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Gerade dann wenn das kritische Bewusstsein was Souveränität beinhaltet am dringendsten nötig
wird droht es verschüttzugehen. Das gilt unter den unerträglich sich verschärfenden
Bedingungen von Israels Existenz vor und nach dem 7. Oktober gewiss in besonderem Maß.
Symptomatisch dafür ist etwa die Berufung aufs internationale Recht als Selbstzweck - um
wohlmeinend nachzuweisen dass jener Staat diesem Recht entsprechend seine Selbstverteidigung
organisiere und denen entgegenzutreten die auf der selben Grundlage die abgrundtiefe
Antithese behaupten seine Regierung handle dem internationalen Recht zuwider und hier seien
vielmehr Kriegsverbrecher am Werk die vor den Internationalen Strafgerichtshof gestellt werden
müssten. Für die Frage jedoch worin die Souveränität eines Staats überhaupt besteht und wie
darum das internationale Recht aufzufassen wäre bleibt dann weder Raum noch Zeit. So wundert
es nicht wenn deutsche Politik die Sicherheit Israels als Teil der deutschen Staatsraison
ausgibt - aber kaum dass es jemand merkt verrät sie sich damit schon selbst. Denn die
Formulierung lässt ausdrücklich offen um welchen Teil es sich dabei handelt und in welchem
Verhältnis er zum Ganzen steht wobei die propagandistische Bedeutung des Begriffs
'Staatsraison' ja darin liegt dass dem Souverän alles zum Mittel werden kann und darf.
Ähnliches wenn auch weniger verräterisch haben sprachliche Verrenkungen wie etwa die Rede vom
¿israelbezogenen Antisemitismus¿ im Sinn: durch Einordnung in ein ideelles Aktensystem
Intersektionalität genannt verschwindet die in der deutschen Linken seit Jean Améry mühsam
errungene Erkenntnis dass der Antizionismus zur Speerspitze des Antisemitismus geworden ist.
Das heißt die fast unlösbare Aufgabe besteht immer noch darin 'weder von der Macht der
anderen noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen' (Adorno) ins Politische
gewendet: die eigene partikulare Taktik der Macht gegenüber angewandt nicht als Wahrheit des
Ganzen misszuverstehen weder das Muster fürs internationale Recht also das wirkliche weil
von einem Souverän garantierte Recht innerhalb des Staats noch das internationale Recht selbst
(so scharf zwischen ihnen unterschieden werden muss weil letzteres von keinem Gewaltmonopol
gedeckt wird) als allgemeinen Zustand der Freiheit zu verklären. Vor solcher Verdummung ist
Zionismus gefeit insofern er sich einen Sinn für die negative Urteilskraft in der jüdischen
Religion bewahrt hat also - in den Worten der Dialektik der Aufklärung - dafür Hoffnung
einzig ans Verbot zu knüpfen das Endliche als das Unendliche die Lüge als Wahrheit anzurufen
sodass Erkenntnis in der Denunziation solchen Wahns gründe. 20 Jahre nach seinem Buch Suicide
Attack - Zur Kritik der politischen Gewalt unternimmt es Gerhard Scheit seither veränderte
Konstellationen für Israel und den Zionismus für deren Gegenwart wie für deren Geschichte zu
erhellen. Das neue Buch ist der Erinnerung an Joachim Bruhn gewidmet.
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