„Der brennende See“ von John von Düffel ist ein Romanwerk, das einen Schritt weiter geht als die vorangegangenen Romane und Erzählungen dieses Autors. Wieder geht es zwar, wie in den großartigen Werken „Schwimmen“ oder „Geschichten vom Wasser“ um Gewässer, die in allen Nuancen beschrieben werden, fast die Hauptrolle spielen und Seelenstück der Protagonisten sind. In diesem Fall ist es ein Badesee an einer Kiesabbaustelle im Heimatort der Protagonistin Hannah. Jedoch schlägt die Geschichte hier einen viel weiteren Bogen: An dem zentralen See in der Geschichte scheiden sich die Geister, reiben sich die verschiedenen Charaktere, gibt es Verteilungskämpfe und Interessenskonflikte. Hannah will den Nachlass ihres verstorbenen Vaters ordnen, fährt an den alten Heimatort direkt am See, erfährt aber dass sie enterbt worden ist. Eine junge Frau, Julia, Klimaaktivistin für Fridays for future, federführend für die Kampagne „Freies Ufer“ hat einen wichtigen Platz im Leben des Vaters eingenommen. Beschreibt von Düffel im ersten Teil der Geschichte noch beschaulich schöne Natureinstellungen, lässt den Vater vor unserem inneren Auge erscheinen, wie er genussvoll schwimmt, jede Wasserregung wahrnimmt und zelebriert, ganz dem Element Wasser lebt und auf seinen vielen Reisen stets nur Äpfel und eine Badehose mitnimmt, - so nimmt der Roman dann erheblich Fahrt auf und avanciert fast zum Polit-Thriller. Von Düffel wird niemals brutal, er bleibt seinem schönen bildhaften Erzählstil treu, aber die Spannung lässt den Leser das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Der See ist Spielball vieler Interessenskonflikte, - so gibt es hier Pläne von der Mülldeponie bis zur Seniorenresidenz. Die Ufer sollen abgezäunt werden, fordern, die einen, sie sollen als Freizeitrevier für die Anwohner erhalten bleiben, fordern die andern. Die Fische sterben, das Klimaproblem wird zum großen Thema. Es geht nicht zuletzt um psychologische Probleme von Julia, die ihren leiblichen Vater nur erahnen kann. Es geht um Machenschaften mit den Medien, Geld, Manipulation und ein wunderbares Nachlasswerk des verstorbenen Vaters und Schriftstellers, ein Buch namens „Wolkenbuch“. Dieses Wolkenbuch ist das Poetikum dieses Romans, es ist als einziges, und als Vermächtnis des Vaters, über die politischen Machenschaften, Eitelkeiten und Brüche erhaben und behandelt einfach unschuldig und literarisch die Wolken, die am Himmel ziehen in all ihren Formationen.Dieses Buch ist Zeitgeist pur.Es thematisiert den Generationenkonflikt zwischen den Älteren, die weitgehend sorglos und wohlsituiert leben wollen, der mittleren Generation, deren Repräsentantin Hannah ist, und der jungen jugendlichen Generation der ökologisch und klimapolitisch Aktiven, die bis zum Äußersten gehen. Ihre Demonstration hat nicht umsonst den Titel „Ende der Geduld“.Ein empfehlenswertes Werk zu brennenden politischen Themen und Generationen-Spannungen.Aktuell mehr denn je.
