Laut Klappentext die bislang einzige Biografie über Christoph Probst. Die vorliegende Biografie umfasst 196 Seiten. Indes: Das Lebensbild aus der Feder von Christiane Moll in der Edition "Briefwechsel Probst - Schmorell" ist ebenso umfangreich, es umfasst nachweislich 200 Seiten.Es ist erfreulich und begrüßenswert, wenn nun diese zerklüftete Lebensgeschichte in einer eigenen Monografie gewürdigt wird. Christoph Hermann Ananda Probst wurde am 6. November 1919 als zweites Kind von Hermann und Katharina Probst in Murnau am Staffelsee geboren. Bereits im Juli dieses Jahres hatte die junge Ehefrau zusammen mit der kleinen Angelika ihren Ehemann verlassen. Zwei Jahre später wurde die Scheidung ausgesprochen. Hier schon deutet sich das bestimmende Muster in der Lebensgeschichte von Christoph Probst an: Wechsel und Umzug, Änderungen und Brüche, aber gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach Freundschaft, Geborgenheit und Liebe. Auffallend sind ebenso die zahlreichen Schulwechsel. Im ersten Schuljahr erhielt Christoph Privatunterricht von seiner Mutter. Ende April 1927 wurde er an der Murnauer Knabenvolksschule angemeldet. 1926 heiratete Hermann Probst in Oberstdorf die knapp zehn Jahre ältere Elise Jaffée, geb. Rosenthal, die seit 1917 ohnehin zur Familie gehörte. Im Jahr danach, als Hermann Probst 1927 mit Sohn Christoph vorübergehend ins Allgäu übersiedelte, besuchte Christoph die Privatschule Dr. Schult in Oberstdorf. 1928 zog die Mutter mit den beiden Kindern Angelika und Christoph zu ihrem neuen Ehemann Dr. Eugen Sasse nach Nürnberg-Wolkersdorf. Christoph besuchte nun – bis Ostern 1930 – das dortige Humanistische Gymnasium. Daher entwickelte sich in dieser Zeit eine enge und vertraute Beziehung zu seinem Stiefbruder Dieter Sasse. 1932 trennte sich Christophs Mutter Katharina von Eugen Sasse und zog von Nürnberg in den Chiemgau um. Bereits 1929 wiederum war Vater Hermann von Kochel in das Dorf Zell bei Ruhpolding umgezogen. Von 1932 bis 1935 war Christoph daher externer Internatsschüler des Landerziehungsheim Marquartstein im Chiemgau. Unruhe sowie Wechsel des Orte und Personen prägten also das junge Leben von Christoph Probst.Das genaue Datum, wann Christoph Probst in die HJ eingetreten ist, ist nicht bekannt. Doch im November 1934 berichtete er seinem Stiefvater: „Ich habe sehr viel zu tun, daß ich sehr viel anderes lassen muß. Zu der schulischen Arbeit kommt noch die H.J. mit ihren großen Anforderungen auf die Freizeit und die Geige.“ Im Schuljahr 1935/36 war Christoph Probst Schüler des Neuen Realgymnasiums in München, dem jetzigen Albert-Einstein-Gymnasium. Da der Beitritt zur Hitlerjugend freigestellt war, trat er nicht ein. Hier in München begegnete er seinem Klassenkameraden Alexander Schmorell. Christoph Probst und Alexander Schmorell verband bald eine „unzerreißbare Freundschaft“. Diese Begegnung gehört auch zu den Geburtsstunden der späteren Weißen Rose.Ende Mai 1936 setzte im Alter von 50 Jahren sein schwermütiger Vater Hermann seinem Leben ein Ende. Der 17jährige Jugendliche idealisierte nun seinen Vater: „Bei allem Edlen und Schönen, was ich sehe, muß ich an Papa denken, weil er selbst so edel war und das Edle so liebte.