So. Letzten Satz dieses immerhin mehr als 900 Seiten starken Romans gelesen. Das heißt, genau genommen war es nur ein halber Satz am Ende. Eigentlich müsste man enttäuscht sein. Ich zumindest bin es nicht ... enttäuscht. Denn die 920 Seiten davor waren voll von Sätzen, von Formulierungen, von Beschreibungen und Dialogen, die es oft in sich hatten."Gegen die Welt" stemmt sich Daniel Kuper. Seine "Welt" ist allerdings begrenzt und bewegt sich in der dörflichen Provinz Ostfrieslands zwischen der Drogerie des selbstgefälligen, fremdgehenden Vaters, der Überforderung der unzufriedenen Mutter, den Bahnschienen, der örtlichen Realschule und Freunden, die eigentlich keine Freunde sind.Als der heranwachsende Daniel "Opfer" einer vermeintlichen Ufo-Landung wird, nachdem er halbnackt in einem Kornkreis gefunden wird, zieht er nicht nur die Aufmerksamkeit der Dorfgemeinschaft des fiktiven Ortes Jericho auf sich, sondern auch die der gesamten Weltöffentlichkeit. Fernsehsender wollen Interviews, in Talkshows wird über die Aliens diskutiert. Was tatsächlich passiert ist, weiß Daniel nicht, und der Leser erfährt es nicht. Man muss es sich halt denken. Als die Beachtung abflaut, bleibt an Daniel der "Ufo-Junge" hängen.Als viel später im Roman und in Daniels Leben - da ist er 15 - überall im Dorf an den Hauswänden Hakenkreuze auftauchen, wird Daniel dafür verantwortlich gemacht. Dass er genau das Gegenteil wollte: Die Hakenkreuze "vernichten", glaubt ihm niemand, fortan ist er weiter gebrandmarkt, wird immer mehr zum Außenseiter, Bürgermeisterkandidat Rosing, den er als Nazi bezeichnet, kann seinen Ambitionen freien Lauf lassen. Der Vater geht weiter fremd, die Freunde füllen ihn mit Alkohol ab, er wechselt vom Gymnasium auf die Realschule, seine Bemühungen, nach einem Praktikum bei der "Friesen-Zeitung" als Reporter Fuß zu fassen, werden sabotiert.Daniel scheitert an der "Welt" und nimmt doch immer wieder den Kampf gegen sie auf. Das liest sich sehr gekonnt beschrieben, der Autor Jan Brandt, der mit diesem Roman sein Debut vorlegt, weiß ganz offensichtlich, wovon er schreibt. Auch wenn Jan Brandt bestreitet, dass dieser Roman autobiografische Züge aufweise: Wenn das tatsächlich der Fall sein sollte, hat er einfach ZU gut recherchiert. Natürlich ist einiges "erfunden", mindestens der Name Jericho für einen ostfriesischen Ort hinter dem Deich, wie es sie aber viele in der dörflichen Provinz gibt, aber wenn man der Generation angehört, um die es in diesem Roman geht (derer der Anfang bis Mitte der 70er Jahre Geborenen), dann wird man einiges wiedererkennen: Fernsehsendungen, damals - in den 80ern - "angesagte" Filme, politische Diskussionen und sowieso das gesamte Lebensgefühl der damaligen Zeit (und das vielleicht nicht nur in der norddeutschen Provinz). Sehr genau beobachtet die Figuren, in ihrer ganzen Haltung, deshalb auch bis ins Detail beschrieben.Und zwischendrin Daniels Gedankengänge, manchmal ohne Punkt und Komma. Sein Erleben, von dem er selbst nicht weiß, wie er es einordnen soll, so beschrieben, dass es den Leser "mitnimmt", in jeder Hinsicht, aber ohne erhobenen Zeigefinger: Sowohl emotional kann man Daniel folgen, als auch - ganz objektiv - seiner Entwicklung, was - vor allem bei seinen "Gedanken - zugegebenermaßen manchmal etwas mühsam ist.Nicht nur sprachlich wagt der Roman Experimente: Zum Beispiel, wenn er - die in den 80er Jahren populäre Fernsehquiz-Sendung "Riskant" mit Hans-Jürgen Bäumler aufgreifend - auf scheinbar harmlose "Antworten" tiefgreifende Fragen stellt, die zunächst nicht zu den Antworten zu passen scheinen (eine davon ist in der Überschrift zitiert, S. 768, und könnte