Es ist bereits das 2. Buch des Autors zum Thema Karajan. Beeindruckend ist die schiere Faktenfülle des 600 Seiten-Werkes. Riehle sammelt und ordnet teils neue Fakten, hinterfragt sie nochmals gründlich und liefert oftmals eine absolut schlüssige Deutung, sofern nicht durch eindeutige, ebenfalls teils erstveröffentlichte Dokumente in unzweifelhafter Dichte nur eine Wahrheit klar hervortritt. Alleine diese Sisyphos Arbeit hat sich bislang kein einziger Autor zum Thema Karajan in der Nazizeit gemacht. Objektiv betrachtet muß aufgrund Riehles Recherche dieser Teil der Karajan-Biographie neu geschrieben werden.Karajan war zweifellos ein äußerst strategischer Mitläufer und nutzte – wie später – konsequent jeden Kontakt, der ihm in seiner Verwirlichung zum Vorteil gereichte. Von ihm selbst stammt 1983 der Satz, es (das Politische) war ihm völlig gleichgültig, er hätte für den Posten in Aachen auch einen Mord begangen. Das klingt plakativ nach musikalischer Rücksichtslosigkeit, lenkte aber bewußt und geschickt von der eigentlichen Frage der doppelten NSDAP-Mitgliedschaft ab, so wurde in den 80ern erneut Zeit gewonnen. Karajans Verhalten zur Nazizeit steht symbolhaft für das Verhalten ergeiziger Menschen, deren Karrierepläne durch die neue politische Landschaft in Gefahr gerieten, mehr noch, es zeigt, wie gezielt er die veränderte Machtlandschaft zu seinem Aufstieg nutzte.Riehle räumt mit falscher Legende auf. Klar arbeitet er heraus, daß die von Karajan kontrolliert geäußerte Aussage "er mußte der Partei beitreten" nicht die Hälfte der Wahrheit sein kann. Karajan suchte ergeizig in den sich ihm bietenden Kontakten zu NS-Größen gezielt nach Aufstiegschancen. Welche Ideologie das verbrecherische Naziregieme vertrat, interessierte Karajan im Kern nicht. Im Grunde verfolgte Karajan mit allen Mitteln die Ziele mehr Einfluß, (noch mehr) Privilegien und die absolute künstlerische Selbstverwirklichung. Nach dem Zusammenbruch wurde die Parteizugehörigkeit als Formalakt und wenn der Befrager hartnäckig genug blieb, als Genium, das eigentlich "nur Musik machen wollte" verkauft. Kennt man die wahren Hintergründe nicht, klingt das auch plausibel. Karajan hat nie Bedauern oder Mitleid mit den Opfern der Nazizeit erkennen lassen. Im Grunde waren ihm Schwache und Opfer (nur damals?) gleichgültig. Bei Franz Endler "Mein Lebensbericht" (Seite 170) findet sich ein geeignetes Schlußzitat über Bruckners Demut als Schwäche: "Er (Karajan) hat für schwache Menschen nicht viel übrig". Wenn ich jetzt Riehle genau lese, denke ich auch hierüber anders.Viele Dirigentenkollegen entschieden sich in der Zeit des Nationalsozialismus fürs Exil - Karajan bewußt nicht. Karajan schützte in dieser Zeit nicht andere, er suchte bewußt jeglichen Kontakt zu Parteigrößen, die ihm materiellen Wohlstand und künstlerische Verwirklichung oder Schutz garantierten. Neben seiner zweifelsfreien fachlichen Qualifikation nutzte er dieses Prinzip ebenso konsequent zum Aufbau seiner 2. Karriere nach dem Zusammenbruchs des tausendjährigen Reiches.Karajan versuchte sich jeglicher Kontrolle ein Leben lang zu entziehen damit, daß er alle Informationen ihn betreffend steuerte und selbst kontrollierte. Die Scheu, die man ihm allgemein als Menschen nachsagte, dürfte auch zu hohem Maß von Angst vor Kontrollverlust geprägt worden sein. Man muß Riehles Buch schon mindestens zweimal aufmerksam lesen, um das Wesen und die Psychologie Karajans klarer und besser zu verstehen. Karajans künstlerisches Vermächtnis steht für mich nicht in Frage, Riehles Werk hilft den bewußt ausgeblendeten frühen Karajan zu begreifen und seine späten Probleme besser einzuschätzen. Den Autor zeichnet aus, sich nicht im Abschreiben beinahe tradierter gefälliger Falschbiographie geübt, sondern durch Eigenrecherche über Zeitzeugen und Dokumente dem selbst gesetzten Thema größtmöglich genähert zu haben. Klaus Riehle will weder der Person noch dem Ansehen Karajans schaden, korrigiert er doch nur bewußt gemachte Falschaussagen anhand Fakten. Kein Verehrer - und ich zähle mich dazu - dieses Ausnahmedirigenten kommt bei kritischer Betrachtung um diese neue Publikation herum. Viele Jahre nach Karajans Tod beginnen wir uns objektiver mit seinen auf Tonträger festgehaltenen Interpretationen auseinander zu setzen. Daher passt Riehles Werk geradezu zwingend, auch Karajans Schattenseiten endlich aufzuarbeiten und kritisch zu bewerten. Ein für mich nachdenkliches und teilweise erschütterndes Buch. Unbedingt zweimal lesen und mit bislang veröffentlichtem Material anderer Autoren abgleichen.