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4,0/5 (1 Bewertungen)
★★★★ Hubert Milz 09.04.2024 amazon.de
Jürgen Luh ist ein promovierter Historiker, der schon mehrfach zum Thema Preußen publizierte und als echter Kenner der preußischen Geschichte gilt; bspw. ist er in der Stiftung "Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg" zuständig für Wissenschaft und Forschung. Mit diesem Buch legt Luh eine weitere Publikation zur preußischen Geschichte vor, und zwar für die spannenden Jahre der napoleonischen Zeit - auch Franzosenzeit genannt - und der Befreiungskriege.Luh zeigt, wie das alte Preußen 1806 nach der Doppelschlacht von Jena-Auerstedt am Boden liegt und durch Napoleon I. gedemütigt wird. Offensichtlich hatte der Tag von Jena-Auerstedt genügt, um den Staat Friedrich II. wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen zu lassen.Wie das?-> Der preußische König Friedrich Wilhelms III. war schon von jeher zaudernd gewesen, so dass er Entscheidungen äußert lange hinaus zögerte. Mitunter zwangen erst die vollendeten Tatsachen dem König eine Entscheidung ab, um zumindest zu reagieren.-> Diese Entscheidungsschwäche wog auch am 12.10.1806, dem Tage der Doppelschlacht, schwer. Während Napoleon I. mit teilweise unterlegenen Streitkräften beherzt jeden sich bietenden Vorteil militärisch nutzte und damit zwar u. U. ein hohes Risiko einging, agierten die preußischen Generäle weitgehend zurückhaltend.-> Napoleonische Offiziere hatten zudem einen breiten Freiraum bezüglich ihres Agierens, insbesondere handelten die Kommandanten der napoleonischen Armeekorps weitgehend selbständig.-> Hingegen war beim preußischen Offizierskorps alles den Befehlen des Oberkommandierenden unterworfen, das Reglement ließ den preußischen Offizieren kaum einen Spielraum zur eigenen Initiative.Somit bildeten die Entscheidungsschwäche des Königs und das starre Militär-Reglement die Schlüsselmomente der vernichtenden preußischen Niederlage;- der Herzog von Braunschweig, der Kommandant der preußischen Truppen, wurde zu Beginn der Schlacht verwundet und fiel dadurch als Befehlshaber aus;- der preußische König Friedrich Wilhelms III. ernannte keinen neuen Oberkommandierenden, so dass es auf preußischer Seite während der Schlacht im eigentlichen Sinne keine Führung mehr gab;- diese Unentschlossenheit der Preußen, insbesondere des Preußenkönigs, hatte Napoleon richtig abgeschätzt und Napoleon trug den Sieg davon. Ein Ergebnis von Jena-Auerstedt war, dass der Preußenkönig mehrfach durch Napoleon erniedrigt worden ist.Das alte Preußen war ein Untertanenstaat par excellence gewesen. Friedrich II. hatte - trotz seines Rufes ein Monarch des aufgeklärten Absolutismus zu sein - im Grunde das Werk seines Vaters Friedrich Wilhelms I. vollendet: Das Preußen Friedrich des Großen war so etwas wie eine große Maschine gewesen, die Untertanen waren die Schrauben und Schräubchen, die gemäß ihres Standes zu funktionieren hatten. Und dieses Preußen hatten die napoleonischen Truppen hinweggefegt.Nun kam langsam, aber sicher die Stunde der preußischen Patrioten, die das staatliche Gemeinwesen von Grund auf reformieren wollten - Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz bildeten die Leitlinien der Reformer:- Boyen, Gneisenau und Scharnhorst reformierten das preußische Militär;- Stein und Hardenberg reformierten die preußische Staatsverwaltung;- Wilhelm von Humboldt das Universitäts- und Bildungswesen.Wilhelm von Humboldt, der durch seine Schrift "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen" als Stammvater des deutschen Liberalismus gilt, hatte für das 19. Jahrhundert nachhaltigen Erfolg mit seiner Bildungsreform. Die Dreh- und Angelpunkte des humboldtschen Bildungsideals sind das autonome Individuum und das Weltbürgertum - dies sind klassische Eckpunkte einer liberalen Weltanschauung. Die Universität sollte nach Humboldt der Ort sein, der die autonomen Individuen und die freien Weltbürger heranbildet und formt - genauer: Wo sich der autonome Weltbürger letztendlich selber formt. Die Universität sollte keine Fachhochschule im Dienste des Staates oder partikularer Interessen sein, sondern vielmehr der Hort der akademischen Freiheit. Humboldts Reformen des Schul- und Universitätswesens legten die Grundlage für die