Was für ein Hörspiel! Fesselnd und unheimlich – wobei das gegebenenfalls stark von Hörer zu Hörer variiert. Ich habe selbst am Tage ein wohliges Schauern verspürt. Die Vorstellung große gefährliche Ameisen führten einen Feldzug gegen Menschen ist einfach zum Gruseln. Dazu kommt die unzureichende Vorbereitung der Expedition, deren Anführer nicht an eine Invasion der Ameisen glauben, bzw. nicht daran, dass es für sie etwas zu tun gäbe. Packend und beklemmend wird das Geschehen des Jahres 1899 geschildert. Passend zu dieser Epoche gibt es eine inzwischen nicht mehr zeitgemäße Darstellung, wie das Schießen auf Alligatoren zur Belustigung, um nicht vor Langeweile auf der Schiffsfahrt im Kanonenboot zum Zielort in Brasilien über Board zu gehen. Die „Kolonisten“ werden damit zurecht unsympathisch beschrieben. Dazu gesellen sich Beschreibungen des Vorgehens und Vorwissens dieser – beispielsweise werden gewisse Dörfer angefahren, damit sich die Seefahrer mit den Einheimischen amüsieren können. Somit wird viel Stoff geboten, um über negative Seiten der Kolonisierung zu diskutieren. Der Autor H.G. Wells scheint diese ebenfalls nicht grundsätzlich gut geheißen zu haben, indem er den fehlenden Respekt vor der Tier- und Pflanzenwelt prächtig zur Schau stellt. Dies wird den Abenteurern auch zum Verhängnis: Im Kolonialamt und wohl auch sonst nirgends wird ihnen geglaubt, so wie sie auch ihrem Auftraggeber zunächst wenig Glauben geschenkt haben.An dieser Stelle wirkt die Geschichte etwas unstimmig: Der Protagonist übertreibt offensichtlich am Ende bei seinen geschilderten Spekulationen. Er scheint den Schiffseigner vergessen zu haben, der die Expedition beauftragte und somit von den Ameisen wusste. Naja. An der Geschichte kann – wer denn will – viel kritisiert werden. Ich finde sie stimmig, da sie nicht allzusehr unserer Zeit (im Sinne der Erzählart) angepasst wurde. So ist man wie so oft eher Beobachter als Mittendrin und dies vermag bei mir so manchen Schauer zu erzeugen. Heutige Kinogänger etc. würden sicherlich die Schocker des Mittendrin-Gefühls vermissen, aber so haben es der Toningenieur leichter und meine Fantasie noch etwas mehr Spielraum. Der Zeitgeist wurde meiner Meinung nach sehr gut wiedergegeben. Immerhin handelt es sich auch um ein Grusel- und nicht um ein Horrorhörspiel.Apropos Ton: Die Geräusche sind mal wieder eine Wucht! Besonders die recht spannungsarme erste Hälfte, die einen die meisten Personen verabscheuen lässt, ist eine herrliche Reise in den Amazonas mit großartigen Geräuschen. Später geht es sehr laut und actionreich dahin. Die etwas flachen und vorhersehbaren Entwicklungen lassen bei mir kein Mitleid aufkommen. Dazu hat sich zu Beginn zu viel Antipathie entwickelt. Es ist auch etwas klischeebehaftet. Der erfahrene Kapitän wird hysterisch – somit ist er wohl doch nicht so hart im Nehmen. Das Finale lässt den weiteren Verlauf der Geschichte der Menschheit offen und gibt dadurch zu denken. Ein schöner Ausstieg.Bei den Sprechern hat Marc Gruppe eine größere Rolle übernommen, die er absolut überzeugend spielt. Stünde es nicht im Booklet, hätte ich einen Neuzugang im Ensemble erwartet. Es gibt jedoch zwei neue Sprecher, die großartig ihre Parts als liebenswürdiger Protagonist (Simon Roden) und bärbeißigen Kapitän (Jean Paul Baeck) einnehmen. Joachim Tennstedt, bekannt als Sherlock Holmes in Titania Mediens gleichnamiger Hörspielreihe, hat einen kurzen Auftritt als Schiffseigner.Das Cover verdient ebenfalls einen Lob. Es zeigt perfekt den Schrecken, den der Hörer aus größerer Distanz (durch Fernrohre) erfährt.Fazit:Das Hörspiel spiegelt perfekt den Zeitgeist der Vorlage mit allen Vor- und Nachteilen wider. Ich musste beim Hören immer an das Ende des Films „Shaun of the Dead“ denken, bei dem das Militär professionell die Gefahr bekämpft. In der heutigen Zeit mit allen technischen Hilfsmitteln wirkt die Gefahr eines Königreichs der Ameisen weniger fürchterlich als im 19. Jahrhundert.Insgesamt ein tolles Hörspiel mit exzellenten Geräuschen und großartigen Sprechern.