★★★★★
Poldis Hörspielseite
04.10.2024
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Erster Eindruck: Das Verhör eines vergessenen HeldenDer idealistische Schreiner Georg Elser ist unglücklich verliebt in die unglücklich verheiratete Else Härlen, die ihn trotz des prügelnden Ehemannes immer wieder zurückweist. Doch ähnlich hartnäckig wie bei ihr ist Elser auch bei seinem Plan, Hitler auf dem Höhepunkt seiner Macht durch einen Anschlag mit Dynamit umzubringen. Unermüdlich gräbt er heimlich des nachts einen Schacht, um dort den Sprengstoff zu platzieren...Fast gleichzeitig mit dem gleichnamigen Film erscheint auch die Radio-Hörspielproduktion „Elser“ um den nicht mehr allzu bekannten Hitler-Attentäter Georg Elser. Doch hier ist keinesfalls ein O-Ton-Höspiel entstanden, auch wenn die Sprecher exakt mit den Filmschauspielern übereinstimmen. Vielmehr wurde ein ganz eigenes Drehbuch geschrieben, eine ganz eigene Ästhetik geschaffen, ganz andere Schwerpunkte gesetzt. Hier erfährt man viel über Elsers Innenleben, seinen Idealismus, seinen Traum von einer friedlicheren Welt. Dabei werden kleine Szenen aneinandergereiht, die nicht immer in zeitlicher Kontinuität erzählt sind, es sind auch mal größere Zeit- und Logikbrüche vorhanden. Der Verzicht auf einen Erzähler erschwert dabei etwas den Einstieg, so muss man sich als Hörer aber auch deutlich intensiver mit Elser auseinandersetzen und sich sein eigenes Bild des engagierten Mannes schaffen. So setzt sich langsam ein komplettes Bild zusammen, das die Charaktere in den Vordergrund stellt und diese sehr facettenreich darstellt. Diese Konzentration auf das Wesentliche ist sehr gut gelungen und setzt neue Akzente, die fernab von flachen Heldentum angesiedelt sind. Dabei wurden die Originalmitschriften der Verhöre verwendet, sogar einige Passagen übernommen, was dem Hörspiel einen sehr realistischen Anstrich verleiht. Das Zusammenspiel mit der sehr privaten Szenen mit Else Härlen ergibt dazu einen krassen Kontrast - gerade im ersten Teil des Hörspiels – während später die Verhörszenen dominieren. Auch das politische Geflecht, die Macht Hitlers und Goebbels, sind sehr lebensnah zu spüren und lassen einen tief in die damalige Zeit eintauchen. Elser ist alles andere als leicht verdauliche Kost, verlangt Aufmerksamkeit und Ruhe, dann kann man zahlreiche Feinheiten erspüren, die sehr bewegend dargestellt sind.Christian Friedel ist in der Hauptrolle des Elser zu hören und spielt diesen sehr eingängig, sehr intensiv und voller Leben. Mit vielen unterschiedlichen Nuancen leuchtet er die Szenerien sehr gekonnt auf, gibt den gefühlvollen Außenseiter ebenso überzeugend wie den mutigen Revoluzzer. Katharina Schüttler spricht die Else mit einer sanften, streckenweise schon zerbrechlich wirkenden Stimme, im späteren Verlauf kann sie aber auch hart und kalt klingen, wobei man ihr diesen Kontrast sofort abnimmt. Johann von Bülow ist in der ebenfalls sehr interessanten Rolle des Heinrich Müller zu hören, seine feinsinnige Interpretation kann dabei voll und ganz überzeugen. Weitere Sprecher sind Burghardt Klaußner, David Zimmerschied und Simon Licht.Die sehr reduzierte Umsetzung der Handlung zeichnet sich durch den fast vollkommenen Verzicht auf Musik aus, nur am und an sind sehr kleine Musikfetzen eingebaut, nicht harmonisch, weder beruhigend noch Aufmerksamkeit heischend, sondern schlicht und eindringlich. Zahlreiche Geräusche, auch mal sehr leise im Hintergrund oder als kleiner Störton eingebaut, vermitteln trotz ihrer Sachlichkeit eine Menge Atmosphäre.Um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wurde für das Cover das Filmplakat übernommen. Obwohl dieses mit dem einzigen lebendig wirkenden Gesicht von Elser unter all den gleichförmigen Männern aussagekräftig und passend ist, wurde die Chance verpasst, sich als eigenständige Umsetzung des Stoffes zu präsentieren. Im umfangreichen Booklet sind zahlreiche Hintergrundinformationen sowie einige Bilder aus dem Film zu sehen.Fazit: „Elser“ ist kein sonderlich populärer Stoff und zudem recht schwer verdaulich, kann dafür aber mit einem Stück Zeitgeschichte und einer sehr intensiven Charakterdarstellung überzeugen. Im Umfeld des geplanten Attentats treten nicht nur einige Menschen ins Licht und werden intensiv beleuchtet, auch die Umstände der Tat werden sehr detailliert und fast kunstvoll beschrieben.
