Der Titel, auch wenn er sich mit dem Untertitel zusammen ein wenig wie eine Rita Kimmkorn-Schlagzeile liest, ist so ziemlich Programm – das Buch ist ein Versuch, die Auseinandersetzung mit dem Tod in den 7 und v.a. des letzten der Harry Potter-Bände und den bis 2013 erschienenen Zusatzbüchern (besonders die Märchen von Beedle dem Barden) philosophisch zu erklären. „Das verwunschene Kind“ war natürlich noch nicht veröffentlicht oder relevant; auch nach der Lektüre käme man aber letztlich, wie ich finde, zu sehr ähnlichen Schlüssen.Das Thema Umgang mit dem Tod wird in verschiedenen Aspekten beschrieben und interpretiert, was meiner Meinung nach sehr gut und mit viel Gefühl für die Reihe und die Metaphysik dahinter gelingt. Als langjähriger Fan der Reihe und jemand, der sich ab und zu freizeitmäßig mit Sekundärliteratur über HP auseinandersetzt, habe ich lange nicht mehr so ein überzeugend argumentiertes „akademisches“ Buch gelesen. Einiges sollte dem aufmerksamen Leser klar sein, und die graphische Darstellung der „Modi“ des Todes durch verschiedene magische Gegenstände wäre m.E. nach gar nicht mehr nötig gewesen, weil die Autorin das bereits gut im Text beschreibt. Es ist dennoch eine schöne Erklärung und Ergänzung zur HP-Welt und ich schätze sie als solche ziemlich wert.Über viele der Themen und Abgrenzungen hat man konkret so nicht nachgedacht, zumindest, wenn man mit den Metaphern und vielen Botschaften der Originalreihe eher großgeworden ist. Dadurch gab es mir noch einige „Aha“-Erlebnisse, und auch als Philosophie-Laie (wenn auch -Interessierter) waren die Zusammenhänge gut zu verstehen. Viele Zitate und Beispiele aus dem Buch werden geliefert, sodass man eine dichte, logische und gut formulierte Betrachtung der Bücher vor sich hat.Als quasi Verkörperung dessen, der den Tod überwinden will (was, wie das Buch erklärt, auch nur menschlich ist, aber auch in der magischen Welt einfach unmöglich), ist natürlich Voldemort besonders im Fokus, sowohl als Tom Riddle als auch der spätere Gegenspieler Harrys. Harrys eigene Einstellung zum Tod wird tatsächlich einmal hinterfragt und scheint, was mir persönlich nie klar war, doch sehr weise und heldenhaft.Beleuchtet werden daneben natürlich auch die Charaktere, die sich auch schon verbal und in dem, wofür sie bei JKR stehen, mit dem Tod auseinandersetzen: Dumbledore und Snape (die Autorin ist hier etwas wertend, wenn sie sie als die interessantesten Personen der Reihe bezeichnet, beschreibt aber auch, warum sie nicht ohne Grund als diese gelten, eben im großen Zusammenhang mit der Leben-Tod-Thematik), am Rande auch die magischen Geschöpfe und kurzzeitigen Besitzer der Heiligtümer und Erschaffer von Horcruxen. Das Kapitel über Snape besonders erschien mir ziemlich aufschlussreich, weil er sonst schon fast eher glorifiziert wird und sich wenig Literatur so nüchtern mit der Figur auseinandersetzt (besonders seine „Liebe“ zu Lily). Auch Dumbledore wird eher hinterfragt als auf ein Podest gehoben, gerade die Enthüllungen über ihn im 7. Band sind aus meiner Sicht da gut analysiert und zusammengefasst worden.Alles in allem habe ich die Lektüre sehr genossen. Das Thema mag vorher schon diskutiert worden sein, ist aber kurzweilig, gut verständlich und basierend auf alle vorhandenen Informationen (inklusive Interviews mit JKR) dargestellt. Ich würde die „Heiligtümer der Philosophie“ jedem, der ein wenig Hintergrund und Kontext für die vielleicht vorher verwirrend scheinenden Lehren aus den normalen Büchern sucht, empfehlen, daher 5 Sterne.