Richard Russos Held Sully lebt in der Kleinstadt North Bath und ist laut deutschem Titel "Ein grundzufriedener Mann", während der Amerikaner ihn etwas treffender zu "Nobodys Fool" erklärte.Der Roman Russos ist ursprünglich 1993 erschienen und spielt in der gleichen Stadt wie der 2016 erschienene Nachfolger "Everybodys Fool" der ebenfalls gerade unter dem Titel "Ein Mann der Tat" auf deutsch erschienen ist. Wer Russo mag startet also vielleicht lieber mit dem vorliegenden Band um dann mit Vorfreude auf ein Wiedersehen mit North Bath zum neuesten Werk des Protokollanten der amerikanischen Kleinstadt zu greifen.Wer das Pulitzerpreis gekrönte "Diese gottverdammten Träume", eigentlich "Empire Falls" (diese gottverdammten deutschen Titel) kennt und mag, kann hier blind zugreifen. Wobei der vorliegende Roman noch weit mehr auf Komik und das Absurde im Leben setzt als das bei Empire Falls der Fall ist. Das ist zu einem guten Teil auf die herrlichen Wortgefechte zurückzuführen, die sich die Hauptfigur mit all seinen Bekannten liefert.Wieder, oder besser: bereits hier, ist eine kleine Stadt im Niedergang mit ihren Bewohnern und deren täglicher Kampf mit den Widrigkeiten des Lebens das Thema. Im Mittelpunkt: Donald (Don) "Sully" Sullivan. Der schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben, ist aber mit sich im reinen und nimmt die Dinge wie sie kommen. Wo er die Möglichkeit sieht biegt er sich den Lauf der Dinge aber auch mal zurecht. Ein Held der mit Witz und Selbstbewusstsein durchs Leben geht, aber dessen Mangel an Verantwortungsgefühl es anderen Menschen nicht eben leicht mit ihm macht. Sully ist im Grunde ein guter Kerl, aber er lässt jedes Gespür dafür vermissen wann er mit seinen Bemerkungen und Witzen auf Kosten anderer zu weit geht. Das bleibt nicht ohne Folgen.Russo hat bereits in diesem Buch eine Vielzahl von Figuren um seinen Helden herum gebaut, die geschiedene Ehefrau und deren neuer Mann, Sohn Peter mit Familie, die alte Vermieterin, deren Sohn und Freundin, Sullys heimliche Freundin Ruth (obwohl eigentlich ganz North Bath von dieser Beziehung zu wissen scheint, Ruth Ehemann es aber nicht so genau wissen will), ein leicht unterbelichteter Kumpel mit dem Sully Aufträge seines liebsten Feindes Carl, seines Zeichens Bauunternehmer, übernimmt. Dazu noch einige weitere die auf die eine oder andere Weise mit den genannten Figuren verbunden sind.Russo bringt wunderbar leichthändig ein Beziehungsgeflecht zu Papier, das hochkomplex ist ohne das der Leser je den Überblick verliert. Seine Figuren sind Charaktere mit Wiedererkennungswert. Man mag darüber streiten können ob sie alle nachvollziehbar handeln. Wer das indes in Frage stellt, muss sich auch fragen ob alle Leute die er so kennt oder die einem im Leben begegnen, immer für jeden nachvollziehbar handeln.Dem Autor gelingt es feinfühlig, humorvoll und mit Mitgefühl, ohne den klaren Blick zu verlieren, das Leben seiner Figuren aufzuzeichnen. Sullys einfaches, aber ihn offenkundig erfüllendes Leben, sein stets voraus und nicht zurückblicken. Episoden an Thanksgiving mit seiner Familie die tragikomisch verlaufen, die hellsichtige aber einsame alte Vermieterin, die Dauerfehde Sullys mit Carl die keiner der beiden missen wollte, die Annäherung an seinen Enkel Will weckt Erinnerungen an seine eigen Kindheit und an die Zeit mit seinem Sohn Peter. Bei allem Witz blendet Russo weder die Beschwernisse und Zumutungen des Alltags, noch die Verletzungen im Leben seiner Figuren aus die Narben hinterlassen. Der Buchumschlag täuscht jedenfalls eine Idylle vor, die sich bei Russo so nicht findet. Hier werden durchaus Erwartungen enttäuscht und das Leben hält Unangenehmes bereit.Nun mögen manche Leser bei Russo Tiefgang vermissen, die Antworten auf die großen Fragen des Lebens, vielleicht die Fragen selbst. Aber warum sollten Schriftsteller Antworten parat haben die Leser selbst auch nicht kennen? Vielleicht liegt die Antwort schlicht in Russos Art das Leben zu protokollieren: schau hin, die anderen kämpfen auch, sie hadern oder gehen voran, streiten sich, lieben sich, sind allein oder einsam trotz Familie, machen ihr Ding oder machen alles nur für andere. Was ist das Beste? Für wen? Russos Antwort: das must du schon selbst wissen. Da draußen gibt es alles, aber bitte das Augenzwinkern nicht vergessen, das Leben ist eine große, manchmal tragische Komödie. Darüberhinaus macht der Autor deutlich, dass wir, ob wir wollen oder nicht, mit den Anderen verbunden sind und ihr Leben beeinflussen.Der Roman bietet Unterhaltung auf höchstem Niveau, leichthändig geschrieben verfolgt der Leser einige Monate in Sullys Leben und was ihm und den Menschen in seinem Umfeld widerfährt. Der Autor bringt blendende Dialoge zu Papier, egal ob es um Frotzeleien zwischen Carl und Sully geht oder ob er Tonfall und Wortwahl einer ehemaligen Lehrerein mit dem einer eher einfach gestrickten, aber resoluten jungen Frau kontrastiert. Russos Einfälle um die Ereignisse in North Bath sind phantasievoll und könnten doch genau so passiert sein. Das liest sich durch die gekonnten Perspektivwechsel, der Komik und den Realismus sehr fesselnd ohne je zu ermüden.Seine Figuren sind sympathisch nicht weil man jedem tatsächlich begegnen wollte, sondern weil wir wissen, dass wir und die Menschen dir wir kennen eben so sind. Russos Thema ist der Alltag, die kleinen und großen Dramen, das normale Leben. Wie der Autor kürzlich in einem Interview sagte: er beobachtet die Menschen mit freundlicher Neugier.Das unser Leben trotzdem nicht genau so ist, liegt an der Kunst des Autors die Ereignisse zu verdichten, sie mit Eleganz zu erzählen und den Figuren die Art von Witz in den Mund legt die wir alle nur zu gern hätten. Mit Empathie aber ohne Rührseligkeit geschrieben. Russo erinnert hier teilweise an John Irving zu dessen besten Zeiten.Es überrascht nicht, das dieses Buch verfilmt wurde (Paul Newman in der Hauptrolle). Eigentlich hätte es eine Mini Serie verdient wie schon "Empire Falls". Ein wunderbar geschriebener Roman aus dem Leben in einer kleinen Stadt. Große Kunst, gänzlich unverkopft.