Bestellt hatte ich das Buch mit großem Interesse. Neugierig war ich nicht nur auf die Erfahrungen der Autorin als Muslima, sondern auch auf ihre Aussagen bezüglich ihres ehemaligen Weggefährten Denis Cuspert („Deso Dogg“). Auch was sie über ihr Leben als Rapperin zu sagen hätte, interessierte mich sehr. Ich muss leider betonen, dass ich auf breiter Basis enttäuscht wurde. Ich habe selten ein derart schlechtes Buch gelesen.Ich kam kaum über die ersten 20 Seiten hinaus, als mir vor Entsetzen beim Lesen die Haare zu Berge standen, weil Sahira Awad völlig eindimensional, vereinfachend und vor allem unglaubwürdig argumentiert.Der Islam ist ihrer Ansicht nach immer nur Frieden, Liebe, Toleranz, Gleichheit. Alles ist ebenso makel- wie problemlos. Heikle Aspekte wie Intoleranz, Gewalt, Ungleichheit, Benachteiligung von Frauen, Homosexuellen oder Andersgläubigen gibt es nicht und wenn, dann haben sie NIE etwas mit Religion/mit dem Islam zu tun. NIE!!! Und diese Argumentation zieht sich in einer Art Endlosschleife durch das komplette Buch.Völlig eindimensional und nur wenig überzeugend sind vor allem ihre generellen Ansichten über Muslime: Sie stellt sie ausschließlich als ewig unschuldige Opfer dar. Seit 9/11 würden muslimische Länder dauernd von den bösen Ungläubigen angegriffen und im Westen lebende Muslime seien non-stop Schikanen und Diskriminierungen ausgesetzt. Sowohl sich selbst als auch andere Muslime nimmt die Autorin ausschließlich als Opfer wahr. An manchen Stellen formuliert sie das etwas weniger direkt, aber genau das ist die Essenz: Muslime sind immer und überall Opfer. Sollten Muslime wider Erwarten ganz offensichtlich doch mal Täter sein (als IS-Terroristen z. B.), so hat die Autorin eine äußerst stichhaltige Begründung hierfür auf Lager: Diese Muslime sind gar keine Muslime! Awads bestechende Erklärung? Es gibt keinen intoleranten oder gar gewalttätigen Islam. Ergo auch keine gewalttätigen Muslime.Folgerichtig kritisiert und verdammt sie auch Salafisten, Dschihadisten und IS-Terroristen, die anderen Muslimen ihr Muslimsein absprechen, nur um diesen Personen im nächsten Satz höchst selbst das Muslimsein abzusprechen. Hallo? Auch dies geschieht an mehreren Stellen im Buch.Am meisten abgestoßen haben mich jedoch ihre ellenlangen Ausführungen über Denis Cuspert. Sie bezeichnet ihn auf fast jeder Seite immer wieder als ihren „Freund und Bruder“, schwärmt von ihm und spricht in wahren Lobeshymnen von ihm. Als ob er ein durch und durch netter, freundlicher und herzensguter Mensch gewesen wäre. Seitenweise wird er im Buch als lieber Kerl geschildert, der angeblich nie einer Fliege was zuleide tat. Nur in einer winzigen Randbemerkung steht, dass er schon lange vor seiner Zeit als Salafist/IS-Terrorist kriminell war, aber auch hier wird nur erwähnt, er habe mal im Knast gesessen. Warum, darüber schweigt die Autorin. Dass er als Krimineller wegen mehrerer Delikte (u.a. Gewaltdelikte wie schwere Körperverletzung, Drogenhandel) mehrmals inhaftiert war, wird verschwiegen. Doch die Autorin setzt dem ganzen noch die Krone auf, als sie im weiteren Verlauf Cusperts Werdegang als Salafist und Terrorist beschreibt. Auch hier dasselbe Argumentationsmuster: Denis Cuspert (Deso Dogg) wird