„Jede Vorstellung davon, was es heißt, sich eigene Gedanken zu machen, haben sie dir mit Prügel und Gebrüll und Demütigungen ausgetrieben.“INHALT:Hamburg, 2010: Ein etwa 5-jähriger Junge steht allein und weinend am Gate eines Flughafens. Die Jacke ist zu klein und mit Isolierband geflickt.Die Flughafenmitarbeiter verstehen seine Sprache nicht und suchen vergeblich nach seiner Begleitperson…Vollie Frade ist ursprünglich bei seinen Eltern auf einer großen Farm in der Prärie Iowas aufgewachsen. Doch seine Vergangenheit wurde auf dem Papier ausgelöscht. Bei seinen Einsätzen beim United States Marine Corps, welche ihn u. a. in den Vietnamkrieg führten, hat er viele Menschen sterben sehen. Nach seiner Gefangenschaft war nichts mehr wie vorher. Denn nun war er Dwight Elliot Tilly und hatte einen neuen Auftrag...MEINUNG:Der Anfang des Buches war eine Wucht! Mit dramatischen Kinderschicksalen sichert man sich meine Aufmerksamkeit fast immer. Zumindest wenn diese authentisch wirken, was hier der Fall war.In mir kam großes Mitleid mit dem etwa 5-jährigen Janis auf, der von seinem Vater, den er kaum kennt, in einem fremden Land mit fremder Sprache am Flughafen ausgesetzt wird. Seine Mutter hatte ihm erzählt, sie würde in den Urlaub fahren und hatte sich stattdessen aus dem Staub gemacht.Ich war wütend auf die Eltern, besonders auf Elroy - wie kann man als Vater so verantwortungslos handeln?!? Selbst den Koffer seines Sohnes mit dessen letzten persönlichen Gegenständen, wirft er einfach weg, als hätte er kein Herz…Leider nimmt die Handlung um Janis in dem 560-seitigen Buch einen verhältnismäßig geringen Platz ein.Über Elroy erfährt man schon recht bald, dass er mit Haftstrafen und Drogen in Berührung kam und in die Armee eingetreten ist.Im Vordergrund des Buches steht jedoch das Leben von Elroys Vormund Vollie Frade, dessen Geschichte viel Platz einnimmt. Zugegeben, von Schießereien im Krieg lese ich sonst selten detaillierter, aber ich bekam mal einen anderen Einblick. Sein Einsatz im Krieg und seine Gefangenschaft empfand ich als spannend geschildert, sodass ich diese Ereignisse interessiert verfolgt habe.Es wurde mir nochmals eindrucksvoll bewusst gemacht, wie die Marines emotional abgehärtet und nur darauf ausgebildet wurden, Befehle zu befolgen und zu funktionieren, ohne selbst nachzudenken. Das fand ich beeindruckend aber auch traurig und eine eigentlich eine schreckliche Vorstellung.Bei den Erzählungen rund um die Kriegseinsätze war der Ton etwas rauer, was für mich gut zum Inhalt gepasst hat.Später wurde mir die Erzählweise dann aber oft zu vulgär, wobei ich da auch etwas sensibel bin.Leider nimmt Janis in dem 560-seitigen Buch einen verhältnismäßig geringen Platz ein. Über seine Situation hätte ich gerne noch mehr gelesen, weil ich diese Seiten so bewegend fand. Und auch Vollie Frades Zeit in Krieg und Gefangenschaft waren wirklich spannend geschildert.Doch danach hätte sich der Autor für mein Befinden gerne kürzer fassen dürfen, es kamen leider so viele Längen und kaum noch Spannung beim Lesen auf.Zudem verlief für mich die Handlung später etwas zu chaotisch. Ich hätte ich mir ab ca. der Hälfte des Buches mehr Struktur beim Inhalt und bei den Erzählperspektiven gewünscht.FAZIT: Ein starker, emotionaler Anfang mit einem am Flughafen ausgesetzten Jungen, ein spannender Einblick in Kriegseinsätze und Gefangenschaft, aber danach folgten leider viele Längen. Außerdem war mir die Erzählweise später etwas zu vulgär und ich hätte mir mehr Struktur gewünscht. Daher 3/5 Sterne!
