Habe dieses Buch gebraucht zum Spottpreis erworben, weil mich die Hintergründe von Galileis Fallgesetzen interessieren. Es ist sehr inspirierend, den alten Meister mal im (Fast-) Original zu lesen. Die Fallgesetze hat man in Schule und Studium nach dem genialen Ansatz von Newton rauf und runter gelernt - Beschleunigung zweimal integrieren und fertig. Galilei wusste noch nichts davon und hat das Problem trotzdem genial gelöst. Im Gegenteil - ich möchte behaupten, dass seine Abhandlung Newton zu dessen Infinitesimalrechnung durchaus erst inspiriert haben könnte. Auch sonst in jeder Hinsicht lesenswert. Einfach nur peinlich hingegen, dass die Katholische Kirche über 350 Jahre brauchte, dieses Genie zu rehabilitieren und das auch nur halbherzig mit billigen Seitenhieben.
Nachdem die Wissenschaftliche Buchgesellschaft in Darmstadt relativ kurz nach Erscheinen des Nachdrucks von 1973 die Produktion leider eingestellt hat, muss man dankbar sein, dass der Europa-Verlag den Nachdruck der berühmten Discorsi von Galileo Galilei ab 2007 in der Übersetzung von Arthur von Oettinger übernommen hat. In seinem 1938 erschienen bemerkenswerten Aufsatz lobte der Physiker und Nobelpreisträger Max von Laue die Discorsi als erstes Lehrbuch der Physik. Das ist es in der Tat. Ich hatte über Jahrzehnte die Gelegenheit, Textpassagen aus den Discorsi in meinem Unterricht als Physik-Lehrer zu verwenden, um das Unterrichtsgespräch über grundlegende Fragen der Mechanik spannungsreich und verstehbar zu gestalten. Obwohl die Übersetzung in der deutschen Sprache des ausgehenden 19. Jahrhunderts geschrieben ist, waren die wichtigsten Kapitel durchaus verständlich und die Sprache und Definitionen anschlussfähig an die moderne Physik. Dies lässt sich leider von neueren Übersetzungen wie etwa die von Ed Dellian im Felix Meiner Verlag nur mit erheblichen Einschränkungen feststellen. Während von Oettingen als Physiker mit seiner Übersetzung für begriffliche Klarheit gesorgt hat, um beim Leser keine Verwirrung mit neueren Bestimmungen der Physik zu stiften, wie dies bei Dellian der Fall ist. Wer sich für Galilei interessiert, sollte sich daher unbedingt für diesen Discorsi-Nachdruck des Europa-Verlages entscheiden.