“ 1937 legte Christoph Probst sein Abitur ab. Er musste den Reichsarbeitsdienst (RAD) ableisten. Um einen Studienplatz zu sichern, meldete er sich freiwillig zur Wehrmacht. Anfang November 1937 begann er seine militärische Grundausbildung bei einer Luftwaffeneinheit in München-Freimann. Ein Jahr später schloss er als Sanitätssoldat im Fliegerhorst Schleißheim vorläufig seinen Wehrdienst ab.Im Juni 1940 kam Sohn Michael zur Welt. Die jungen Eltern Christoph Probst und Herta Dohrn heirateten jedoch erst ein gutes Jahr später im August 1941. In der Familie fand sich der Ort, wo sich seine Sehnsucht nach Frieden erfüllte, wo Krieg und NS-Gewaltherrschaft keinen Zutritt hatten. Im Dezember 1941 erblickte der zweite Sohn das Licht der Welt. Als Vincent Hermann Matthias am 7. Juni 1942 in Ruhpolding getauft wurde, war Alexander Schmorell der Taufpate. Um diese Zeit versuchte sein tief religiöser Schwiegervater Harald Dohrn , der zur katholischen Kirche konvertiert war, Christoph zu einer kirchlichen Trauung zu bewegen.Ende Oktober 1941 wurde er zur Studentenkompanie nach Straßburg mit der dortigen NS-Reichsuniversität versetzt. Er klagte: „Man fühlt sich eben nie zuhause in einer Kaserne. Es ist eine Art besseres Exil. Alles riecht nach Militär.“ Im Sommersemester 1942 konnte Probst wieder an der Universität München sein Studium der Humanmedizin weiterführen. Anfang Juni 1942 war der russische Exildichter Sigismund von Radecki zu einem Leseabend im Hause Schmorell eingeladen. Hier kam Christoph Probst erstmals in näheren Kontakt mit Hans Scholl, der wie Schmorell Medizin studierte und zur 2. Studentenkompanie gehörte. Scholl hinterließ auf Anhieb einen nachhaltigen und bleibenden Eindruck; Probst schaute auf zu dem so ungemein selbstsicheren und sendungsbewussten Scholl. Ende Juni 1942 tauchten an der Universität München „Flugblätter der Weissen Rose“ auf. Zu diesem Zeitpunkt war Christoph Probst noch nicht eingeweiht.Hier nun beginnt die Kontroverse. Auf Seite 8 schreibt Autor Mertz: „Christoph Probst hat davon Kenntnis.“ Auf Seite 17: „Zu diesem Zeitpunkt wussten nur Christel Probst, Sophie Scholl und Traute Lafrenz, eine Freundin von Hans Scholl, davon.“ Auf Seite 91: „Auch in Christels Briefen finden sich im Mai Formulierungen, die zeigen, dass er möglicherweise schon in dieser Zeit in die Widerstandspläne Hans Scholls und Alexander Schmorells eingeweiht war.“Wenn Autor Mertz auf Mai 1942 Bezug nimmt, dann sind hier wohl jene Überlegungen im Freundeskreis gemeint, die Predigten von Bischof von Galen zu vervielfältigen und zu verbreiten. Denn Anfang Mai 1942 hatte Sophie Scholl ihren Verlobten Fritz Hartnagel um eine höhere Summe Reichsmark gebeten.Zur eigentlichen Geburtsstunde der Weißen Rose: Am 17. Juni 1942, als Hans Scholl zu einem Treffen regimekritischer Akademiker im Hause Mertens eingeladen war, kam er erstmals in näheren Kontakt mit Professor Kurt Huber. An diesem Kulturabend las die vornehme Gastgeberin zunächst eigene Überlegungen zur „religiösen Erneuerung“ vor. Es kam zu einem heftigen Wortwechsel darüber, wie man der Zerstörung der inneren Werte, wie dies durch Hitlers Regime betrieben würde, entgegentreten könne. Überliefert ist, wie Kurt Huber in seiner Empörung forderte: „Man muss etwas tun, und zwar heute noch!