscheinend jede nur denkbare Rolle. Louis Friedemann Thiele ist schon etwas länger mit dabei, durfte oder musste schon bei "Schatten über Innsmouth" (GK 66, 67) die Angelschnur nach frischem Fisch auswerfen.Doch Scherz beiseite. Wer vielleicht zwischenzeitlich dem Label seinen Rücken kehrte, könnte es hier mit einem Neuansatz versuchen. Von mir gibt es jedenfalls fünf Sterne, vielleicht knappe fünf Sterne, weil das Geschehen beinahe zu schnell abläuft. Allerdings ist es mir auf diese Weise lieber, als wenn sich ein Hörspiel in Nebensächlichkeiten verliert. Ja, Titania ist längst wieder auf gutem Wege.