Im Zuge der Erneuerung Roms in der Renaissance wurde die damals bereits über 1000 Jahre alte Petersbasilika durch eine gewaltige Kathedrale, den heutigen "Petersdom" ersetzt. Die alten Befunde wurden nur sehr unvollständig dokumentiert, sodass wir heute nicht viel über das ehemalige Aussehen des Gebäudes besitzen, sieht man einmal ganz ab von den Veränderungen während seines Bestehens. Hugo Brandenburg, schon seit 20 Jahren emeritierter Professor für (christliche) Archäologie, hat sich sein ganzes Berufsleben mit dem frühchristlichen Rom beschäftigt und kennt die kontroversen Diskussionen um Gründungsdatum, Ausstattung und Nutzung der Peterbasilika wie kaum jemand sonst.In seinem Buch fasst er den Stand der Erkenntnis zusammen und zieht eigene Schlüsse, wobei er die Gesamtheit der Funde, Befunde und Textquellen kritisch gegeneinander abwägt. Nicht immer lassen sich Annahmen zweifelsfrei beweisen, was insbesondere an Quellen mit z. T. unklarer Zuverlässigkeit liegt, aber Brandenburg zieht in solchen Fällen andere Aspekte hilfsweise heran, um seine Aussagen zu untermauern. Seine Argumentation belegt ein umfassendes Quellenwissen, das über die reine Historiografie hinausgeht und ein tiefgehendes Verständnis für den antiken Ritus und die kaiserliche Verwaltung zeigt.Die größte wissenschaftliche Kontroverse rankt sich um das Gründungsdatum, das in der Papstchronik Liber Pontificus Kaiser Konstantin I. zugewiesen wird. Das wurde von einigen amerikanischen Historikern vehement angezweifelt, die Konstantin jeden Beitrag absprechen, und so liegt ein besonderer Schwerpunkt von Brandenburgs Monografie auf der sauberen Zusammenfassung der Fakten und ihrer dialektischen Analyse. Aus meiner Sicht bestehen keine begründbaren Zweifel, dass Brandenburg mit seiner Bestätigung der konstantinischen Gründung Unrecht haben könnte, dafür sind zu viele historische, archäologische und literarische Quellen mit seiner Argumentation im Einklang.Neben dieser Frage beschäftigen den Autor die Gestaltung, der Bau und die Ausstattung, die A. Morales in zahlreichen dreidimensionalen Rekonstruktionszeichnungen zum Leben erweckt. So erhält der Leser eine sehr gute Vorstellung von der Raumwirkung, die sich stark vom heutigen Petersdom unterscheidet. Brandenburg erklärt u. a., dass die heterogene Ausstattung der verwendeten Kapitelle in ihrer Herkunft aus dem kaiserlichen Baustoffdepot in Ostia begründet ist, da in der kurzen Bauzeit die Säulen nicht vor Ort hergestellt werden konnten. In den einzelnen Kapiteln werden alle Bauteile der Basilika im Detail vorgestellt und im Anschluss die bei der Erneuerung im 16. Jahrhundert gefundenen antiken Sarkophage untersucht (auch das ein Spezialgebiet Brandenburgs). Auch sie stützen die Gründungsthese unter Konstantin.Der Text richtet sich in erster Linie an ein Fachpublikum. Der Autor nutzt zahlreiche archäologische und architektonische Fachbegriffe (es gibt kein Glossar), lateinische Originalquellen und Begriffe werden nicht übersetzt und er neigt auch zu unübersichtlichen Schachtelsätzen, die manchmal grammatisch nicht ganz schlüssig erscheinen. Außerdem sind bis auf die 3D-Rekonstruktionen die Bildreferenzen eher sparsam, was in einigen Fällen sehr stört, da die jeweiligen Quellen, wie z. B. das Samagher-Kästchen, einen wesentlichen Bestandteil von Brandenburgs Argumentation ausmachen. Insgesamt hat der Text eine extrem hohe Informationsdichte, ist aber für Laien mühsam lesbar. Ich habe mich jedenfalls schwergetan, auch wenn ich das Thema und die multidisziplinäre Herangehensweise ausgesprochen spannend fand. Man kann dieses Buch durchaus als die Quintessenz eines Forscherlebens betrachten.