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Dr. Hansjörg Biener
14.09.2023
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Schröter, Jens (Hg.): Jesus Christus, Tübingen: Mohr-Siebeck, 2014 (978-3-8252-4213-8), 19,99 EURIn der verdienstvollen Reihe „Themen der Theologie“ widmet sich der 2014 von Jens Schröter (Berlin) herausgegebene neunte Band „Jesus Christus“. Gerahmt von einer Einführung und Zusammenschau des Herausgebers bieten Beiträge aus sechs Disziplinen aktuelle Sichten auf die zentrale Gestalt des Christentums. Auch dieses Buch der Reihe bietet ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.Jahrhundertelang und schon im Neuen Testament eignete sich das Christentum die Schriften seiner Herkunftsreligion an. Klassisch sind allegorische, typologische und eschatologische Auslegungen des aus Sicht des „Neuen“ Bundes „Alten“ Testaments auf Jesus Christus hin. Diese aber sind in Mitteleuropa durch das moderne historische Bewusstsein gebrochen und kaum noch plausibel zu machen. Somit kann nur gefragt werden, wie Jesus im Spiegel alttestamentlicher Gottesbezeichnungen (u. a. „Herr“, aber auch „Vater“) und wichtiger theologischer Traditionen („Schöpfung“, „Vätergeschichte“, „Exodus/Sinai“, „Heiligkeit“, „Geschichtstheologien“, „Weisheit“) zu betrachten ist. In „Jesus Christus im Spiegel des Alten Testaments“ gelingt es Markus Witte (Berlin), dass sowohl die Eigenständigkeit dieser Traditionen zum Ausdruck kommt als auch ihre Anschlussfähigkeit bzw. erschließende Kraft zur theologischen Interpretation der Gestalt Jesus Christus.In „Die Fülle der Gnade - neutestamentliche Christologie“ setzt sich Reinhard von Bendemann (Bochum) zunächst kritisch mit verschiedenen Ordnungsversuchen neutestamentlicher Vielfalt auseinander. „Alle Versuche die Stoffe historisch, traditionsgeschichtlich, kanonisch o. ä. zu ordnen, basieren auf hermeneutischen Prämissen und systematischen Entscheidungen. [...] Besonders betrifft diese Einsicht Fortschritts- und Entwicklungsmodelle, die verschiedenen Ordnungsmustern zugrundeliegen bzw. sich in ihren auswirken können.“ (74) Diese an sich banal klingende Auskunft hat aber gravierende Konsequenzen etwa im Blick auf die Vorstellung, dass die „Christologie“ erst im Lauf der Dogmengeschichte immer komplexer und abgehobener geworden sei: „So ist es keinesfalls der Fall, dass Vorstellungen wie die der Erhöhung Jesu in eine göttliche Machtstellung oder die der Präexistenz Christi erst später am Ende einer langen Entwicklung festzustellen wären.“ (75)Auch wenn das Auseinanderlegen eines historischen Jesus und eines geglaubten Christus an den neutestamentlichen Texten scheitert, zollt von Bendemann der Leseerwartung, wie es denn nun wirklich war, den nötigen Tribut. Nicht ohne „hermeneutische Vorbemerkung“ ordnet er die Überlieferungen zur Biographie Jesu ein und schließt mit einer weiteren Warnung, nun nicht aus dem überlieferten Material mit dem Modell „implizit“, dann „explizit“ eigene christologische Themen nachträglich in der Tradition zu verankern. „Das Modell einer ‘impliziten Christologie’ Jesu hat die Aufgabe plausibel zu machen, wie nachösterliche Entwicklungen an die älteste Jesustradition anknüpfen konnten. Hierbei handelt es sich zugleich um Prozesse einer dynamischen Transformation; man könnte sagen: Ein ‘Deutungsüberschuss’ wird aufgegriffen und neu gestaltet; ‘implizite Christologie’ bedeutet dagegen nicht, dass das weitere Christuszeugnis als systematische ‘Explikation’ der ältesten Jesustradition darzustellen wäre.“ (83) Die jeweils eigenständig wahrzunehmende Darstellung Jesu in den paulinischen Briefen, im Markus- und im Johannesevangelium, im Hebräerbrief und in der Johannesoffenbarung mündet in die Fragestellung, wie mit der Vielfalt umzugehen ist, wenn man sie denn nicht auf eine einzige Christologie verdichten kann. „Der Schatz neutestamentlicher Narrative, Metaphern, diskursiver Vorstellungen und Ausdrucksformen zeigt, dass die Bedeutung Jesu Christi nicht in einem einzigen Sprachspiel zu erschöpfen ist, vielmehr immer und je neu zur Versprachlichung und Verwirklichung drängt.