Das Hörspiel vom SWR-2 zum fast vergessenen Widerstandskämpfer und Hitler-Attentäter Georg Elser ist mit den gleichen Schauspielern besetzt (in identischen Rollen), wie der zur gleichen Zeit gestartete Kinofilm ELSER: Christian Friedel (in der Titelrolle), Burghart Klaußner, Katharina Schüttler und Johann von Bülow. Erstklassige Schauspieler, die alleine durch ihre Stimme überzeugen. Ich habe den ELSER Film bereits bei der diesjährigen Berlinale-2015 gesehen; wer zuerst den Spielfilm sieht, wird dann natürlich beim Hören des Hörbuchs die Bilderwelten des Films vor dem inneren Auge haben. Die Dramaturgien von Spielfilm und Hörbuch sind jedoch nicht identisch. Im Hörbuch ist eine akustische Collage von Stationen aus Elsers Leben entstanden, die fließend ineinander übergehen, und stärker zeitlich springen als im Kinofilm. Ein Hörspiel ist nicht an die Dramaturgie eines Spielfilms gebunden.Christian Friedel beeindruckt als ELSER, gibt ihm den richtigen selbst-bewussten und auch verträumten Tonfall. Und Katharina Schüttler, eine warme, erotische Stimme (Elsers Braut). Brutal, roh und grausam: Johann von Bülow als Verhörbeamter. Burghart Klaußner, mehr Kriminalbeamter, als Nazi. Er wird Elsers Schicksal teilen.Das Hörbuch nimmt sich dort zurück, wo der Film zu plakativ ist, zu dick aufträgt, z.B. in den Folter- und Hinrichtungsszenen. Im Hörmedium muss immer auch Raum für die Gedanken und Bilder der Zuhörer gelassen werden.Fazit: ein beeindruckendes Hörbuch, das zuerst ELSER als Menschen vorstellt. Die rein technische Abwicklung des Attentats ist im Hörbuch nur ein Randnotiz. Und das ist auch richtig so.( J. Fromholzer )
Man kennt das ja, das Buch zum Film, ein platter Abklatsch als Marketingvehikel. Nun ein Hörspiel zum Film? Als Hörspielliebhaber war ich skeptisch. Grundlos! Der Autor Breinersdorfer, ohnehin bekannt dafür, dass er immer wieder einen neuen, interessanten Zugang zu Stoffen findet, legt ein Hörspiel vor, das in seiner Dynamik und seine Facetten, seiner Konzentration auf die Huptfigur und dessen Innerstes mindestens genauso fasziniert wie der sehenswerte Film. Auch wenn weder Hörspiel noch Film letztlich erklären können, warum einer alleine gegen Hitler aufstand, die beiden Versuche regen den kritischen Geist und die Phantasie an. Dass darüber hinaus dieselben Schauspieler die Chance haben - und nutzen - ihre Rolle doppelt zu interpretieren, wann hat man das schon?