Die Philosophin Karen Gloy diagnostiziert eine bereits länger anhaltende Krise der Demokratie, die sich in der Corona-Pandemie besonders nachteilig bemerkbar mache. Es könne nicht genügend „durchregiert“ werden, um bedrohlichen Situationen Herr zu werden. Anders sei es etwa im diktatorisch regierten China, das die Pandemie trotz anfänglicher Leugnung innerhalb von zwei bis drei Monaten in den Griff bekommen habe. So geht Gloy der provokanten, mindestens irritierenden, aber vollkommen ernsthaft gestellten Frage nach, ob das Leben und Arbeiten in der globalisierten Welt „eine Demokratie noch angemessen erscheinen lässt oder einer Diktatur bzw. einer Regierungsform mit diktatorischem Einschlag den Vorzug geben muss“ (13).Zur Beantwortung der Frage holt die Autorin sehr weit aus. Zunächst untersucht sie überlieferte Gesellschaftssysteme hinsichtlich ihrer Zeitmodelle: vom Hier und Jetzt der neolithischen Naturethnien, über die religiös erklärbare archaisch-mythische „Buckelzeit“, die kreisförmig gedachte Zeit der bäuerlichen Agrarkultur bis hin zur Linearzeit der Industriegesellschaft. Im Unterschied zu ihr sei unsere heutige spätmoderne Gesellschaft durch eine extreme Zeitbeschleunigung charakterisiert (Kapitel I). Die daraus resultierenden Probleme ‚Multitasking‘, ‚mediales Fremd-gesteuert-Sein‘ und ‚Burnout‘ würden durch verschiedene Fluchtstrategien wie KI-Forschung, Meditation und andere Entschleunigungsprogramme kompensiert, aber nicht gelöst.Spätestens hier wäre m.E. einzuwenden, dass meditative Techniken und Achtsamkeitsstrategien einen, z.B. durch die Neurowissenschaft nachgewiesenen, gesundheitsfördernden Effekt haben. Sie dienen, zumindest bei methodischer und nicht ideologischer Verwendung, der Selbststärkung.Das gemeinsame Bezogen-Sein aller Zeit- und Gesellschaftsmodellen auf eine ökonomische Basis ist nach Gloy nun nicht gleichermaßen abbildbar auf deren Beziehung zu Regierungsformen. Daher untersucht sie in Teil II die Struktur der antiken und der modernen Demokratie im Hinblick auf die Durchsetzbarkeit von Menschenrechten. Hinsichtlich des zentralen Freiheitsbegriffs demokratischer Staaten sieht sie eine „Unvereinbarkeit der Freiheitsrechte“ einzelner Bürger*innen. Insbesondere Kants Freiheitsmodell einer friedlichen Koexistenz aller sei im Hinblick auf die individuellen Bedürfnisunterschiede geradezu selbstwidersprüchlich (103). Auch der demokratische Grundwert ‚Gleichheit‘ erweise sich als Illusion: Menschen seien biologisch und kulturell, heute vor allen technologisch, zu verschieden geprägt, als dass Gerechtigkeit und Gleichverteilung von Gütern demokratisch durchsetzbar sei. Schließlich bleibe auch ‚Brüderlichkeit‘ im Internetzeitalter und angesichts der animalischen Natur des Menschen eine Utopie (115).Dass es auch Freiheitskonzeptionen gibt, die den ungleichen Voraussetzungen von Individuen, durchaus Rechnung tragen, wie der Capability Approach von Amartya Sen, erwägt Gloy leider nicht. Außerdem rechnet auch der hier kritisierte Kant nicht mit einer nur formal gleichen Freiheit, sondern einer inhaltlich auf die Selbstzweckhaftigkeit der Menschheit bezogenen, wie die „Menschheitszweck“-Formel und die „Reich der Zwecke“-Formel beweisen.Die Autorin fragt sich allen Ernstes, ob die instabil gewordene Demokratie durch Reformen überhaupt noch zu retten sei. Der Zerfall der EU, das Wiederaufleben alter Nationalstaatlichkeit (Polen, Ungarn) und nicht zuletzt weltweite Klima- und Corona-Demonstrationen aufgrund von „exzessiven Einspruchs- und Mitbestimmungsrechten“ (139), sprächen eher dagegen. Die östlichen Diktaturen mit ihrer konfuzianischen Tradition im Rücken könnten die gegenwärtig nötigen Freiheitsbeschränkungen, gestützt auf eine sich klaglos unterordnende Bevölkerung, viel effektiver durchsetzen als die westlichen Demokratien in einer egozentrischen Party-Kultur. Zu empfehlen sei daher eine „gelenkte Demokratie“. Was darunter genau zu verstehen ist, vor allem, wer unsere Demokratie denn wohl in welche Richtung lenken soll, führt die Autorin bedauerlicherweise nicht näher aus. Ihre These, dass „sowohl die westliche Demokratie wie die östliche Diktatur eine akzeptable Regierungsform“ (141) sein können, weil eben niemand sein kulturelles Erbe abzuschütteln vermöchte, gibt mir sehr zu denken.So schlecht die demokratischen Solidar- und Wertegemeinschaften auch immer funktionieren, das effektivere Krisenmanagement von Diktaturen und die traditionell größere Unterordnungsbereitschaft östlicher Völker dürfen keine (utilitaristischen) Argumente gegen (prinzipienethisch begründete) Demokratien oder für diktatorische Maßnahmen sein. Wenn sich Bürger*innen demokratischer Länder unverantwortlich oder unsolidarisch verhalten, dann liegt das ganz einfach daran, dass ihre Grundüberzeugungen noch nicht demokratisch genug sind. Und da können nur beharrliche Aufklärungsbemühungen, z.B. wissenschaftlich fundierte Beratungen, helfen, nicht aber autoritäre Lenkungen.Eine Auseinandersetzung mit Gloys Thesen ist gegenwärtig sehr zu empfehlen!Dr. Ulrich Müller (Berlin)
★★★★★
die Frau, die liest
15.06.2023
amazon.de
Leider kann man nicht keinen Stern vergeben. Das Buch hält sich von jeglichen historischen, soziologischen oder ethnologischen Quellen fern, wenn es riesige geschichtliche Zusammenhänge entwirft, um doch nur die Demokratie gegen die Diktatur auszuspielen. Als einzige Quelle für die Coronapandemie hält Wikipedia her, dabei wird gegenwärtig kaum etwas intensiver beforscht. Wer auf Stammtischniveau hören möchte, welche Meinung die Autorin über "die Jugend", "kränkelndes, gebrechliches" Leben, und Europas "veraltete Architektur" hat, dem sei der Band wärmstens empfohlen.