★★★★★
k.A.
30.04.2026
ean-shopping.de
Wir haben die gebundene Ausgabe bekommen und die Aufmachung ist ordentlich. Die Art, wie es zusammengebunden ist, hält den Druck gut. Beim Durchblättern war die Lesbarkeit gut, auch wenn wir uns erst eingewöhnen müssen. Für unser neues Zuhause passt das Buch gut in die Sammlung.
Seit mehreren Jahren habe ich auf dieses Buch gewartet. Mit "KARTE UND GEBIET" hat Houellebecq wieder einen richtigen Schmöker abgeliefert, wie er es schon mit "PLATTFORM" beabsichtigt hatte. D.h. er hat seine Weltanschauung so in einen Plot eingehüllt, dass sich alles wunderbar flüssig liest (auch ein Lob an Uli Wittmann, der die houellebecqsche Atmosphäre tadellos wiedergibt), ohne dabei an philosophischer Tiefe zu verlieren.Es ist ein Künstlerroman, der vom Aufstieg und Verfall eines Malers handelt, der zuvor Fotograf war und -typisch Houellebecq - spontan die Leidenschaft wechselt. Schon in "DIE MÖGLICHKEIT EINER INSEL" hatte der Protagonist einfach so seine Fotos verbrannt.An manchen Stellen wird es ur-komisch. So lässt er die Romanfigur Houellebecq, bei der der Protagonist Jed Martin zu Besuch ist, sagen: "...damit könnte man das Buch beginnen, sozusagen als Genealogie des Heizkörpers". Anspielung auf Nietzsche?Die Romanfigur Houellebecq wird reduziert zu einem Diogenes in der Tonne. "Mögen Sie Wurst? fragte der Schriftsteller", und "Ich habe weder Milch noch Zucker".Der Autor persifliert sich selbst in der gleichnamigen Romanfigur, z.B.: "Ich habe früher gern Wurst gegessen", "Aber das Schwein ist ein bewundernswertes Tier", usw.Später hackt Houellebecq Holz und bekommt graue Haare, zieht um, wird ermordet.Die von DUMONT verwendete Schriftart ist ein unnachahmliches Zeichen der Houellebecq-Romane. Die fast schon religiöse Verwendung des Autors von kursiv gesetzten Wortgruppen deutet darauf hin, dass er damit immer eine Art Mikrokosmos anzeigen will; z.B. "Transistorradio", "Würdigung der menschlichen Arbeit", "gepflasterten Innenhof", "bis dass der Tod sie scheiden würde" (alles kursiv gedruckt).Es ist ein melancholischer Roman, der zu Ende hin wieder sehr phlegmatische Typen zeichnet, wie üblich, aber es ist auch der sanguinischste Roman Houellebecqs (die ersten 2/3 auf jeden Fall). Bereits die vor kurzem veröffentlichten Essays "ICH HABE EINEN TRAUM" haben durchblicken lassen, dass der Autor nicht mehr "DAS OMEGA TIER" ist (siehe ein Kapitel in "ELEMENTARTEILCHEN"), sondern dass er sich alles leisten kann, dass er alle Menschen einschätzen kann usw. Nicht zuletzt beweist das die chronische Erwähnung von Millionenbeträgen im neuen Roman. Der Protagonist lässt sich für 8 Millionen EURO (die er durch seine Kunstgemälde verdient hat) eine Straße durch sein riesiges Grundstück bauen.S. 46: "...während seine Zeitgenossen im Allgemeinen weniger über das Leben Jesu wussten als über das von Spiderman".Neben dem Phlegma von Jed Martin findet sich ein fast schon größenwahnsinniges Desinteresse an Tageszeitungen, Radiomusik, Arbeitsort seines Vaters. Er hat keine Freunde; seine Mutter kennt er nur von Fotos.Der Autor spielt auf die Sterbehilfe in der Schweiz an. Jeds Vater ist stillschweigend nach Zürich gefahren und seine Asche wurde in der Natur verstreut. Houellebecq zeichnet diese Industrie wie einen stinknormalen Arztbesuch, vergleicht sie mit dem Service von Prostituierten und schreibt sogar, dass es hier doppelt soviele Kunden gibt als in der FKK-OASE BABYLON.Er