★★★★★
Sandra M. | literaturwohnung
09.11.2024
amazon.de
“Eine hoch aufgeschlossene Birke warf sprudelnden Blätterschatten auf den kleinen Balkon hinter der Glastür und auf die graue Auslegware. Einen Augenblick sah sie dem zu. Irgendwie hatte das etwas Tröstliches.”Was soll ich sagen? Wo fange ich an? Es fällt mir nicht wirklich leicht.In „Der brennende See“ geht es um Hannah, dessen Vater verstorben ist. In seiner Wohnung findet sie ein Bild von einer Frau und will herausfinden, wer sie ist - und vor allem wie nah sie ihrem Vater stand. Denn Hannah stand ihrem Vater nie wirklich nah, was in manchen Zeilen auch zu spüren ist, sie aber nicht zu stören scheint. Oft wehrt sie sich aber auch störrisch dagegen, etwas zu empfinden, was sie mir nicht gerade näher gebracht hat. Es fühlte sich daher oft an, als wollte sie so störrisch sein. Auf einigen Seiten liest man auch heraus, dass sie, wie soll ich sagen, abgestumpft ist und des Lebens müde, wobei sie noch so jung ist und nicht genau ausgeführt wurde, warum das so ist. Ein guter Freund von ihr ist definitiv der Alkohol, den sie gerne über das Maß hinaus trinkt. Alles ist sehr realitätsnah beschrieben worden, nur dass die Geschichte vor sich hin plätscherte und sich leicht gähnende Leere in mir ausbreitete.Eigentlich ist es ein guter Plot, doch war er in der Umsetzung ziemlich ernüchternd. Es finden Themen wie Tod, Trauer und der Klimawandel seinen Platz. Die Geschichte spielt nämlich vom 21. - 24. April. Ein Monat, der sehr trocken und nahezu ohne Niederschlag auskommt. Die Tage vergehen mehr oder minder rasant, es wird vor sich hin gelebt. Das Thema Klimawandel ist aber in meinen Augen um die Geschichte von Hannah herumkonstruiert worden und so ist es nichts Halbes und nichts Ganzes - dazu eben die Protagonistin, deren Handlungen ich nicht nachvollziehen konnte und irgendwann auch nicht mehr wollte. Anfangs fand ich es sehr interessant in Hannahs Leben einzutauchen und zu erfahren, wer sie ist, auch wenn ich nicht unbedingt viel erfahren habe, war das zum Teil fürs Erste ausreichend. Hier hat allein der Schreibstil Pluspunkte sammeln können - auch durch die schönen Umgebungsbeschreibungen und Jetzt-Momente. Hier und da gab Hannah etwas von ihren Gefühlen preis, doch den großen Einblick in die Tiefe ihrer Gefühlswelt gab es nicht. Hannah blieb blass und war mehr an den anderen Protagonisten orientiert, die zielorientierter waren. Das bedeutet, dass sie das, was sie eigentlich nicht wollte, doch getan hatte. Ihre Handlungen konnte ich daher nicht immer nachvollziehen oder fand sie für den weiteren Verlauf auch nicht förderlich. Auch die anderen Protagonisten blieben blass wie Silhouetten. Alles blieb irgendwie stumpf, wenngleich die Themen wichtige sind, die angesprochen gehören.Über den Sohn des Paares, bei denen Hannah eines Tages unterkommt, möchte ich auch eingehen. Dieser ist zehn Jahre jung und sein Gesagtes war teilweise so erwachsen, dass ich das Gefühl bekam, dass er viel älter sein muss. Allein seine Gedankengänge. Denkt so ein zehnjähriges Kind? Sicherlich gibt es Ausnahmen, aber hier passte es für mich nicht ganz. Auch er blieb blass wie die anderen, wenngleich er in einer Situation ein Bild zeichnete, das mich fast zu Tränen rührte. Hier greift wieder der tolle Schreibstil des Autors. Im Großen und Ganzen finde ich aber, dass man mehr hätte aus der Geschichte machen können. Mehr in die Gefühlswelt der Protagonisten eintauchen, allein auch durch Dialoge, durch mehrere Rückblenden in die Vergangenheit, damit es nachvollziehbar wird, weshalb Hannah so ist, wie sie ist und warum der Bezug und die Beziehung zu ihrem Vater so eingefroren war. Der Schreibstil hingegen hat mich weiterlesen lassen, wenngleich die Geschichte immerzu vor sich hin plätscherte wie der brennende See.