Kriminalromane gibt es heutzutage viele, sie dominieren den Buchmarkt und die Bestsellerlisten wie kaum ein anderes Genre und brechen die Grenzen des internationalen Raums ebenfalls auf unvergleichbare Weise ein. Während man in der Buchhandlung auf den Tischen der Gegenwartsliteratur noch überwiegend deutschsprachige Autoren repräsentiert findet, mischen sich in den Regalen der Kriminalliteratur Reihen oder Einzelthriller von Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Island, Amerika, Frankreich und Portugal – ein Überblick über die vielen Kommissare und ihre vielen Fälle, die sie im Laufe ihrer Karriere haben lösen müssen, ist kaum mehr möglich.Vielleicht auch deshalb, weil viele Krimis für die schnelle Lektüre geschrieben worden sind, keinen wirklich tieferen Sinn zu verfolgen scheinen und einfach nur unterhalten wollen, ist das Genre, das an sich als hoch komplex zu betrachten ist, im Lauf der Jahre in Verruf geraten. Einen Kriminalroman zu schreiben bedarf mit Sicherheit keiner geringeren schriftstellerischen Künste als z.B. das Schreiben eines Liebesromans, allein schon auf der Seite des Konzipierens eines solchen Buches: Denn so muss man schließlich bei jeder Figur, die man als Krimiautor einführt, sofort im Kopf haben, welche Funktion diese im Lauf des Romans erfüllen wird und von Anfang bis Ende logisch bleiben. Da man, wie bereits dargestellt, den Überblick über die Vielfalt des Angebots im Bereich der Spannungsliteratur verloren hat, fällt auch ein präziser Blick auf vorhandene und fehlende Qualität schwer. Allzu oft lässt man sich fehlleiten von einem interessanten Klappentext, der am Ende nur einen Bruchteil dessen reflektiert von dem, was sich zwischen den Buchdeckeln befindet, und den Leser nach der Lektüre enttäuscht zurücklässt.Verfolgt man das Krimigenre nicht erst seit gestern, sondern bereits über mehrere Jahre hinweg, dann mag auch hier eine bestimmte Größe verlässlich sein, die auch in anderen Fällen zwar nicht Garant von Qualität ist, aber doch meistens darauf hinweist, dass man es mit etwas Außergewöhnlichem zu tun hat: Literaturpreise. Wie den Deutschen Buchpreis oder andere Auszeichnungen für die gegenwärtige Belletristik gibt es auch im Krimigenre zahlreiche Ehrungen, die einem Autor zuteilwerden können, unter anderem den in Deutschland sehr renommierten Deutschen Krimipreis von Radio Bremen. Dieser wird bereits seit vielen Jahren vergeben und ein Autor kann ihn nicht nur einmal, sondern mehrere Male zugeschrieben bekommen – selbstverständlich immer wieder für andere Werke.Ganze sechs Mal wurde der 1965 in Nürnberg geborene Schriftsteller Oliver Bottini bereits mit dem Deutschen Krimipreis geehrt, dreimal Platz 3 zweimal Platz 2 und einmal sogar Platz 1 für seine Romane. Bottini, der seit 2004 mit Kriminalromanen auf dem Buchmarkt erscheint, lebt derzeit in Berlin, siedelt seine Bücher allerdings in ganz Deutschland an, was wohl der Grund sein mag, warum er nie mit dem verrufenen Begriff des „Regionalautors“ in Verbindung gebracht worden ist. Seine Einzelthriller spielen in unterschiedlichen Städten mit wechselnden Hauptfiguren, doch seine eigene Krimireihe mit einer festen und bleibenden Hauptfigur ist auch in einer Stadt verankert, nämlich dem beschaulichen Freiburg in Baden-Württemberg. Die Hauptfigur, die er ins Leben gerufen hat und die seit 2004 bereits sechs Fälle ermittelt hat, heißt Louise Bonì und ist zweifellos eine der interessantesten Ermittlertypen, die derzeit auf dem deutschsprachigen Krimimarkt erscheinen.Oliver Bottinis Debütkriminalroman heißt Mord im Zeichen des Zen und führt in die Figur Louise Bonì und die Art, wie er Kriminalromane auch jenseits seiner festen Reihe zu schreiben pflegt, ein. Düster, in einem Wintermonat, beginnt der Kriminalroman