entpuppt sich als Hunde-Fan, baut einen Essay über die Bologneser ein und die Liebe zum Haustier. Neben dem schon erwähnten hochgeschätzten Schwein "gab es dort tatsächlich einen kleinen Esel".Der Schreibstil ist informativ, romantisch, sarkastisch oder ironisch, beklemmend, journalistisch sauber.Er macht sich über Picasso lustig und bewundert die letzten Klavierstücke von Franz Liszt. Wenn ich mich nicht irre, kommt in dem Roman KEINE EINZIGE SEXSZENE vor, also wieder wie in "AUSWEITUNG DER KAMPFZONE". Das ist für Houellebecq erstaunlich, aber vermutlich hängt es mit der Marginalisierung zusammen, die er der westlichen Welt zuteil werden lässt. Der Abspann fasst in Nebensätzen zusammen, was aus dem Frankreich im weiteren Verlauf des 21. Jahrhunderts geschehen ist. "Frederic Beigbeder stirbt 71-jährig im Kreis der Seinen"..., .Ich vergebe für dieses Buch 5 Sterne. Nach dem abgedrehten Ausrutscher "DIE MÖGLICHKEIT EINER INSEL" (was ich trotzdem schätze), ist dieser Buch wieder für ein Massenpublikum geeignet. Und ich habe auch den Eindruck, dass die Welt sich Houellebecq angepasst hat, dass es da draußen mehr Phlegmatiker gibt, dass die Depressionen in Deutschland zugenommen haben, Lustlosigkeit, Banalisierung von Fernsehen und anderen Medien; zusammengefasst: dass "die Welt nach 2010" insgesamt den Houellebecq-Protagonisten ÄHNLICHER GEWORDEN IST.Schlusssatz: "Die Vegetation trägt den endgültigen Sieg davon."
Gestern kam das Buch, und heute bin ich schon ziemlich weit. Für mich hat Michel Houellebecq zwei der schönsten Bücher der Gegenwart geschrieben, "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen". Wahrscheinlich wäre es da zu viel verlangt, jetzt nicht erneut enttäuscht zu sein, wie zuvor schon bei "Plattform" und "Möglichkeit einer Insel". Doch dieses Mal ist die Enttäuschung kompletter, denn vom ersten Moment an finde ich in diesem Buch kein schlagendes Herz mehr, es gibt keinen inneren Drang mehr, den man spüren könnte. Wahrscheinlich ist Houeleebecq damit einfach seiner eigenen Theorie zum Opfer gefallen, die da lautet: im Alter läuft nichts mehr, nicht beim Sex - und anscheinend beim Schreiben auch nicht mehr.Ich muss zugeben, eine persönliche Abneigung dagegen zu haben, reale Figuren in einem fiktionalen Text zu marionettisieren, doch sie sind noch die stärksten Figuren des Textes. Der Künstler Jed hingegen, wohl zum Teil noch das Alter Ego des Autors aus den älteren Büchern, ist hier zur reinen Schablone verkommen. Niemals kann ich genau ausmachen, was nun Satire auf den Kunstbetrieb sein soll und was ernst gemeintes Anliegen darstellt. Und das stört mich mächtig, denn das macht mir die Lektüre dieses Buches zu einem Blättern in einer Illustrierten.Und dann diese Belehrungsdialoge und das andauernde "hatte" und "war", so etwas würde man schon Grundschülern als schlechten Stil anstreichen. Doch möglicherweise lässt sich das auf den Übersetzer abwälzen.Mehr als das Buch selbst genieße ich jedoch seine Kritiken. Was da alles gedeutet und hineininterpretiert wird, ist so hanebüchen, dass ich letztlich glaube, Michel Houellebecq hat mit diesem Buch nur die Kritik, die er verständlicherweise hasst, auflaufen lassen wollen. Und jetzt sitzt er in Irland am Meer und lacht sich scheckig, was diese Gehirnakrobaten in diesem Schülertext alles sehen. Aus diesem Grunde, und weil ein schlechter Houellebecq immer noch besser ist als der normale andere Mist, vier Sterne.