“ (116) Damit sind auch spätere Redeformen nicht von vorneherein ein Bruch mit der neutestamentlichen Form, sondern zunächst einmal legitime Fortschreibungen und Transformationen, die in ihrer Differenz und Analogie ernst zu nehmen und zu bewerten sind.Ein großes Problem für alle Einführungsbücher ist die Komprimierung kirchengeschichtlicher Aspekte des behandelten Themas. Martin Ohst (Wuppertal) verzichtet auf die Dogmengeschichte und die neuzeitliche Frage nach dem historischen Jesus. (119) Das erscheint auf den ersten Blick sehr angreifbar, weil die historischen Dogmen erklärungsbedürftig sind und weil gerade auch in der populären Literatur allerlei angeblich von der kirchlichen Dogmatik befreite und damit authentische Jesus-Bilder gezeichnet werden. Andererseits wird in den Kapiteln zum NT und zur Systematik einiges dazu beigetragen und wird der Raum für ein instruktives Kapitel „Urheber und Zielbild wahren Menschseins - Jesus Christus in der Kirchengeschichte“ frei. Das Kapitel geht zunächst der These nach, „dass im westlichen Christentum von frühester Zeit an in spezifischer Weise nicht nur die Menschwerdung, sondern das geschichtlich-persönliche Menschsein Christi als formender Beweggrund der Frömmigkeit wie der Theologie in einer Weise wirksam ist, die im östlichen Christentum keine Entsprechung hat.“ (120) In der Einleitung zum Abschluss dieses Durchgangs findet Ohst die schöne Formulierung einer „Auffassung des irdischen Jesus als Quell und Norm einer besonders geprägten und in sich heilsamen und mehr noch heilsverbürgenden Lebensform“ (139), der mönchischen Askese. Der Welt und dem Leben zugewandt erfolgte dagegen der Rückgriff bei Erasmus, Luther und Schleiermacher, wenngleich auf jeweils andere Weise.Der systematisch-theologische Beitrag „Die Christologie als Reflex des frommen Selbstbewusstseins“ ist an sich klar gegliedert und immer wieder durch Zwischenfazits geordnet, aber dennoch nicht ganz einfach zu lesen. Notger Slenczka (Berlin) verfolgt drei Grundgedanken: (1) dass die Christologie als Reflexion von Glauben dazustellen ist, wenngleich er sich damit nicht einfach selbst interpretiert, (2) dass die Christologie sowohl eine Neubestimmung des Göttlichen als auch des Menschlichen darstellt und (3) dass christologische Aussagen nicht ohne ihren Bezug auf das Heil des Menschen interpretiert werden können. „Es handelt sich bei diesen Aussagen um das Aussprechen in einer in der Begegnung mit Jesus von Nazareth ausgelösten soteriologischen Erfahrung, die als befreiende Deutung gegenwärtiger Existenz sich erschließt und überzeugt. Die Aussagen sind dann wahr in dem Sinn, dass sie authentische Selbstaussprache auch gegenwärtiger Existen sind und dieses Selbstverständnis in anderen zu wecken anstreben.“ (222, vgl. auch 184). Das hat auch interessante Konsequenzen für die „Theodizee“ und die „Anthropodizee“.Helmut Schwier (Heidelberg) geht im praktisch-theologischen Beitrag „Wer ist Jesus Christus für uns heute“ die kirchlichen Praxisfelder Gottesdienst, Predigt, Bildung und Diakonie durch und anschließend auf nicht-kirchliche Bezüge auf Jesus (Christus) in der mitteleuropäischen Kultur ein. In der Vielfalt der Felder und der Kürze des jeweils Angesprochenen gerät das zu einer Tour d’Horizon. So bleibt nicht das Gefühl, eingeführt worden zu sein, sondern noch diesen und diesen und diesen Autor lesen zu müssen und jene Autorin auch. (Beispiele S. 249 17 Literaturverweise in einer Klammer; S. 253 fünf religionspädagogische Ansätze auf einer halben Seite) Will man bei den Praxisfeldern bleiben, wäre es wohl durchsichtiger geworden, die in der Überschrift des Beitrags gestellte Frage in bewusster eigener Perspektive durch die jeweiligen Felder zu führen und zu beantworten. Eine klare Alternative wäre es gewesen, nicht von der kirchlich-institutionellen Praxis her zu denken, sondern