Die Frage „Hat der Kapitalismus noch Zukunft?“ ist gleichzeitig der Titel dieses kurzweiligen und dennoch informationsreichen Buche aus der Reihe #dkkontrovers, das mit einem neuen Leseformat aufwartet. Je größer die Schrift, desto relevanter ist der Inhalt der Textabschnitte, je kleiner die Schrift, desto mehr Detailinformationen werden zu den relevanten Informationen hinzugeliefert. So soll es möglich sein, die relevantesten Informationen auf den 135 Seiten innerhalb von 30 Minuten zu erfassen. Wer mehr Zeit und/oder Interesse hat, kann sich mehrere Stunden mit dem Thema auseinandersetzen oder auch gezielt in einzelnen Kapiteln tiefer einsteigen.Mein Fazit:Das Konzept geht auf, das Lesen fällt einfach und ist das Interesse erstmal geweckt, steigt man gerne auch in die kleineren Text ein, um Genaueres zu erfahren. Insgesamt 150 Abbildungen illustrieren die Textinformationen und lockern die Lesestruktur zusätzlich auf. Zu Beginn können die unterschiedlichen Schriftgrößen kombiniert mit Bildern etwas Verwirrung stiften, nach einigen Seiten hat man sich aber daran gewöhnt. Inklusive einem einleitendem Teil und einer Schlussfolgerung wird in vier Buchteilen (Wie der Kapitalismus entstand, Wie der moderne Kapitalismus funktioniert, Der Kapitalismus in der Krise, Das kapitalistische Modell anpassen) vom Beginn der kapitalistischen Theorie und Nationalökonomien bis zur heutigen Zeit ein vollständiges Bild für den interessierten Laien geliefert. Der Narrativ ist stets ausgewogen und die Fakten sind gut nachvollziehbar, da im Wesentlichen ja kein vollständig neues Bild des Themas gezeichnet wird, sondern die Inhalte ja bereits hier und da mehr oder weniger umfänglich beschrieben wurden. Der Vorteil dieses Buches liegt ganz klar in der Eigenschaft, den Sachverhalt möglichst objektiv und übersichtlich verfügbar zu machen und so auch Menschen einen ausreichend tiefen Einblick in dieses wichtige Thema zu liefern, die sich nicht mit Wirtschaftstheorien in der neuen und älteren Literatur beschäftigen wollen, was mitunter ein ganzes Leben in Anspruch nehmen könnte. Ich selbst habe im Studie VWL- und BWL-Anteile gehabt, so dass das Buch eine wunderbare Auffrischung und Ergänzung darstellte, während es für einen Ökonom sicher eine Unterforderung wäre. Für diese Zielgruppe gibt es aber wie gesagt ganz andere Buchformate.Hier noch ein paar Textpassagen, die mir in Erinngerung geblieben sind:S. 34: Schon der britische Demograph Thomas Malthus stellte um 1850 die These auf, das ungebremstes Bevölkerungswachstum zum Niedergang von Gesundheit und persönlichem Einkommen führe damit zu existenziellen Krisen der Menschheit. Diese ließen sich durch „positive checks“ (Hungersnöte, Krieg oder Krankheiten) und „preventive checks“ (Verhütung oder spätes Kinderkriegen) verhindern. Wie heute klar ist, wurden diese so genannten „Malthusianischen Katastrophen“ zu jener Zeit durch die Phasen der industriellen und insbesondere auch landwirtschaftlichen Revolution ausgehebelt. Heute steht die Menschheit dennoch in vielen Regionen von ähnlichen Herausforderungen, die je nach Perspektive als nächste Katastrophe betrachtet werden oder als nächste Herausforderung, die durch neue Technologien gelöst werden können.S. 55: „Geld ist einer der Faktoren für Glück“ lautet die Headline in großer Schrift auf dieser Seite. Was nach einem urkapitalistischen Narrativ klingt, wird im „Kleinergeschriebenen“ erklärt. Durch die technischen und sozialen Innovationen seit dem 18 Jahrhundert ist den Menschen gelungen mit weniger Arbeitskräften Kosten zu sparen und mehr zu verdienen, durch Mechanisierung von Abläufen in sämtlichen Wirtschaftssektoren. So dauerte es um 1900 in der US-Landwirtschaft noch 95 Stunden, um einen Hektar Getreide zu bestellen. Heute sind es keine 7 Stunden mehr. Seit 1800 ist die BIP-Wirtschaftsleistung von 200 Dollar pro Kopf durch Produktivitätssteigerungen um das 30-fache angestiegen.S. 66/67: Was passierte während der Ruhmphase des Kapitalismus in den planwirtschaftlich gelenkten Staaten? Für Verbraucher wurde es immer schwieriger an elementare Dinge wie Kleidung, Lebensmittel und Gegenstände des täglichen Gebrauchs und Importe wurden somit immer wichtiger. Auch wenn die meisten ehemals kommunistischen Staaten im Anschluss dem Kapitalismus folgten, stieg zwar das BIP pro Kopf, das