stellvertretend für fast alle Figuren und Ereignisse dieses Romans gelten), über etwa 150 Seiten hinweg werden parallel zwei völlig verschiedene Geschichten auf EINER Seite erzählt: Halbseitig die von Daniel und seinen Freunden sowie - auf der Hälfte darunter - die in Ich-Form erzählte Geschichte eines Lokführers, der mehrere "Schienenselbstmorde" zu verarbeiten hat, getrennt durch einen Doppelstrich mitten auf der Seite, eintönig wie die Schienen, die der Lokführer tagtäglich befährt.Und obwohl keine der Figuren, der Dorfbewohner, der Vater, die Mutter, die Lehrer, die Freunde, die Eltern der Freunde, wirklich sympathisch werden, keiner von ihnen "gut" wegkommt, wachsen sie einem doch ans Herz, am Ende "weiß" der Leser, wie dieses Leben funktioniert. Fast genial wirkt da der Vorgriff auf die Lebensläufe einiger von Daniels "Freunden", die ein tragisches Ende nehmen.Lakonisch, mit viel Hintersinn, nicht ohne einen SEHR hintergründigen Humor und damit viel der deprimierenden "Zukunftsaussichten" relativierend, erzählt Jan Brandt in diesem bei seiner Veröffentlichung sehr beachteten Roman-Debut, das seinerzeit auch für den Deutschen Buchpreis (2011) nominiert war, die Geschichte eines Jungen, aufgewachsen in einer strengen, ihn nicht verstehen wollenden, ihn nicht ernst nehmenden Umgebung, und nicht nur das: Er erzählt die Geschichte eines ganzen Dorfes und seiner Bewohner. Und zwar so, dass man JEDES Wort glaubt, was zugegebenermaßen gelegentlich deprimierend anmutet.Bleibt am Ende die Frage: Muss man scheitern, an dieser dörflichen Enge, der Ignoranz der Erwachsenen, an sich selbst? Das ist natürlich eine rein rhetorische Frage, denn Jan Brandt, der - wenn er hier nicht ganz viel "Eigenes" einbringt - dennoch in genau dieser Umgebung (wenngleich das kleinstädtische Leer sich noch ein wenig unterscheiden dürfte von dem dörflichen Jericho) aufgewachsen ist und kenntnisreich von einer Zeit schreibt, die nicht nur dem Gedächtnis geschuldet sein kann, hat es geschafft: Einen umfassenden, wunderbaren Roman zu schreiben, in dem wirklich fast keine Zeile zuviel ist.Eigentlich waren vier Sterne für dieses Leseerlebnis zu vergeben (weil einige Längen bei einem solchen Umfang nicht zu vermeiden sind), die sich beim Schreiben dieser Rezension und der damit verbundenen Rückbetrachtung auf fünf Sterne erhöht haben ;).
★★★★★
Fokke Wiehlfs (Alias)
24.11.2024
amazon.de
Eine Art Vorwort zu dieser Rezension, zur fairen Einordnung: Wie Jan Brandt bin ich im Landkreis Leer in Ostfriesland aufgewachsen, allerdings gut ein Jahrzehnt eher. Ich kenne Jan Brandt noch als nervtötenden Zehnjährigen, der seinen Bruder und mich mit seinem beständigen unerwünschten Auftauchen beim Musikhören spielend zur Weißglut treiben konnte. (Be-) Schreibende Kommunikation ist mir seit mehr als 40 Jahren Passion und Beruf zugleich, in passiver Rolle als Leser, ebenso wie aktiv als Schreibender, anders als Jan Brandt jedoch nicht als Schriftsteller.Insofern bin ich ganz sicher kein neutraler Rezensent.Acht Jahre sind vergangen, seit "Gegen die Welt" erschienen ist. Sie haben weitere Spuren im fiktiv-realen ostfriesischen Dorf Jericho hinterlassen, Jan Brandt greift das in seinem neuen Buch ""Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt" auf. "Gegen die Welt" bleibt dagegen unverändert frisch und originell. Das Buch fesselt, verwirrt, unterhält. Ich habe das Werk von gut 900 Seiten rund um Freundschaft, Familien, Feindschaft gerade an drei sonnigen Urlaubstagen gelesen und konnte es kaum aus der Hand legen.Andererseits habe ich mir ja auch mehr oder weniger bewusst gut acht Jahre Zeit genommen, ehe ich "Gegen die