Herrje, was soll man mit "Der Freiwillige" von Salvatore Scibona bloß machen? Dieser Roman fängt ja durchaus stark an. Ellroy Helflin, Soldat, reist nach Estland, um dort das Kind abzuholen, das er mit einer kurze Zeit Beziehung aus der Zeit hat, als er in Osteuropa stationiert war. Er hofft immer noch, die Frau zurückgewinnen zu können, doch die lässt ihm das Kind einfach durch ihre Vermieterin übergeben. Und dann sind wir alleine mit dem Jungen auf einem deutschen Flughafen, wo er seinen Vater nicht mehr findet. Hat der ihn mit Absicht zurückgelassen? Das Ganze lässt sich spannend an und dann – folgt erst einmal ein Zeitsprung.Und ab hier geht es, es tut mir leid, das so hart formulieren zu müssen, den Bach herunter. Wir springen nicht ein paar Stunden zurück, oder ein paar Wochen, sondern in eine Kindheit in den 60er Jahren. Vollie Frade wächst im amerikanischen Süden auf, kriegt sich öfter mal mit seinen Eltern in die Haare und meldet sich nach einem Streit als Freiwilliger für Vietnam. Und das heißt für uns, wir kämpfen uns – durch den ganzen altbekannten Vietnamkrieg.So wie wir ihn schon aus unzähligen Büchern und Filmen kennen. Es gibt wirklich nicht viel, was man dem Thema noch hinzufügen könnte, insbesondere, wenn man sich wieder allein auf die amerikanische Perspektive beschränkt. Hatte das starke Setup des Romans nicht nahegelegt, dass es irgendwie um Elroy und die Beziehung zu seinem Sohn geht, dass das Ereignis am Flughafen zentral für diesen Roman werden würde? Ach, was solls. Die ersten 20 Seiten, weiß jeder Schriftsteller, sind nur dafür da, das Ding Verlagen, Agenturen und Lesern zu verkaufen. Danach muss man sich keine Mühe mehr geben. Nach Vietnam wird Vollie erstmal als so eine Art Geheimagent angeheuert und wechselt derweil mehrfach den Namen. Was genau es mit der Bespitzelung eines verschwundenen Mannes auf sich hat, bleibt ebenfalls Lang im Dunkeln (eigentlich wird es nie recht aufgeklärt), denn die Aktion endet ebenso wie Vietnam in einer Katastrophe und Vollie driftet als nächstes mit dem Auto durch die Vereinigten Staaten und zeugt schließlich Ellroy. Denn nein, Vollie ist nicht Ellroy unter anderem Namen, sondern dessen Vater. Ellroy, mit dessen Geschichte der Roman angeteasert wurde, bleibt blass wie eine Nebenfigur und hat nur ein paar Kurzauftritte als unzuverlässiger Vater."Der Freiwillige" krankt sehr an der Diskrepanz zwischen Setup und allem was folgt. Es ist prinzipiell nichts dagegen einzuwenden, einen etwas weitschweifigeren Roman zu verfassen, aber vielleicht sollte ich den a) nicht anfangs so aufbauen, als präsentierte ich einen straff geplotteten Stoff. Hinzu kommt, b) dass "Der Freiwillige" in der deutschen Version sprachlich absolut nichts Besonderes ist und im Aufbau eben wirklich ohne tiefere Struktur von Ereignis zu Ereignis hüpft. Auf Englisch dürfte es nicht viel besser sein, Kritiken auf amazon bemängeln eine oft nachlässige Sprache. Einmal mehr fällt auch die Teilung zwischen „professioneller“ Kritik und Leserschaft auf. Von zweiterer wird der hochgejubelte Roman (meines Erachtens zurecht) höchstens durchschnittlich bewertet.Das Traurigste ist, dass das Setup durchaus Potenzial hatte. Und auch Vollies Geschichte ist phasenweise interessant und könnte hier und da auf eine bittere, düstere Weise witzig sein. Aber irgendwie scheint die Masse heutiger Autoren für sogenannte gehobene Literatur (oder die Industrie, die diesen Content verlangt?), überzeugt zu sein, Bücher müssten dick sein. Dieses hier hätte gut um ein Drittel bis die Hälfte gekürzt werden können.Zum Beispiel könnte es ja wirklich interessant sein, wie ein vom Leben gebeutelter Vietnam-Veteranen mit einer späten Vaterschaft umgeht. Aber davon erfahren wir nichts. Stattdessen die Doppelkonstruktion, dass es sich um den Sohn des Sohnes handelt. Auch was dem Jungen weiter passiert, nachdem er „verloren“ wurde, wie sich vielleicht die Mutter dann doch wieder einschaltet und so weiter und so fort. Aber dazwischen mal schnell den gesamten Vietnamkrieg nacherzählen? Ich wiederhole mich hier, weil das für mich so unglaublich ist. Hat da kein Lektor mal auf die Bremse gedrückt? Über Vietnam steht nichts in diesem Buch, was man nicht weiß, wenn man drei beliebige Hollywood-Filme zum Thema gesehen hat. Für den gesamten Rest der Geschichte hätte die Information "Vietnam-Veteran" gereicht, und wir Leser hätten uns das Bild schon selbst gezeichnet. Aber nein. Gräben. Dschungel. Napalm. Tet- Offensive. Lazarett. Es muss einfach alles darin nochmal vorkommen. Und dann ist der Typ, mit dem wir das alles durchleben, gar nicht der Vater vom Anfang! Und die neue Figur hält der Autor anscheinend selbst für so irrelevant, dass er sie gleich wieder bei Seite schafft! Alter...Ich hatte mich nach den ersten Teilkapiteln wirklich gefreut. Das könnte ja mal wieder ein guter Roman werden. Mit starkem Einstieg, einer Geschichte, die aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird und die Spannungsverhältnisse zwischen Figuren in den Mittelpunkt stellt. Und dann das: Eine aus einer einzigen Rückblende heraus abgewickelte chronologische was-passiert-als- nächstes-Geschichte über einen Typen, der mal dieses macht, mal jenes.Ich habe Vergleiche mit "On the road" gelesen. Meine Güte! "On the road" ist eigenwillig, ausschweifend, aber durchkomponiert. In einem mitreißenden Sound voll fingierter Mündlichkeit, in mehrfachen Schleifen, die immer wieder auf das desillusionierende Ende hin treiben. Ein atemloser Roman, den nicht umsonst so viele Menschen in einem Zug runterlesen mussten und dann wieder und wieder und wieder."Der Freiwillige" dagegen ist ein Roman, der vor allem nicht weiß, was für ein Roman er sein will. Deshalb ist von allem etwas drin, und das ist nicht nur beim Essen meist eine schlechte Mischung.