Wirklich interessantes, sehr gutes Buch - sie schreibt über ihre Arbeit, über die Auslandseinsätze, bei denen ihre Expertise gefragt war (Tsunami etc.), vor allem aber über den Wert der Toten in der Medizinstudentenausbildung, und das äußerst respektvoll
Falls jemand noch irgendwelche Illusionen darüber hat, was nach seinem Tod mit ihm passiert, dann sollte er dringend dieses Buch lesen. Drastischer kann der Entzug jedenfalls wenigstens auf der theoretischen Ebene nicht sein. Ich habe mich lange vor dem Lesen dieses Buches gedrückt und musste auch zwischendrin ein paar Mal zur Seite legen, denn der Text ist mancherorts nicht gerade appetitlich. Man kann sich an anderen Stellen auch nicht mehr so einfach von ihm trennen. Er fasst einen an, und das muss man dann auch einmal eine Weile sacken lassen. Gestiegen dagegen ist meine Bewunderung für Menschen, die sich beruflich mit Toten befassen. Vielleicht muss man dafür aber auch geboren sein. Dazu später mehr.Die Autorin ist forensische Anthropologin. Ihre Aufgabe besteht vor allem darin, unbekannten Toten ihre Identität zurückzugeben, meist nach Katastrophen oder Kriegen. Oder auch bei abgelegten, manchmal auch zerstückelten Leichen, bei denen keine schnelle Zuordnung zu vermissten Personen möglich ist. In ihrer Autobiografie verfolgt Sue Black (was für ein Name bei diesem Beruf) drei Erzählstränge: ihren persönlichen Werdegang, in gewissen Ausschnitten ihre berufliche Tätigkeit und immer wieder Gedanken über den Tod.Man muss sich nicht lange fragen, was das für Menschen sind, die eine Tätigkeit verrichten, bei der bei vielen Menschen die letzte Mahlzeit ziemlich schnell rückabgewickelt werden würde. Die Autorin schreibt dazu sehr offen Folgendes: "Ich hatte nie das Bedürfnis, mit Lebenden zu arbeiten. Natürlich ist die Pflege von Kranken, die Fürsorge wichtig und bereichernd, aber mich beschlich schon früh das Gefühl, dass lebendige Patienten mühseliger seien als tote. Ich bin ein Kontrollfreak und ein Feigling, eingleisige Interaktion passt am besten zu mir – mit anderen Worten: ein Job, in dem ich die Einzige bin, die Fragen stellt."Angehörige von bei Katastrophen gestorbenen Menschen oder von vermutlich Ermordeten wollen Gewissheit. Und die bekommen sie nur, wenn man die Leichen findet und sie eindeutig zuordnen kann. Forensische Anthropologen untersuchen deshalb auch die kleinsten Leichenteile oder Überreste, um eine solche Zuordnung zu ermöglichen. Im Text verstreut findet man dazu zahlreiche Beispiele aus dem Arbeitsalltag der Autorin. Auch spektakuläre Fälle.Wie genau dabei vorgegangen wird, erklärt Sue Black ausführlich. Dass man dabei auch das Alter eines Verstorbenen bei Unkenntnis seiner Identität ziemlich sicher feststellen kann, überrascht nicht. Auch das wird anhand anatomischer Gegebenheiten präzise erläutert.Auf die Frage, wie man all das psychisch verkraften kann, kommt man auch schnell. Hat man sich bis zu der Stelle vorgearbeitet, an der die Autorin darauf eine Antwort gibt, überrascht sie nicht mehr, denn man hatte bereits vorher ausreichend Gelegenheit, festzustellen, dass sich Sue Black deutlich von einem gewöhnlichen Zeitgenossen unterscheidet. Man kann tatsächlich auch zu der durchaus begründeten Vermutung gelangen, dass man für eine solche Tätigkeit eben doch Eigenschaften besitzen muss, die nicht häufig vorkommen. Sue Black leidet weder unter Schlafstörungen, noch verarbeitet sie ihre Arbeit anderweitig irgendwie negativ. Im Gegenteil. Die Toten hätten ihr noch nie Angst gemacht, schreibt sie. Und: "Es sind die Lebenden, vor denen ich mich wirklich fürchte. Die Toten sind nicht unberechenbar und deutlich kooperativer."Offenbar besitzt sie die Fähigkeit, einen scharfen Trennstrich zwischen ihrer Tätigkeit und ihrem Ich zu ziehen: "Mein wahres Ich ist irgendwo außerhalb des Raumes, fernab der sensorischen Reizüberflutung durch die Arbeit, die im Inneren geschieht." Aber selbstverständlich verändert diese Tätigkeit einen Menschen. Sue Black kann über den Tod so schreiben, wie wohl kaum jemand, der nicht täglich damit konfrontiert wird. Ihre Ansichten sind bemerkenswert, auch wenn vielleicht nicht jeder unbedingt Lust darauf hat, sie kennenzulernen. Nicht etwa, weil sie nicht provozierend wären und ungewöhnlich, sondern weil wir den Tod aus guten Gründen so lange wie möglich aus unserem Leben verdrängen wollen. Da kann man mir erzählen, was man will, ungesund ist das jedenfalls nicht.Man kann aus diesem Buch viel lernen. Allerdings kommt die Autorin nicht immer durchgehend schnell auf den Punkt. Meistens ist eher das Gegenteil der Fall. Aus ihrer Sicht kann man die Vermischung von Autobiografie, Gedanken über den Tod und ihrer Tätigkeit durchaus verstehen, denn schließlich erzählt sie einfach ihr Leben und schweift dabei immer ausführlich an den verschiedensten Punkten zu den anderen beiden Themen ab. Für den Leser ist das gelegentlich anstrengend. Wer sich nur die Erzählung von Fällen aus ihrer beruflichen Tätigkeit erwartet hatte, wird möglicherweise enttäuscht werden. Sie sind nur gewisser Teil dieses Buches, der obendrein auch noch über den gesamten Text verstreut wird.Zum Tod und allen damit zusammenhängenden Fragen hat Sue Black Auffassungen, die vielleicht nicht immer konsensfähig sind. Wird man mit ihnen konfrontiert, dann fällt die Reaktion sicher von Leser zu Leser unterschiedlich aus. Das macht das Buch interessant und provokativ. Man wird einfach gezwungen, sich damit zu beschäftigen. Oder man hört mit dem Lesen auf. Ich habe zwischendrin einige Pausen gebraucht.