Das MoMA besitzt eine der umfangreichsten Fotosammlungen der Welt, allerdings liegt der Schwerpunkt verständlicherweise in der Moderne. Abweichend vom allgemeinen Sammlungsauftrag wurden jedoch schon früh auch historische Fotografien erworben. Der erste Band der dreibändigen "Geschichte der Photographie" umfasst die Zeit zwischen 1840 und 1920, der Zeitpunkt, als sich die Fotografie endgültig als eigenständige Kunstform emanzipierte. Aus politisch-historischen Gründen finden sich in der Sammlung kaum Beispiele aus Deutschland und Russland, nur einige repräsentative Bilder von August Sander und Karl Blossfeldt sind vorhanden.Die Textbeiträge fassen kurz und knapp die wichtigsten Entwicklungen und Strömungen mit ihren jeweiligen Vertretern in Europa und den USA zusammen.Zunächst steht die Fotografie in Konkurrenz zur Malerei. Sie bildet die Realität ab, dient der Dokumentation und nicht umsonst sind Portraits die ersten kommerziellen Anwendungen der neuen Technik, die ursprünglich das Hobby aufgeklärter Amateure war. Schon früh wird Bildschärfe und Belichtung als gestalterisches Element genutzt, um dem Abbild eine malerische Komponente zu verleihen und die Natürlichkeit und Realitätsnähe wird durch eine zwar gestellte, aber bewusst lockere Haltung gefördert, was wegen der langen Belichtungszeiten nicht einfach war.Vor allem in Frankreich wird die Fotografie sehr früh als Mittel der Dokumentation erkannt. Es gibt zahlreiche Aufnahmen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts von französischen Städten und besonders der Umbau von Paris durch Baron Haussmann wurde detailliert festgehalten. Die Fotografie dokumentiert verfallende mittelalterliche Gebäude, so wie sie andererseits die industrielle Entwicklung begleitet.In England stellt sich die Fotografie auch in den Dienst kolonialer Propaganda. Besonders Indien ist das Objekt fotografischer Inszenierung, auch vor dem Hintergrund des beginnenden Massentourismus, der eine weitere Triebfeder für exotische Motive in der Fotografie war. Für Reisende ein Souvenir, für die Daheimgebliebenen ein Ersatz für die mühsame Reise. In den USA gibt es keine koloniale Fotografie, aber der Sezessionskrieg wird der erste fotografisch umfassend dokumentierte Krieg der Geschichte. Diese Fotos sind (bis heute) Teil des kollektiven Gedächtnisses. Etwa zur gleichen Zeit entstehen aber auch erstaunliche Landschaftsaufnahmen in den Nationalparks, die es an Qualität mit denen von Ansel Adams aufnehmen können.Einen echten Umbruch leitet die Demokratisierung der Fotografie am Ende des 19. Jahrhunderts ein. Der Schnappschuss macht den Alltag zum Thema privater Fotografie, aber auch in künstlerischen, wissenschaftlichen und kriminalistischen Bereichen wird zunehmend mit dem Medium experimentiert. Der Piktorialismus ist die erste systematische Auseinandersetzung mit der künstlerischen Fotografie, indem sie nicht den dokumentarischen Wert einer Aufnahme, sondern die dahinterliegende Idee ins Zentrum rückt. Aus Europa gelangt diese Stilrichtung mit Alfred Stieglitz in die USA, wo sie zur Initialzündung der Moderne wird. Stieglitz wird beide Entwicklungen maßgeblich beeinflussen und damit die Fotografie auf eine Ebene mit der Malerei und Skulptur heben.Die "Geschichte der Photographie" zeigt fast 400 exzellent reproduzierte Aufnahmen, deren künstlerische und technische Qualität absolut überrascht. Sie nehmen oft Entwicklungen vorweg, die man viel später erwarten würde und selbst, wenn im einen oder anderen Fall unsere moderne Sicht die ursprünglichen Absichten der Fotografen überlagern mag, so sind die Fotos in jedem Fall faszinierende Fenster in die Vergangenheit. Und trotzdem zeigen auch diese Bilder mehr als nur die Realität, die sie abzubilden vorgeben. Diese Diskrepanz findet sich erstaunlicherweise selbst in den frühesten Aufnahmen.