im beschaulichen Liebau, einem kleinen Ort östlich von Freiburg. Einer der dortigen Revierpolizisten sieht am Morgen durch sein Küchenfenster im Nebel einen Mönch an seinem Haus vorbeigehen und wittert zunächst eine düstere Vision. So hat er vor kurzer Zeit seine Frau verloren und befürchtet, dass der Mönch das Signal darstellt, dass er ihr bald folgen wird. Doch der Mönch war keine Einbildung, sondern sitzt kurz darauf auf dem Liebauer Kirchplatz und wird von den Dorfbewohnern skeptisch beäugt. Für die winterlichen Temperaturen ist er viel zu dünn angezogen und hat eine frische, klaffende Wunde am Kopf. Für die Liebauer ist er aber vor allem eines: Ein undurchsichtiger Fremder, der nicht spricht. Was macht er an einem so abgelegenen Ort?Die Menschen sind in Sorge! Der Revierpolizist wird damit beauftragt, der Sache nachzugehen, doch als sich seine Möglichkeiten als beschränkt erweisen, zieht der örtliche Bürgermeister, der an einer Wiederwahl interessiert ist, die Kripo Freiburg hinzu. Obwohl die zuständige Kommissarin Louise Bonì wegen diverser Vorkommnisse vom Dienst freigestellt werden soll, wendet sich ihr direkter Vorgesetzter Bermann an sie und bittet sie, der Sache nachzugehen. Als Leserinnen und Leser lernen wir Bonì im Laufe des Romans Stück für Stück kennen und haben bei ihrem ersten Auftritt wohl schlicht den Eindruck, dass es sich hierbei um eine höchst seltsame, befremdliche und sprunghafte Person handelt, die nicht berechenbar zu sein scheint und in ihrer Unberechenbarkeit sympathisch wie gefährlich gleichermaßen wird.Die Lasten, die auf Bonìs Schultern ruhen, sind vielfältig. Vor dem Hintergrund der verschneiten Breisgauer Landschaft, in der Bonì dem Mönch, der sich von Liebau fußläufig in den Schwarzwald entfernt, hinterherläuft, entrollt sich ihre Vergangenheit. Drei Männer verbindet sie mit dem dichten Schnee, der an jenem Tag über den Wäldern liegt: Ihren Bruder, der im Schnee ums Leben gekommen war, ihren Mann, der sie im Schnee verlassen hat, und den Pariser Lehrer René Calambert, den sie im Schnee des Winters 2001 erschossen hatte. Besonders letzterer wird Bonì im Laufe des Romans immer wieder einholen. Es war ein Fall von Entführung einer Minderjährigen gewesen; Calambert hatte das pubertierende Mädchen entführt, vergewaltigt und schließlich ermordet.Als die Polizei unter Louise Bonì seine Spur aufgenommen hatte, waren ihre Kollegen in die falsche und sie in die richtige Richtung gegangen. Sie hatte den bewaffneten Straftäter gestellt und, nachdem er sich zur Wehr setzen wollte, erschossen. Obwohl sie den Fall lösen und den Eltern des toten Mädchen Gewissheit über den Verbleib ihrer Tochter geben konnten, war es nicht das tote Mädchen, das sie seither umtreibt, sondern der tote Täter, der durch ihre Hand gestorben war. Immer wieder wird Bonì von Erinnerungen an die Tat heimgesucht, immer wieder erscheint ihr René Calambert im Traum. Bereits vor dem Schusswechsel, als sie von ihrem Mann verlassen worden war, hatte sie mit dem Trinken angefangen, was sich nach dem Fall von 2001 weiter verschärfte. Bermann möchte sie zu einer Therapie zwingen, doch als er sich dennoch veranlasst sieht, sie in den Fall mit dem Mönch einzuspannen, ist Louise Bonì trotz ihrer fragwürdigen Zuverlässigkeit wieder mitten drin in einem Ermittlungsgeschehen, das sich weitaus komplexer entwickeln wird als anfangs gedacht.Bonì folgt dem Mönch eine ganze Nacht bei seinem wirren Weg durch den Wald. Gegen die Kälte kämpft sie mit dem Griff zu dem Fläschchen Jägermeister in ihrer Tasche an. Am nächsten Morgen ist der Mönch auf einmal verschwunden. Als sie den Wald wieder verlässt, hat das Unheil eine neue Dimension angenommen. Denn auf einmal ist ein junger Kollege getötet worden, der Revierpolizist von Liebau