Die Ausgangsfrage des Buches ist spannend. In früheren Zeiten wurden Pandemien als Strafe Gottes empfunden. Menschen wurden aufgerufen, Buße zu tun. Diese Deutung vertritt heute kaum noch jemand. Die Wissenschaft hat Pandemien erklärbar gemacht und die Theologie hat sich von der Vorstellung eines strafenden Gottes gelöst. Der Gott, von dem Jesus redet, sei ein heilender, kein krankmachender Gott, so heißt es. Aber hat dann Gott gar nichts mehr damit zu tun? Dagegen wenden sich die Autorinnen und Autoren dieses Bandes, der in der Westfälischen Landeskirche entstanden ist. Sie empfinden es als problematisch, dass die Theologen einen großen Aufwand treiben, um das Bild eines nur lieben Gottes aufrechtzuerhalten. Ist Gott nicht viel größer, als dass wir so genau über ihn Bescheid wissen könnten? Gehört das Nicht-Verstehen nicht auch zur Gotteserfahrung? Nimmt die beliebte Rede vom mitleidenden Gott, der an meiner Seite ist, nicht Gott die Rolle als Gegenüber? Und ist nicht die Klage immer eine wichtige Form des Redens mit Gott gewesen? Dem Gebet sind am Ende deshalb ausführliche Überlegungen gewidmet. Eingeleitet wird das Buch mit Gedanken zum Thema, zwei theologischen Texten der Präses Annette Kurschus, einem Votum des Theologischen Ausschusses und – für mich der beste Text – ein pointierter Vortrag des Heidelberger Theologen Thorsten Moos über theologische Erschöpfung in Coronazeiten.Ich finde die aufgeworfenen Fragen spannend. Der Impuls ist deutlich, Gott nicht allzu schnell zu verrechnen und Fragen offen zu lassen. Ich habe es so verstanden, dass man weder behaupten kann, Gott schicke die Pandemie noch er schicke sie nicht. Es bleibe (nur) die Frage, die Klage, das Gebet. Viel weiter geht das Buch nicht und entfaltet auch nicht alle Implikationen. Ob ich das ehrlich finde oder unbefriedigend, weiß ich selber nicht so richtig. Als Zwischenruf ist es auf jeden Fall interessant und nachdenkenswert.