Die utilitaristische Wirtschaftsethik, die Bernward Gesang vorlegt, schließt endlich die Lücke zwischen den wirtschaftsnahen affirmativen Wirtschaftsethiken Homannscher Provenienz und den diskursethischen, kritischen aber arg idealistischen Konzepten der St. Gallener Schule um Bernd Ulrich. Gesang versucht nicht nur theoretisch zu begründen, wie eine Ökonomie organisiert sein muss, damit sie den größtmöglichen Nutzen für möglichst viele Betroffene von wirtschaftlichen Entscheidungen erzielt, sondern auch konkrete Ratschläge für einzelne Unternehmen zu geben, wie dieses Ziel in der Praxis erreicht werden kann. Er ist davon überzeugt, dass all jene Wirtschaftsethiken zu kurz springen, die die Ethik als Reparatur- oder Korrekturinstanz sehen, wenn die Wirtschaft sich nicht an bestehende Regeln hält. Es fehle vielmehr an klaren Regeln und Vorgaben, um ein „nachhaltiges und gutes Wirtschaften zu erzwingen.“ Die größten ethischen Herausforderungen sieht Gesang in der Bewältigung der globalen Armut und der Umweltzerstörung auf Kosten zukünftiger Generationen. Durch ein Festhalten am Wachstumsdogma seien diese Probleme nicht zu lösen. Stattdessen entwirft er ein Modell, das er „Absolute-Border-Economy“ nennt: Eine Wirtschaftsform, die Obergrenzen für den Verbrauch bestimmter Güter festlegt. Sie beruht auf dem Gedanken der Nachhaltigkeit und besteht darin, knappe Güter, deren weiterer Verbrauch zu massiver Beeinträchtigung zukünftiger Generationen führen würde, für die Wirtschaft sehr teuer zu machen oder sie im Extremfall ganz zu entziehen. Als weitere Mittel zur Durchsetzung der AB-Ökonomie gelten die Einrichtung von Zukunftsräten, die Einsetzung unparteilicher Schiedsmänner und die Aufnahme eines neuen Staatsziels „Generationengerechtigkeit“ in das Grundgesetz.Die konkrete Umsetzung soll in einem dreistufigen Entscheidungsmodell gelingen: Auf der ersten Stufe sollen Unternehmen sich auf die Einhaltung von Menschenrechten verpflichten, die utilitaristisch als Möglichkeit der Persönlichkeitsentfaltung bestimmt werden; auf der zweiten Stufe soll eine kritische Abwägung durch externe Ethik-Komitees stattfinden, die auf Branchen- oder Verbandsebene organisiert werden sollen; auf der dritten Stufe findet dann eine genauere moralische Untersuchung und Überprüfung der vorgeschlagenen Maßnahmen statt. Die Menschenrechte, auf deren Einhaltung die Unternehmen verpflichtet werden sollen, entsprechen weitgehend jenen, die auch im „Global Compact“ der UN vorgesehen sind. Zusätzlich sollen weitere sechs sogenannte „Menschenrechts-Plus-Normen“ eingeführt werden: 1. Die Verpflichtung zur Anrufung eines Ethik-Komitees in moralisch schwierigen Fällen, 2. eine Spendenpflicht von 1,5% des Jahresgewinns, 3.einen grundsätzlichen Schutz von Tieren, 4. die Berücksichtigung der Interessen zukünftiger Generationen, 5. ein allgemeines Korruptionsverbot sowie 6. eine Pflicht zur Förderung der Menschenrechte in den Staaten, in denen das Unternehmen tätig ist.Das Ganze ist sehr leserfreundlich, mitunter kurzweilig und nie belehrend formuliert, auch wenn Gesang sehr komprimiert und straff argumentiert. Unbedingt empfehlenswert!
Bernward Gesang behandelt verständlich und frei von dogmatischen Scheuklappen daueraktuelle Themen. Das Buch ist sowohl für Laien als auch für mit der Materie vertraute Leser geeignet und vertritt in einem mehrgliedrigen Ansatz einen humanen Utilitarismus, nachhaltiges Wirtschaftswachstum und eine "Absolute Border Economy".
Ich sehe es differenzierter als der Vor-Rezensent. An Bernward Gesang gibt es keine fachlichen Zweifel. Aber das Büchlein ist mir zu konzentriert, zu dicht. Wir haben nur 190 Seiten vor uns. Diskutiert werden u.a. Homines Oeconomicus Modell, die Vertragstheorie, die Pareto-Optimalität vs. Utilitarismus, nachhaltiges Wachstum, Demokratiedefizite, Wirtschafts - und Unternehmensethik, Menschenrechte.Jedes dieser Themen alleine hätte eine eigenes Buch erfordert. Es ist daher sehr anstrengend, das Buch zu lesen. Und manchmal verstehe ich die Argumentation auch nicht, weil sie zu verkürzt dargestellt wird. Viel Vorwissen ist erforderlich.Daher kann ich das Buch nur Fortgeschrittenen empfehlen, für Einsteiger ist das Buch weniger geeignet.