schwer verletzt. Bonì würde gerne auch in diesem Fall ermitteln, doch Bermann setzt sich durch und suspendiert sie vom Dienst. Dies bedeutet aber nicht, dass sich die Kommissarin nicht doch dem Fall annehmen wird und gemeinsam mit ihren Kollegen einem Verbrechen auf die Spur kommt, das bei Betrachtung der Ausgangssituation und dem Mord an dem jungen Kollegen noch keinerlei Verbindung zu haben scheint mit seiner letztlichen Auflösung.Oliver Bottini hat einen Kriminalroman geschrieben, der seinem Genre würdig wird. Es ist ein Fortsetzungskrimi um die zentrale Kommissarin Louise Bonì und doch ein in sich abgeschlossenes Meisterwerk, das genauso gut auch für sich alleine stehen könnte. Mord im Zeichen des Zen ist ein Roman, der sowohl durch seine zentrale Figur als auch durch die detaillierte Skizzierung der Charaktereigenschaften des Teams rund um sie herum ein hochinteressanter Fall geworden ist. Jede Figur, die neben Louise Bonì im Roman eingeführt wird, hat ihre ganz eigene Macke, ihr ganz eigenes Kennzeichen, wodurch der Krimi ein wahrhaftes Abbild der Gesellschaft und ihrer unterschiedlichen Reaktionen auf Situationen wie der des plötzlich erscheinenden Mönchs wird. Bottini führt aber zeitgleich auch ein in die düsteren, undurchsichtigen Seiten der menschlichen Psyche.Dies tut er sowohl an der Figur seiner Kommissarin, als auch z.B. an der Zen-Kultur der Buddhisten, die im Laufe des Romans auftauchen und eine nicht unerhebliche Rolle im Verlauf des Krimis spielen werden. Figuren und entsprechender Fall sind, anders als in vielen anderen Krimireihen, von Oliver Bottini auf intelligente Weise miteinander verknüpft worden. Der konkrete Fall wird nicht einfach nur von einer Ermittlerin bearbeitet, die dann noch vollkommen andere Baustellen hat, sondern greift mit ihrer Figur, mit ihrem Wesen und ihren Problemen, ineinander.Man merkt dem Roman von Bottini an, dass er gut recherchiert und durchdacht worden ist. Doch jenseits der Frage, wer am Ende der Mörder ist und wie die vielen einzelnen Stränge zusammenlaufen, steht eigentlich nur eine Frage im Vordergrund: Wie entwickelt sich die Kommissarin? Was wird ihr Schicksal sein? Wie geht ihre Geschichte aus? Dass diese Spannung gehalten wird, weil die Figur von Louise Bonì selbst so vielschichtig ist, ist der besondere Reiz dieser Reihe und der eigentliche Grund, warum man auch daran interessiert ist, den zweiten und dritten, den vierten und fünften Fall dieser Ermittlerin zu lesen. Der besondere Reiz dieser Figur mag auch Anlass für die ARD gewesen sein, diesen und einen weiteren Bottini-Roman für den Donnerstagskrimi zu verfilmen. Mit Melika Foroutan in der Hauptrolle hat Louise Bonì eine Schauspielerin erwischt, die ihr Schicksal auch auf dem Fernseher brillant zu verkörpern vermochte und für die Rolle bereits mit dem Hessischen Fernsehpreis für die Darstellung der Kommissarin ausgezeichnet wurde.Man hat das Gefühl, dass die Geschichte einer vom Leben gezeichneten Frau, die mit sich selbst im Unreinen ist und ständig mit sich ringt, niemals zu Ende erzählt sein kann. Dieser Eindruck bestätigt sich dadurch, dass im Laufe des Romans Mord im Zeichen des Zen auch immer noch neue Komponenten aus ihrem Leben aufgegraben werden, die man zuvor nicht erwartet hätte, z.B. ihre Beziehung zu den eigenen Eltern und ihrem politischen Engagement in den 70er Jahren, von dem Louise Bonìs Kindheit überzogen worden ist. Der Roman entwickelt sich wie die Figur immer neu, mit neuen Geheimnissen, die oftmals auch lange solche bleiben. Diese Undurchsichtigkeit der Protagonistin lässt vermuten, dass – ganz egal, welchen Fall sie zu lösen bekommt – ihr ganz spezieller Reiz nicht so schnell verblassen und die Qualität und die Wirkung auch der nachfolgenden Fälle dominieren wird.