“ Es ist denkbar, dass in diesem Augenblick der Funke übersprang und der begeisterungsfähige, tatendurstige Hans Scholl von Kurt Hubers leidenschaftlichem Ruf erfasst wurde.Corrigendum. Auf Seite 67 oben ist davon die Rede, dass Hans Scholl im Dezember 1937 für zwei Wochen von der SS inhaftiert wurde und dass der Rechtsfall nach dem „Anschluss“ Österreichs im Rahmen der allgemeinen Amnestie nicht weiter verfolgt wurde. Richtig ist vielmehr: Das Strafverfahren gegen den Soldaten Hans Scholl begann am 22. November 1937. In den Diensträumen der Gestapo Stuttgart wurde er zunächst nur als Zeuge vernommen. Am 24. Mai 1938 wurde Scholl die Anklageschrift zugestellt, er wurde auch wegen Devisenvergehen auf der Lapplandfahrt und vor allem wegen Verfehlungen (u.a. § 175a StGB) angeklagt. Die Verhandlung vor dem Sondergericht Stuttgart wurde auf den 2. Juni 1938 festgesetzt. Hans Scholl fiel unter das Straffreiheitsgesetz vom 30. April 1938. Denn aus Anlass des „Anschlusses“ von Österreich wurde für bestimmte Vergehen eine Amnestie gewährt.Zu Advent und Weihnachten 1942. An einem Sonntag in der Adventszeit 1942 deutete Theodor Haecker bei einer Zusammenkunft des Freundeskreises (u.a. Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst) die Bibelstelle vom Auftreten des Antichrist (2 Thess 2, 1-12). Wir wissen über jenen Nachmittag durch Eugen Turnher, Haeckers Weggefährten, Bescheid : „Es war am zweiten oder dritten Adventsonntag des Jahres 1942, daß wir uns im Schreiber-Haus (München-Herzogpark) zu einer Teestunde versammelten. Die Frage kam dabei auf die Heraufkunft des Antichrist. Haecker, darauf vorbereitet, las zunächst die Bibelstelle (2 Thess 2, 1-12) vor und gab dann eine Deutung ganz im Sinne von John Henry Newman, aus dessen Buch er auch vorlas.“ In Haeckers Übersetzung lesen wir in der Einleitung, die die Überschrift „Die Zeiten des Antichrists“ trägt: „Wie das erste Kommen unseres Herrn seinen Vorläufer hatte, so wird das zweite den seinen haben. Der erste war Einer ‚mehr als ein Prophet’, der heilige Täufer. Der zweite wird mehr als ein Feind Christi sein; er wird das Bild selber des Satans sein, der furchtbare und hassenswerte Antichrist.“ Bei Eugen Turnher hinterließ dieser Nachmittag im Advent 1942 einen tiefen Eindruck. Jahrzehnte später schrieb er mir: „Gegen diese eschatologische Deutung erhob sich allgemein die Meinung von uns ‚Jungen’, am klarsten bei Hans Scholl, dessen Protest mir noch in Erinnerung ist: ‚Der Antichrist kommt nicht erst, er ist schon da!’“ – Diese Lesung Haeckers wird bei Mertz nur in einer Fußnote erwähnt.Weiter zum Advent 1942. Bei Hinrich Siefken (Die Weiße Rose und ihre Flugblätter, Manchester und New York 1994) findet sich diese Deutung: „In diesen Tagen der Vorbereitung auf Weihnachten las Christoph Probst das Buch ‚Macht und Gnade‘ das katholischen Schriftstellers Reinhold Schneider. – Man kann darüber trefflich streiten, ob diese Lektüre der Vorbereitung auf Weihnachten diente oder, wie Mertz auf Seite 105 meint, eben nicht.Zu Weihnachten 1942. Ehefrau Herta erinnerte sich, dass ihr Ehemann in der Christmette an Heiligabend 1942 eine „Art exstatischer Vision“ erlebte. Denn Weihnachten war ein einzigartiges Erlebnis für Christoph Probst. Diese Innerlichkeit und Empfänglichkeit („Art exstatischer Vision“) erinnert an den verwundbaren und sensiblen Vater („ekstatisch verzückt“). Davon ist bei Mertz nicht die Rede.Leider fehlt ein Abschnitt zur Erinnerungskultur. Es gibt Christoph-Probst-Straßen nicht nur in Großstädten wie München, Köln, Leipzig und Hamburg. Im Geburtsort Murnau wurde die Max-Dingler-Hauptschule in Christoph-Probst-Mittelschule umbenannt; in Gilching gibt es ein Christoph-Probst-Gymnasium. Und ein Lichtblick der Traditionspflege in der Bundeswehr. Am 6. November 2019, an seinem 100. Geburtstag, wurde die Liegenschaft in Garching-Hochbrück neu benannt in „Christoph-Probst-Kaserne.“ Allein auf die Eröffnung des Informativprozesses zur Seligsprechung wird man noch einige Jahre warten müssen.