Seine beiden älteren Brüder Jakob und Wilhelm waren zwar ungleich berühmter als er, aber auch Ludwig Emil Grimm schlug eine künstlerische Laufbahn ein. Als Portraitstecher und Illustrator hatte er einen guten Ruf und konnte seine Familie angemessen mit seiner Profession ernähren. Zwar würde ich nicht so weit gehen wie die beiden Herausgeber, die Ludwig Emil Grimm gleich in der ersten Riege der Portraitisten des 19. Jahrhunderts stellen wollen (da gibt es dann doch andere Kaliber), aber zum einen ist sein Portfolio alleine dadurch bemerkenswert, dass ihm zahlreiche Berühmtheiten Modell saßen, zum anderen hat sich sein Werk relativ kompakt erhalten, sodass es sein Leben fast lückenlos "bebildert". Diese ungewöhnlich reiche Quellenlage macht auch den besonderen Reiz der Andere-Bibliothek-Edition von Ludwig Emil Grimms Autobiografie aus, denn obschon niemals an eine breitere Öffentlichkeit gerichtet, wurde sie bereits mehrfach herausgegeben. Noch nie allerdings in einer so anschaulichen, emotional dichten und schönen Art und Weise, wie hier. Vor den Augen des Lesers zieht das bewegte Leben eines Menschen der Biedermeierzeit vorüber, der mit wachem Verstand und einer ebenso präzisen wie humorvollen Beobachtungsgabe Geschehnisse und Menschen aufzeichnet. "Aufzeichnen" meine ich ganz wörtlich. Wo Ludwig geht und steht, hat er einen Zeichenstift in der Hand und auch seine Beschreibungen sind stark visuell geprägt. Noch nach 30 Jahren erinnert er sich an die Farbe des Gehrocks einzelner Personen, nimmt Marotten oder Merkwürdigkeiten aufs Korn, oft mit humoristischem Unterton, manchmal auch mit beißendem Spott. Vor allem Dünkelhaftigkeit geißelt er mit Vorliebe und nicht nur dort kommt seine republikanisch-humanistische Gesinnung zum Vorschein. Möglicherweise war diese in der Urschrift sogar noch ausgeprägter, denn an einigen Stellen wurden ganze Passagen aus dem Manuskript herausgeschnitten, möglicherweise nach der Revolution 1848. Was sie enthielten, ist unbekannt.Der Text ist nicht datiert, aber man vermutet eine Entstehung in der Zeit zwischen 1835 und 1850, als Ludwig zwischen 45 und 60 Jahre alt war. Sein geradezu fotografisches Gedächtnis für Ereignisse und Begegnungen ist bewundernswert und die Lebendigkeit der Schilderung ist auch heute noch fesselnd. Seine Nähe zum Brentano-Kreis bringt ihn mit der Bildungselite seiner Zeit in Kontakt, er trifft Goethe und die Humboldts, ist eng befreundet mit den Brentanos, den Droste-Hülshoffs, verschwägert mit der Familie Hassenpflug und das Namensregister im Anhang liest sich wie das who-is-who seiner Zeit. Dabei sucht Ludwig, anders als seine Brüder nicht das Licht der Öffentlichkeit. Er ist eben doch ein Mensch des Biedermeier, mit starker Familienbindung, einem gewissen Hang zum Häuslichen, aber aufgeschlossen und an der Welt interessiert. Als ihn Georg Brentano 1816 zu einer Italienreise einlädt, die am nächsten Tag beginnen soll, sagt er zu. Auch diese Unternehmung wird sein Leben und seine Arbeit nachhaltig beeinflussen.Ludwig Emil Grimm soll ein umgänglicher Mensch gewesen sein, und wenn man seine humorvollen Texte liest, seine witzigen Mundart-Transkriptionen aus dem Hessischen oder seine treffenden Charakterisierungen, dann will man das gerne glauben. Selbst aus der Distanz von fast 200 Jahren bleibt er als Mensch mit all seinen Ansichten und Einsichten erkennbar und ganz nebenbei wird auch seine Zeit lebendig, geradezu verschwenderisch illustriert durch das zusätzliche Bildmaterial, das vielen auftretenden Personen "ein Gesicht verleiht".Die zusätzlichen Illustrationen von Albert Schindehütte auf den letzten 20 Seiten haben zwar eine Referenz zur Originalgrafik Grimms, nur fehlte mir hier leider der emotionale Zugang. Dagegen haben mich seine Kalligrafien zu Grimmschen Sentenzen absolut begeistert. Da wird Schrift zur eigenen Kunstform. Einfach wunderschön.