Erfolge der deutschen Universität im 19. Jahrhundert; Bildung und Wissenschaft erklommen ungeahnte Höhen und zahlreiche andere Staaten versuchten die "preußisch-humboldtsche Universität" zu kopieren.Bei den Reformern des Staatsapparats war Stein derjenige, der aus dem kindischen Untertan einen selbstbewussten Menschen formen wollte. Stein war der Reformer mit dem liberalen Leitbild, deshalb musste er schließlich seinen Hut nehmen und Hardenberg nahm dessen Platz ein. Hardenberg selbst hatte zunächst auf die Berufung Steins beim Preußenkönig gedrängt, Hardenberg hatte aber auch Steins Demission betrieben. Hardenbergs Reformen zielten letztendlich nur darauf ab, den preußischen Thron für das Haus Hohenzollern zu sichern. Folglich sind die Reformen Hardenbergs auch nur eine Reorganisation des preußischen Staates, der den preußischen Untertanen mit einigen Freiheitsgraden abspeist. Einen wirklich freien und selbstbewussten Bürger, der befähigt gewesen wäre seiner preußischen Obrigkeit auf Augenhöhe zu begegnen, den scheute ebenfalls ein Hardenberg. Stein wollte freie Bürger - Hardenberg hingegen wollte die Untertanen nur ein bisserl an der Freiheit Naschen und Schnuppern lassen, ohne damit ihren Appetit zu einem gefährlichen Mehr an Freiheit zu wecken.Dankenswerter Weise hat Luh viele Protagonisten jener Tage im Original zu Wort kommen lassen. Auch wenn die sog. "Franzosenzeit" und unsere heutige Zeit augenscheinlich kaum vergleichbar sind; zumindest, wenn der Blick sich nur auf die Wasseroberfläche richtet und nicht bedacht wird, was sich Unter-Wasser abspielt, wirken etliche dieser Zitate aus jenen Tagen unverhofft aktuell. Insbesondere mit Blick auf Staatsregierung, Schul- und Universitätswesen, so dass der Eindruck entstand, dass beim Eintauchen unter der Wasseroberfläche und mit dem Vergleich des "Damals zu Heute" relativ viele fundamentale Dinge nur leichte graduelle Differenzen aufzeigen. Beim anschließenden Durchdenken ist dies dann auch nicht weiter überraschend; denn z. B. der "Koalitionsvertrag der großen Koalition von 2013" bescheinigt implizit den Bürgern die "Unmündigkeit". Gerade die Ausführungen in diesem Koalitionsvertrag zu "Wachstum, Innovation und Wohlstand" zeigen - zwar nur implizit, aber trotzdem deutlich -, dass bei der Bildung staatliche und partikulare Interessen vorrangig sind. Die Formung allgemein gebildeter, selbstbewusster, freier und mündiger Bürger ist - trotz vieler warmer Worte - nicht das eigentliche Ziel der heutigen Staatsführer; Fachhochschulen dienen den Regierungs- und Partikularinteressen, die humboldtsche Universität hingegen stellt eine Gefahr für Regierung und Partikulare dar.Luh zeigt dann auch noch griffig, dass die damalige Hoffnung, dass aus Preußen ein vorbildlich-liberaler Staat werden würde, schnell zerplatzte. Der doch stets zaudernde Preußenkönig zögerte nach dem endgültigen Sieg über Napoleon keineswegs: "Reaktion" und "Restauration" strebten zurück zum alten Geist und setzten auf die Etablierung des alten Untertanenstaates. Patriotismus und Freiheitsbegehren des Volkes - der Untertanen - waren für die Protagonisten des "Ancien Régimes" nur nützliche Instrumente beim Kampf gegen Napoleon gewesen. Diese waren nach dem Sieg über den Korsen nur noch lästig und störten bei der Wiedererrichtung des "alten Staates". Für Preußen war der Traum der Freiheit vorerst doch für lange Zeit ausgeträumt - doch die Sehnsucht nach der Freiheit konnte auch die "Reaktion" nicht auszurotten.
EAN 9783827500397

Der kurze Traum der Freiheit - Jürgen Luh Gebunden

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Produktbeschreibung

Napoleons Erbe. Preußen am Beginn der ModerneAls Napoleons Armee 1806 die Schlacht bei Auerstedt gewann war Preußen am Boden ein hartes Besatzungsregime prägte die »Franzosenzeit«. Doch mit den Ideen der Französischen Revolution kam zugleich die Hoffnung auf Reformen Selbstbestimmung Freiheit und Gleichheit. Jürgen Luh entwickelt aus einem Gemälde Schinkels ein überraschendes Porträt dieser Schlüsselepoche preußischer Geschichte - in der ein kurzer Traum der Freiheit am Ende jäh zerbrach.Mit der Niederlage gegen die Franzosen fiel der alte preußische Staat in sich zusammen die preußischen
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