Über drei Generationen hat die Architektenfamilie Böhm in Deutschland den Sakralbau dominiert und einige der schönsten modernen Kirchen geschaffen, die es hier gibt. Bis in die sechziger Jahre hinein wurden von den Kirchen zahlreiche Aufträge ausgeschrieben, vor dem Krieg, weil die Gemeinden noch im Wachstum waren, nach dem Krieg durch Neu- und Umbau von Kriegsruinen. Auch das Zweite Vatikanische Konzil mit seinen weitreichenden Veränderungen in der Liturgie und den daraus resultierenden räumlichen Anpassungen war nicht ganz unbedeutend bei den Konzeptionen.Charakteristisch für alle Böhm-Bauten ist die ausgeklügelte Lichtregie, die durch geschickte Wahl der Fensterflächen und -farben den Altarraum betont. Es gibt fast immer stilistische Anleihen aus der Vergangenheit, seien es die dunklen Vorhallen und Hauptschiffe der Romanik, gotische Fensterrosetten und Langfenster oder maurische Deckengewölbe. Die Elemente sind aber stets neu interpretiert, wirken nie altmodisch oder deplatziert und gliedern sich völlig natürlich in einen modernen Raum mit spirituellem Gehalt. Vor allem Dominikus Böhm hat auch gerne höhlenartige Konzepte verwirklicht, mit wenig natürlichem Fensterlicht, bei denen der Altarraum den Betrachter magisch anzieht. Überhaupt sind einige seiner expressionistischen Bauten von einer unglaublichen Eleganz und majestätischen Würde, wie ich das in modernen Kirchenräumen selten gesehen habe. Dieses Zusammenspiel zwischen Licht, Material und Raumgeometrie hat er perfekt beherrscht. Auch sein Sohn und die Enkel orientieren sich bis heute an diesen Prinzipien und ihnen gelingen ebenfalls wunderschöne, elegante Räume, wobei mir aufgefallen ist, dass bei ihnen das bevorzugte Baumaterial (Sicht)Beton nicht selten durch Witterungsschäden Probleme macht. Auch die oft verwendeten Flachdächer sind nicht unproblematisch, wie die Autorin der Texte, Stefanie Lieb, bemerkt. Auf der anderen Seite ermöglicht der Baustoff Beton Konstruktionen, die mit herkömmlichen Materialien kaum zu realisieren sind. Die freihängenden, an Kristalle erinnernden Strukturen, die vor allem Gottfried Böhm gerne einsetzt, sind äußerst eindrucksvoll, aber bergen eben auch konservatorische Risiken.Insgesamt werden im Buch 94 Sakralbauten vorgestellt, der deutliche Schwerpunkt liegt dabei auf dem Rheinland und Dominikus Böhm, der das Glück hatte, in der Hochzeit des Kirchenbaus zu leben und zu arbeiten. Gottfried Böhm ist schon weniger stark repräsentiert und seine Söhne wiederum haben bisher kaum Gelegenheit gehabt, sakrale Projekte zu realisieren. Quantitativ mag es vielleicht nicht viel sein, qualitativ reichen sie aber definitiv an ihre Vorfahren heran.Die Fotos von Hartmut Junker sind ausgesprochen gut gelungen und fangen die Atmosphäre der Räume wunderbar ein. Vor allem die Lichtstimmung wird perfekt wiedergegeben, die in Kirchen meistens der entscheidende Faktor ist. Es werden keine künstlichen Lichtquellen eingesetzt, aber auch keine HDR Fotografie, die zwar alle Details einfängt, aber oft auch ein etwas synthetisches Bild liefert. Das Großformat des Buches unterstützt die wunderbare Raumwirkung der Fotos zusätzlich.Stefanie Lieb liefert neben kurzen historischen Hintergrundinformationen zu den jeweiligen Bauprojekten auch architektonische und konzeptionelle Erklärungen. Ihr präziser, schnörkelloser Stil bringt die Dinge fast immer auf den Punkt, allerdings hätte die Darstellung der politischen Auseinandersetzung mit der DITIP-Zentralmoschee in Köln durchaus etwas weniger konziliant formuliert sein dürfen. Paul Böhm hat das schöne Gebäude als offenes und kulturverbindendes Werk konzipiert, heute gehen hier aber Hassprediger ein und aus und die DITIP ist zur Propaganda- und Spionageabteilung Ankaras herabgesunken. Das sind Tatsachen und nicht nur ein Anschein, wie es Stefanie Lieb so höflich ausdrückt.Seit den Sechzigerjahren gab es keine Monografie mehr zu den Sakralbauten der Familie Böhm. Dieses Buch setzt ihr ein würdiges Denkmal, mit zahlreichen Kirchenbauten, exzellenten Fotografien und einem zeitlos eleganten Seitenlayout.