Welt" in die Hand genommen habe. Würde die veränderte Welt auch den Blick/meinen Blick auf das Buch "Gegen die Welt" verändern?Natürlich habe ich mich beim Lesen der Geschichten aus Jericho immer mal wieder gefragt, wo eigenes Erleben und Erleiden des Schriftstellers durchschimmert. Gleichzeitig sind mir selbst viele der beschriebenen Grundcharaktere und Ereignisse so ähnlich auch außerhalb von Jericho begegnet, so dass es nicht originärer Erlebnisse bedarf. Die sehr gute Beobachtungsgabe von Jan Brandt findet nahezu unerschöpfliche Quellen auch außerhalb des eigenen engeren Umfeld. Es wäre deshalb übrigens spannend, sich mal mit einem Leser aus Bayern oder Hessen auszutauschen, ob ihnen die Charaktere und Begebenheiten aus "Gegen die Welt" trotz anderer (westdeutscher) Landschaft vertraut vorkommen, oder ob tatsächlich archetypisch-ostfriesische Eigenarten und Entwicklungen beschrieben werden.In vielen Buch-Passagen ist dagegen das Phantastische offensichtlich, wird der weit belesene SF-Fan Jan Brandt erkennbar. Vielleicht sind diese Abschnitte ein Grund dafür, warum die Rezensionen hier bei Amazon so weit auseinanderklaffen: Absolute Begeisterung hier, teils verachtende Ablehnung dort. SF ist tatsächlich nicht jedermanns Sache. Insofern hat Jan Brandt etwas erreicht, was sich manch Autor wünscht: Sein Buch erzeugt Gefühle, so oder so.Absolut erschüttert hat mich die im wahrsten Wortsinn "untergeschobene" Geschichte eines Lokführers, der einen Protagonisten des Buches mit dem Zug überfährt und damit dessen Selbstmord sozusagen vollzieht. Ich musste dabei sofort an den Selbstmord des bekannten Fußball-Torwarts Robert Enke denken, der, schwer an Depression erkrankt, 2009 ebenfalls auf Bahngleisen den Tod suchte und fand. In der Folge erschienen damals in den Medien nicht nur Berichte über die Volkskrankheit Depression, sondern auch Reportagen über Lokführer, von denen viele ihrerseits durch die Geschehnisse oft - seelisch - schwer verletzt werden. Das war zwei Jahre vor Erscheinen von "Gegen die Welt".Nicht nur in der rund 150 Seiten umfassenden Fußnote mit der Geschichte des unfreiwillig mordenden Lokführers spielen Verletzungen von Körper und Seele eine große Rolle. Sie ziehen sich quer durch alle Charaktere und Ereignisse, sogar bei einem "Plutonier". Freudlos erscheint daher oft das bis ins letzte Detail ausgeleuchtete Leben der Protagonisten des Buches, der Jungen wie der Alten. Und doch: Immer wieder schimmern die kleinen Freuden des Lebens durch, und sei es "nur" im Zauber der Musik - vom beglückenden "Ave Maria" des Gesangvereins bis hin zum wohligen Erschaudern beim "Heavy Metal".Jan Brandt erzeugt in "Gegen die Welt" so unglaublich viele Zwischentöne, dass man immer wieder genau hinhören muss - hinhören, worüber die Menschen miteinander reden, wie sie miteinander und über andere sprechen, und vor allem, worüber und wie sie mit sich selbst sprechen. Sehr oft geht es nämlich "Gegen die Welt" im eigenen Selbst, wenn man genau hinhört."Gegen die Welt" ist ein Buch für die Menschen, die ein echtes "Lesebuch" suchen. Andere Rezensenten haben dafür das Bild des "Buchs für eine einsame Insel" genutzt. Tom Hanks hätte "Gegen die Welt" auf seinem Eiland in "Verschollen" tatsächlich gut gebrauchen können, und zwar nicht zum Feuermachen.Nachwort: In einem haben die Kritiker unter den Rezensenten völlig recht: Die Buchbeschreibung im Einband und auch hier bei Amazon führt zum Teil in die Irre. Mit der "Wendezeit" nach dem Mauerfall hat das Buch nun wahrlich nur insoweit etwas zu tun, als der Inhalt bis in die 90er Jahre hinein spielt. Das sollte bei weiteren Auflagen angepasst werden.