ausschließlich als Opfer präsentiert, als ein Mann, dem nur das Gehirn gewaschen wurde. Nach Ansicht der Autorin ist Cuspert völlig unschuldig in salafistische Kreise abgedriftet. Nachdem er sich dem Salafismus zuwandte, sei er – so die Autorin – nicht mehr er selbst, sondern eine ferngesteuerte Maschine gewesen.Ach ja? Wieso? Wieso wird außer Acht gelassen, dass sich Cuspert vielleicht sehr bewusst für den Salafismus/Dschihadismus entschieden hat? Er war schließlich ein erwachsener Mann, oder? Schon als er 2007 den Islam annahm, war er Anfang 30 gewesen und seine Wandlung zum gewaltbereiten Salafisten vollzog er zwischen Mitte und Ende 30. Warum wird die Möglichkeit völlig ignoriert, dass er eben nicht ferngesteuert, sondern in vollster Überzeugung und selbstbestimmt handelte? Dass er vielleicht sogar Spaß daran hatte? Das wird von Awad nie in Betracht gezogen. Geschweige denn, dass eine kritische Auseinandersetzung seitens der Autorin damit erfolgt. Warum sich Cuspert für diesen Weg der Gewalt entschieden hat? Das will die Autorin angeblich nicht wissen. Stattdessen kommen von ihr immer nur die gleichen Stereotype: „Er war gehirngewaschen, er war nicht er selbst, er hatte keine Seele mehr, er war ferngesteuert.“ Mehr hat Awad dazu nicht zu sagen. Wobei sie eigentlich viel darüber sagen könnte, weil sie Cuspert tatsächlich jahrelang kannte. Wirklich tiefergehende Fragen dazu stellt sie (sich) jedoch nicht. Schade. Ihre „Analyse“ bleibt dürftig und unglaubwürdig. Es mag ja sein, dass 15- oder 16-jährige Teenager von Salafisten geködert und gehirngewaschen werden, bei Denis Cuspert kann man sich das allerdings nur schwer vorstellen. Hier hätte man sich seitens der Autorin ausführlichere und überzeugendere Argumente gewünscht.Aber auch Awads Schilderungen zu ihrem eigenen Abdriften in den salafistischen Islam bleiben weitgehend oberflächlich. Wirklich kritische Fragen stellt sie (sich) auch hier nicht.Womit ich zum größten Manko dieses Buches komme: Praktisch an keiner Stelle setzt sich die Autorin kritisch oder gar selbstkritisch mit der Materie auseinander. Im krassen Gegensatz zu anderen Autoren wie Dominic Schmitz („ Ich war ein Salafist. Mein Leben in der islamistischen Parallelwelt“) oder Irfan Peci („Der Dschihadist“). Was deren Bücher so lesenswert macht und ihnen entscheidende Glaubwürdigkeit verleiht, da sie ihren Weg in den radikalen Islam in der Rückschau sehr selbstkritisch hinterfragen. Das Buch von Awad hingegen ist und bleibt unglaublich einseitig, oberflächlich und monoton, letztendlich sogar langweilig. Es liest sich mehr wie eine sture Anklageschrift gegen die böse westliche Gesellschaft, die angeblich an allem Schuld ist.Differenzierte Argumente, eine kritische Auseinandersetzung, eine gelungene und glaubhafte Analyse, all das fehlt in diesem Buch. Diese Frau wirkt auf mich zu fast keinem Zeitpunkt irgendwie glaubwürdig!! Mit ihrem jammerigen, anklagenden Tonfall wirkt sie eher unsympathisch. Überzeugt hat mich ihr Buch nicht, im Gegenteil, ich finde es eher abstoßend. Einzig ihre Aussagen über die Berliner Rapperszene sind einigermaßen interessant. Aber selbst hier wird man den Eindruck nicht los, dass vieles allzu einseitig und beschönigend geschildert wird.