subjektive Wohlbefinden stieg jedoch nicht im gleichen Maß. Die koreanische Halbinsel spiegelt die Kontraste besser wieder als jede andere Region der Erde: Auf Satellitenbildern erkennt man eine nahezu fehlende Elektrifizierung Nordkoreas, während Südkoreas Wirtschaftszentren leuchten. Innerhalb einer einzigen Generation stieg dort die Lebenserwartung auf 82 Jahre, während im Norden die Menschen rund 70 Jahre alt werden. Das südkoreanische BIP liegt um das 40-Fache über dem von Nordkorea.S. 121: Durch den ungebremsten Wachstumsglauben hat die kapitalistische Theorie hat in Fragen der Umwelt- und Verteilungsgerechtigkeit im globalen Kontext versagt. Klimawandel und Ressourcenmangel sind zu einem großen Teil Folgen des wachsenden Konsums, der die Wirtschaft antreibt und damit erst den Wohlstand schafft, den wir in der westlichen Industriegesellschaft gewohnt sind. Laut Weltbank können dadurch jedoch bis 2030 mehr als 100 Mio. Menschen in die Armut getrieben werden, kriegerische Auseinandersetzungen um Rohstoffe und Lebensraum auslösen und so durch Migration auch weitere Staaten und Gesellschaften destabilisieren.S. 124: Wissenszugang und –verbreitung sind ein wesentlicher Faktor, um Innovationen zu fördern und Wirtschaftswachstum gerechter zu gestalten. 1995 besaß nicht einmal 1% der Weltbevölkerung einen Internetzugang. 2017 waren es 51%. Quelloffene Software könnte in Zukunft eine Möglichkeit für mehr Transparenz und Gleichberechtigung schaffen. Es wird auch das Stichwort „Blockchain“ genannt und erklärt, was heute oft nur mit Kryptowährungen wie „Bitcoin“ in Verbindung gebracht wird, aber weitaus mehr Anwendungsmöglichkeiten hat, die einen wesentlichen Faktor für Verteilungsungerechtigkeit relativieren würden: asymmetrische Information.S. 130: Der Kapitalismus hat trotz gewaltiger gesellschaftlicher Transformation als Folge des Wirtschaftswachstums und höherer subjektiver Zufriedenheit auch viele Widersprüche der Gesellschaft nicht auflösen können, wie zum Beispiel Gleichberechtigung von Männern und Frauen oder Rassenunterschiede. Eine neue Wirtschaftsform müsste daher auch diese Aspekte mit einbeziehen.S. 134/135: Aspekte die in einer neuen Wirtschaftsform berücksichtigt werden müssen, um sie gerechter zu gestalten sind:1. Anreize zur persönlichen Bereicherung müssen minimiert werden, um langfristig für alle Menschen ein angemessenes Wohlstandsniveau zu erreichen.2. Menschen dürfen sich selbst nicht nur als Marktprofiteure, sondern als Marktteilnehmer betrachten.3. Besagte Informations-Asymmetrien müssen beseitigt werden, damit Entscheidungen jederzeit und von jedem unter Berücksichtigung aller verfügbarer Informationen getroffen werden können (übrigens eine Annahmebedingung volkswirtschaftlicher Theorien, was wahrscheinlich der Grund ist, warum sie in der Realität nicht zu 100% abbildbar sind).
Diese Reihe vom dorling kindersley Verlag beginnt vielversprechend. Das Buch schildert das Phänomen des Kapitalismus in seiner Gänze. Welche Wirtschaftssysteme haben zu seiner Entstehung geführt? Ist er schlecht und wenn ja, wie kann man ihn wieder gut machen? Wo sind die Stellschrauben und wer kann sie bedienen?Die Informationen sind sehr gut verpackt und kommen ohne zu viele Fachbegriffe aus. Auch ohne wirtschaftliches Hintergrundwissen ist die Lektüre kurzweilig. Viele Bilder und Grafiken unterstreichen den Text. Die kritische Analyse des Kapitalismus macht sich frei jedweder politischer Meinungsmache und kommt doch ohne polemische Anschuldigungen aus. Stattdessen wird konstruktiv Kritik geübt und so bleibt nur zu hoffen, dass die Global Player der Weltwirtschaft durch Bücher wie dieses ins Grübeln gebracht werden.Zwar sind die verschiedenen Textarten nicht schlecht, um die Hauptaspekte zu erkennen, aber mir waren es doch zu viele verschiedenen Stile. Das fand ich verwirrend und nicht zielführend. Etwas mehr "klassische" Textformen und dafür lieber noch eine Grafik mehr halte ich für besser. So beginnt man Kleingedrucktes zu überlesen und konzentriert sich nur noch auf das Großgeschriebene. Manch Übergang zwischen den Themen erschien mir auch nicht ganz gelungen, obwohl die Gesamtstruktur des Buchs schlüssig und nachvollziehbar ist.Ich hoffe, die Reihe wird fortgeführt und behandelt weiter brennende Fragen, die einer verständlichen Antwort bedürfen.