Klar, Kafka kennt man. Seine Erzählungen las ich zum ersten Mal als Gymnasiast, dann als Erwachsener ab und zu wieder, und kürzlich noch einmal mit meiner Enkelin, die ihn inzwischen in der Schule auch schon liest. Und die landläufige Ansicht, Kafka sei der Autor der düsteren Verzweiflung, kenne ich natürlich auch -- “kafkaesk” ist nicht umsonst ein Gruselbegriff. Dennoch beschlich mich bei der Lektüre regelmäßig das Gefühl einer zweiten Spur, eines unterschwelligen Humors, als ob der Autor mit meinen Erwartungen als Leser spielen würde, um mich auf den falschen Fuß zu erwischen. Aber nun ja, ich bin kein Literaturwissenschaftler oder Germanist; ich lese nur zum Vergnügen und habe über diese Vermutung nie groß nachgedacht. Bis ich das Buch von Monika Ahrens mit dem witzigen Titel “Den visionären Blick habe ich nur bei Blitzlicht” sah und den Klappentext las: “Kafka, ein Humorist? Ja, ganz gewiss.” Na also.Um es vorweg zu sagen: Es handelt sich trotz des lockeren Buchtitels um eine anspruchsvolle wissenschaftliche Arbeit, die durch den unvermeidlichen Rückgriff auf Fachvokabular und Fachwissen für einen Laien wie mich nicht ganz einfach zu lesen ist. Andererseits ist der Text aber so geistreich und elegant geschrieben, dass das Lesen trotz der gelegentlichen Stolperstellen ein echtes Vergnügen bereitet.Die wichtigste Erkenntnis für mich war, dass, wie Ahrens sehr überzeugend darlegt, der Humor bei Kafka nicht stellen- oder seitenweise zu finden ist, in der Form von komischen Situationen und Beschreibungsweisen, sondern ein immer mitlaufender Faden in jeden Satz bildet. Sie zeigt, dass es sich um ein durchgehendes sprachkünstlerisches Verfahren handelt, in dem Kafka seine Leser in ein abgründiges Spiel von Beglaubigung und Täuschung verstrickt. Denn sein Humor ist ein strategischer: Aufbau und Entzug von Gewißheit ist die strategisch wichtigste Falle, in die Kafka den Leser immer wieder lockt.Absolut faszinierend fand ich die analytische Vorgehensweise der Autorin, die im fulminanten letzten Kapitel ihren Höhepunkt findet. Sie seziert satz- oder gar wortweise die berühmte Erzählung “Das Urteil” und führt mit einer glasklaren Logik vor, dass es sich um ein Spiel von Verdoppelungen, Finten, Spaltungen, Suspensionen und Verkehrungen handelt, das keine andere Schlussfolgerung zulässt, als dass die Erzählung als humoristisches Paradestück verstanden werden muss.Wie gesagt, eine nicht ganz leichte Lektüre, aber es hat sich gelohnt. Nächstes Mal, wenn ich wieder einmal schmunzeln muss bei einer Erzählung von Kafka, weiß ich ich, dass da was dran ist. Denn Franz Kafka ist, wie Monika Ahrens eindrucksvoll gezeigt hat, tatsächlich ein Humorist.
Als Literaturstudentin war ich, wie so viele, tief beeindruckt von Franz Kafkas Werk. Aber anders als die meisten hatte ich beim Lesen seiner Romane viel Spaß. „Amerika“ ließ mich laut und leicht lachen, bei „Das Schloss“ und „Der Prozess“ blieb das Lachen stecken, es schmerzte sogar, es war anders und neu. Als mir jetzt, Jahrzehnte später, Monika Ahrens Untersuchung zu „Kafkas strategische(m) Humor“ – so der Untertitel zu „Den visionären Blick habe ich nur bei Blitzlicht“ – in die Hände fiel, hoffte ich zu begreifen, was den Lachreiz auslöste. Und ich kann sagen: die Lektüre hat sich gelohnt – aber sie war nicht leicht.„Der Humor, so meine These, ist nicht stellen- oder seitenweise zu finden im Werk Kafkas, sondern ein immer mitlaufender Faden in jedem Satz“ (S.22) Die These von der humoristischen Machart der gesamten Schreibens Kafkas zu belegen ist Anliegen dieses Buches. Zu meiner Überraschung werden dabei nicht die großen Romane analysiert, sondern zentral zwei kurze Texte in den Vordergrund gerückt: das Fragment über den Zweikampf der Hände und die Erzählung „Das Urteil“ , die den Beginn von Kafkas Schriftstellerkarriere markiert.Um die Omnipräsenz des Humors in jedem Satz von Kafkas Schreiben zu belegen, geht Ahrens quasi mit der Lupe an die Texte, seziert die Sätze weitestgehend textimmanent. Kafka produziert Inkongruenzen, indem er unablässig seine Figuren etwas behaupten lässt, „was unerbittlich angenagt und in