empirische Studien zu Jesus-Bildern von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (vgl. 252-253 gestreift) praktisch-theologisch zu reflektieren.Auch Klaus Hock (Rostock) entscheidet sich für die Perspektive „Religionswissenschaft/Interkulturelle Theologie“ begründet für drei Einzelthemen. In „Jesus und die Religionen“ behandelt er Islam und den Hinduismus je exemplarisch für eine Religion in direkter Nachbarschaft zum Christentum und eine, in der die Gestalt Jesus (Christus) erst spät rezipiert worden ist. Im Bezug auf den Islam kommt Hock zu dem Fazit: „Gemeinsam können beide Jesus als ethisches Vorbild ehren, das die Menschen zum Glauben an Gott ruft. Der christliche Glaube geht dabei jedoch noch einen Schritt weiter, indem er in der Gestalt Jesu die Kluft zwischen Schöpfer und Geschöpf von Gott her überwunden und die Möglichkeit der Gemeinschaft des Menschen mit Gott eröffnet sieht - zwei Perspektiven, die der Konfiguration islamischen Glaubens signifikant entgegenstehen, da dieser daran festhält, dass die Grenze zwischen Schöpfung und Schöpfer unüberschreitbar ist.“ (277) Im Bezug auf die neohinduistische Rezeption: „Der hinduistische Jesus scheint so vielfältig und komplex wie der Hinduismus selbst. [...] Dabei bleiben allerdings wesentliche hinduistische Grundannahmen erhalten [...]. Konstitutive Elemente des christlichen Jesusverständnisses wie Leiden oder Kreuzestod bleiben ausgespart oder werden umgedeutet.“ (286). Auf die mit den Überschriften gut charakterisierten Abschnitte „Jesus im Islam: Leitbild ethischer Vollkommenheit und Zeichen Gottes“ bzw. „Jesus im Hinduismus: Realisierte Gottmenschlichkeit und spirituelles Prinzip“ folgt noch ein Abschnitt über „Kontextuelle Jesusdeutungen aus der Perspektive interkultureller Theologie“. Dass die Jesus-Gestalt in anderen Religionen nach den jeweils dort gültigen Denkmustern interpretiert wird, lässt sich im inter- und innerkulturell vergleichenden Blick auch auf die christlichen Rezeptionen konstatieren. Klaus Hock diskutiert Beispiele aus Afrika und Indien. Über solche Beispiele hinaus ist „in der Regel festzustellen, dass Frauen aber auch sozial Benachteiligte oder kulturell Marginalisierte häufiger solche Jesusdeutungen priorisieren, die eine Dynamisierung bestehender Ordnungen implizieren, während Männer und Etablierte christologische Entwürfe favorisieren, die stärker auf die Wahrung und Stabilisierung bestehender Verhältnisse abheben - selbst dann, wenn sie in denselben kulturellen Kontexten leben.“ (293)Mit einer Ausnahme positionieren sich die Autoren klar und deutlich, ohne sich in Abgrenzungen und Debatten zu verzetteln. So kann man die Beiträge tatsächlich als Einführungen in das Thema „Christologie“ aus der Perspektive verschiedener Disziplinen lesen. Da insbesondere der systematisch-theologische Beitrag von Notger Slenczka auch auf NT-Texte und die Frage nach dem historischen Jesus eingeht, bekommt man auch im Buch eine zweite, wenngleich nicht kontrastierende, sondern anders argumentierende Position. Alle Beiträge teilen eine Wertschätzung für die Vielfalt und für eine reflektierte eigene Positionierung und sind damit anschlussfähig für den inner- und interdisziplinären Dialog. Dass in mancher Aussage auch Positionierungen zu finden sind, sei mit den Schlusssätzen von Markus Witte im Beitrag zum Alten Testament angedeutet: „Die im Alten Testament versammelten Theologien der Schöpfung, der Geschichte, des Rechts und der Weisheit, die aus der Perspektive des Neuen Testaments in der raum-zeitlichen Fokussierung und Personalisierung auf Gottes Handeln in Jesus Christus ihr Ziel finden, sind so ein grundlegender Beitrag zur Rede von Jesus Christus. Im Verbund mit der Theologie des Neuen Testaments bilden sie die Basis christlicher Theologie als Entfaltung des Sprechens vom Handeln Gottes in Jesus Christus.“ (64-65) Das hat sein Berliner Kollege Notger Slenczka in jüngerer Zeit bestritten.(Prof. Dr. Hansjörg Biener, Nürnberg)