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Dr. Stefan Hartmann
25.05.2024
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Die Enzyklika „Humani Generis“, im August 1950 von Papst Pius XII. veröffentlicht und mit ihren disziplinären Begleitumständen als „Blitzschlag auf FourvIère“ (Henri de Lubac) empfunden, bildete gewissermaßen eine Zäsur im lehramtlichen Abwehrkampf gegen den Modernismus, der von den thomistischen römischen Hardlinern nicht nur bei Alfred Loisy (1857-1940), sondern irrtümlich auch beim feinsinnigen Philosophen Maurice Blondel (1861-1949) und den ihm folgenden Vertretern einer „theologia nova“ (Pius XII.), bekannter als „Nouvelle théologie“, gesehen wurde. In einem letzten großen Versuch in der Tradition antimodernistischer Lehräußerungen der Päpste unterbindet die neuscholastische römische Theologie mit „Humani Generis“ die an den französischen Ordenshochschulen der Dominikaner (Le Saulchoir) und der Jesuiten (Lyon-Fourvière) entworfenen Konzepte.Zettl gliedert seine zum Zweiten Vatikanum hinführende theologiegeschichtliche Arbeit in vier Teile: 1. Modernismus und Antimodernismus, die breit mit ihren Folgen behandelt werden (23-113); 2. Die „Nouvelle théologie“, die in ihren Hauptvertretern geschildert wird: Rom diskreditierte und zensierte die später allesamt rehabilitierten und oft zu Kardinälen ernannten Theologen, darunter die Dominikaner Marie-Dominique Chenu, Yves Congar, Henri Féret und Louis Charlier (fälschlich „SJ“ genannt), sowie die Jesuiten Henri Bouilllard, Jean Daniélou und ganz besonders Henri de Lubac (1896-1991); 3. Eine Inhaltsanalyse der uneinheitlich gegliederten Enzyklika mit zwei Hauptteilen: den in Art eines „Syllabus“ als irrtümlich bezeichneten Lehren der Gegenwart in vielen „Ismen“ und der positiven Darlegung der kirchlichen Lehre in antimodernistischer Tradition; 4. Der Paradigmenwechsel von „Humani generis“ (1950) zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965).Sehr tiefschürfend und exakt wird den biografischen Verbindungslinien nachgegangen und klar erkannt, dass es sich bei der „Nouvelle théologie“ nicht um eine Spielart des Modernismus handelt, wie der einflussreiche Dominikaner Réginald Garrigou-Lagrange laut argwöhnte. Die Verfasserschaft der restriktiven Enzyklika, die am Vorrang der Vernunft und an der Lehre des Monogenismus festhält, ist auch nach Öffnung der vatikanischen Archive bis 1958 ungeklärt. Mögliche Mitverfasser könnten Pietro Parente, Garrigou-Lagrange OP, Augustin Bea SJ oder Marie-Michel Labourdette OP sein, Sebastian Tromp SJ eher nicht (20). Die Enzyklika hat keine klare Struktur und ist trotz einiger positiver Gedanken zu exegetischen Fragen theologisch nicht sehr hochstehend. Dennoch fand sie 1998 in der Enzyklika „Fides et ratio“ von Papst Johannes Paul II. noch positive Erwähnung. Der Rückblick auf das antimodernistische Lehrschreiben kann verständlich machen, wie erleichternd nach einer Zeit des „Pianischen Monolithismus“ (144; ein Wort Karl Rahners) der Paradigmenwechsel im Zweiten Vatikanum war. Zettl beschreibt im vierten Teil seines Werkes ausführlich, wie Yves Congar OP und Henri de Lubac SJ, die Hauptprotagonisten der „Nouvelle théologie“, von Papst Johannes XXIII. rehabilitiert und in die vorbereitende theologische Kommission des Konzils berufen wurden. Dort konnten beide im Sinne der Ökumene und der Kirchenlehre mitwirken und den Verlauf des Konzils entscheidend beeinflussen, allerdings auch schon Gefahren erkennen.Der Zisterzienser David Zettl, der als Archivar im Stift Rein arbeitet, hat mit seiner Grazer Dissertation ein wissenschaftliches Buch vorgelegt, dass sich oft wie ein Krimi liest und einen Kern der katholischen Theologie- und Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts herausarbeitet.
Eine allzu einseitige Studie. Sämtliche Aufstellungen der sog. neuen Theologie – selbst so absurde wie die prävitale Materie eines Teilhard de Chardin – werden als großartige Bereicherung des theologischen Denkens bewertet, während auf Seiten Pius‘ XII. und der römischen Theologen nur Engstirnigkeit gewesen sein soll.Es stimmt auch nicht, dass die römische Theologie gegen eine Rückkehr zu den Quellen gewesen wäre. Niemand war gegen das Studium der Kirchenväter. Allerdings wollte man nicht die Klärungen aufgeben, die die Scholastik gebracht hatte, wohingegen die Vertreter der neuen Theologie gerne in einen nebulösen, vorwissenschaftlichen Zustand der Theologie zurückkehren wollten.Die Studie berücksichtig auch nicht die Folgen der neuen Theologie. Nach ihr müsste die Kirche jetzt, da die neue Theologie sich durchgesetzt hat, in Blüte stehen, während es doch gerade umgekehrt ist: Unter Pius XII. hatten wir eine blühende Kirche, während die Bischöfe heute – jedenfalls in Europa und Nordamerika – nur noch den Untergang verwalten.