Der Osten von Texas in den 1930ern: der elfjährige Harry lebt mit seinen Eltern und seiner Schwester an den Ufern des Sabine River. Es ist eine Kindheit in der US-amerikanischen Provinz, wie sie im Buche steht. Harte Arbeit, viel unbezähmte Natur und jeder kennt jeden. Die Welten von Weißen und Schwarzen sind offiziell strikt getrennt. Dessen ungeachtet ist das riesige Land aus der Perspektive eines Elfjährigen der Spielplatz einer glücklichen Kindheit, bis Harry und seine Schwester Thomasia die übel zugerichtete Leiche einer Frau finden. Da das Opfer schwarz ist, löst dieser Fund nur überschaubare Empörung aus. Die beiden Kinder halten es allerdings für gar nicht so unwahrscheinlich, dass der legendäre "Ziegenmann", ein vom Teufel verfluchter Mörder, oder gar Satan selbst in den Wäldern am Fluss umgeht.Um es auf den Punkt zu bringen: Das Buch ist ein großartiger Krimi und doch mehr als "nur" ein Krimi. Lansdale vollbringt weit mehr als einen gesichtslosen 08/15-Kriminalfall von der Stange. Er zeichnet ein überzeugendes Bild von dieser Zeit und ihren Menschen, von Armut und mangelnder Bildung, von familiärem Zusammenhalt und dem Leben inmitten einer weitgehend intakten Natur.Oft tritt der Mordfall sogar etwas in den Hintergund, um Raum zu schaffen für ein Sittengemälde des Texas der 1930er, in dem die Geschichte von Harrys Familie ebenso wie die ihrer befreundeten und verfeindeten Nachbarn die Hauptrollen spielen. Die allgegenwärtige Rassentrennung ist dabei das beherrschende Thema, wobei Lansdale ein differenziertes Bild zeichnet. Gewaltsam durchgesetzter Rassismus ist nicht Ausnahme, sondern die Regel, gleichzeitig sind sich beide Gruppen oft viel näher als es den Autoritäten des Ku-Klux-Klan recht sein kann - und viele können sich gar nicht so sicher sein, wer im eigenen Stammbaum mitgemischt hat. Neben Angst und Hass sind Freundschaft wie auch Liebesbeziehungen über die sozialen Grenzen hinweg durchaus möglich.Ich bin definitiv nicht der Meinung, dass dieser Blick auf ein breiteres Gesamtbild der Spannung schadet, im Gegenteil. Der Schrecken wird um so realer, desto glaubwürdiger Figuren und Atmosphäre werden. Das geht auf den ersten Seiten los, als Harry und Thomasia mit ihrem verletzten Hund und dem Gewehr im Anschlag durch die dunklen Wälder am Fluss schleichen, und setzt sich bis zum Ende fort. Für einen modernen Ermittler wäre das phasenweise eher "slow food", doch von den 360 Seiten war für mich keine öde oder überflüssig. Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte des Ziegenmanns, die wirklich das Kopfkino rattern ließ.Einfach eine gelungene Mischung von Krimi und Gesellschaftsdrama, beeindruckend flüssig und fesselnd geschrieben.[Für Frieda]
Ich habe "Die Wälder am Fluss" als zweites Buch von Joe R. Landsdale gelesen, mein erstes Werk von ihm war "Ein feiner dunkler Riss" (was ich noch etwas besser fand). In beiden Büchern baut der Autor ein sehr ähnliches, mir sehr sympathisches und für eine Krimi sehr dankbares Umfeld auf."Die Wälder am Fluss" handelt von einer Serie von Morden im Texas der Zwischenkriegszeit. Einer Zeit und Gegend, die sehr stark von Rassenproblemen und der Unterdrückung der Farbigen geprägt wird - scheinbar eines der Lieblingsthemen des Autors. Vor diesem Hintergrund lässt er auch seine Morde passieren und benützt die Geschichte somit nicht nur, um einen Krimi zu erzählen, sondern auch, um über richtig und falsch im Amerika dieser Zeit zu sinnieren bzw. auch klar Stellung zu beziehen. Ähnlich wie im anderen Buch, nimmt seine Erzählerfamilie dabei wieder eine fast aufklärerische Position ein, dieses mal auch eine, in der man durchaus bereit ist, gegen den Klan und andere Sinnbilder des Rassenwahns zu kämpfen und vorzugehen (wenn schon mal die Oma die Flinte schwingt...)Was mir an dem Buch, neben der oben geschilderten Stellungnahme zu den Rassenkämpfen, sehr gefallen hat, ist die Erzählperspektive des jungen Harry, der in einer Mischung aus jetzt und Retrospektive die Geschichte erzählt. Was gibt es (für einen Mann im besten Alter, wie ich es bin) schöneres, als Jugendgeschichten und -abenteuer zu lesen? Und genau diesen Reiz übt das Werk hauptsächlich aus. Harry entwickelt sich im Rahmen der Geschichte, versucht, in die Welt der Erwachsenen vorzudringen, kümmert sich um seine Schwester und bleibt aber doch auch Kind, dass um seine Familie bangt und seine Vorbilder nicht bröckeln lassen will. Harry erlebt die Abenteuer in einem "Abenteuerwald", in dem es - so scheint es - fast alles gibt, was gute Abenteuer brauchen.Über den Kriminalfall per se will ich nicht zu viel verraten, am besten lesen - denn das sollte man das Buch auf alle Fälle. Insbesondere, wenn man spannende Krimis, die USA oder Abenteuergeschichten liebt. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob der Autor die Geschichte bewusst so verfasst hat, dass man die Lösung der Fälle schon nach ca. 2/3 der Geschichte erahnt (oder ob mir das zufällig gelungen ist), aber das Buch, mit seinen starken Handelnden und Persönlichkeiten, bleibt bis zuletzt spannend und interessant.Ich würde mir mehr Bücher dieser Klasse wünschen. Bücher, die ein soziales Umfeld, einen spannenden Kriminalfall und so starke Charakter in einem vereinen.