Unstimmigkeit gebracht wird“ (20) Biografische, psychologische und gesellschaftspolitische Deutungen werden nur kursorisch herangezogen.Diese Sprachanalyse nachzuvollziehen gelingt nicht mühelos, da Ahrens‘ Sprache selbst äußerst komplex ist, zwischen fachsprachlichen Abstrakta und fast poetischer Sinnlichkeit changiert. Anstrengend ist dabei auch, dass die Arbeit nur lose gegliedert ist. Die Einleitung legt nicht das geplante Vorgehen dar, sondern präsentiert schon den Forschungsstand zum Humor bei Kafka und führt dabei wie nebenbei schon die genannten Methoden der Humorproduktion ein. Die Textanalysen schweifen weit aus – Bezüge auf Werke der Weltliteratur ebenso wie auf Kafkas Werk und seine Analysen durch andere werden wie nebenbei herangezogen und sind doch bedeutungsschwere Brocken. Eine Theorie des Humors wird mittendrin angeboten – nach der Analyse des Fragments vom Kampf der zwei Hände. Vorgeschaltet hätte es dem Lesenden mehr gedankliche Mitwirkung ermöglicht. Zusammenfassung, Zuspitzung und Ausblick am Ende fehlen.Trotz dieser teils mäandernden Schreibbewegung und vielleicht gerade wegen dieser entsteht beim Lesen ein Sog, der weiterlesen lässt. Ahrens spürt den Erzähltechniken Kafkas in den Sprachspielen nach, in den Assoziationsräumen der Begriffe, wie am Beispiel des Morphems „recht“ in dem „Kampf der rechten gegen die linke Hand“. Meisterhaft führt sie uns Lesern vor Augen, wie Kafka uns hier letztlich mit unseren eigenen Erwartungen konfrontiert, wie wir uns selbst täuschen über sie: die Hoffnung auf eine gerechte Gewalt von oben weicht der Lust an der Eskalation der Gewalt.Die frühe Methode der Spaltung des Erzähler-Ichs auf zwei Figuren, die immer auf die Spannung zwischen Köper/Alltag/Anpassung und Schrift/Wahrheit/Rückzug/Zölibat zurückgeht, findet für Kafka ihren biografisch begründeten Abschluss in der Erzählung „Das Urteil“, mit der er im Jahr 1912 als Schriftsteller seinen Durchbruch hatte. Die berühmten Figuren Josef K. und K. aus den großen Romanen sind nicht mehr gespalten. Ahrens‘ Untersuchung endet mit dieser Erzählung. Sie ist nicht – wie der Händekampf - abgedruckt, aber es lohnt sich, sie noch einmal zu lesen, um Ahrens‘ Analyse mit Gewinn zu lesen. Zunächst wird eine biografische Deutung angeboten – Kafkas verzweifeltes Ringen um die Akzeptanz einer Existenz als Schreibender, sein Suchen nach einer Verbündeten in seiner Verlobten Felice Bauer. Das Autoren-Ich spaltet sich in die zwei Gestalten des einsamen Freundes in Russland und des erfolgreichen Geschäftsmannes im Haus der Eltern. „Irrsinnig komisch“, so Ahrens, wird diese Dualität zwischen Freund/Feind und Erzähler erst, wenn man sie als innere Dualität begreift. Die Dualität zwischen Schrift und Leben ist eine zwischen Wahrheit und Verrat. Wie Ahrens die Techniken Kafkas zur Gestaltung des versteckten Verrats und der Verleugnung in der Figur Georgs offenlegt, ist faszinierend. Aus dem Wechsel der Bezugswelten erwächst der komische Effekt.Was also ist der Humor in Kafkas Werk? Der moderne Humorbegriff betont die Überlegenheit des Einzelnen gegenüber der Macht der Allgemeinheit – aber auch seine Dazugehörigkeit, denn er ist Teil dieses Macht- oder Normgefüges und belächelt im Humor sich selbst. Das ist, wie Ahrens schreibt, die „masochistische Facette“ in Kafkas Humorverfahren (S. 136).So - mit frisch gestärkten Wahrnehmungsvermögen und gestähltem Deutungsvermögen lese ich die im 4. Kapitel vorgestellte Deutung der Tagebucheintragung Kafkas mit dem Titel „Der große Lärm“. Es macht Spaß, die Deutung selbst vorzunehmen. Allerdings komme ich – mit Ahrens‘ Schulung – zu einem anderen Ergebnis als die Autorin: ich lache über die entlastende Vision des Autors, sich zur Schlange zu machen, lache über die gleichzeitig masochistische Selbsterniedrigung des Erzähler-Ichs und seine verdeckte Machtergreifung als die Frauen erschreckende Schlange – eine Vorwegnahme des Ungeziefers aus „Die Verwandlung“.So trete ich am Ende mit der Autorin in den Dialog, zu dem mich ihre Analyse gerüstet hat. Es wäre lohnend, sich hiermit erneut die großen Romane Kafkas vorzunehmen.Margret Iversen