Faktenreich, anschaulich und nachvollziehbar beschäftigt sich Wallace mit der Thematik der Epidemien und Pandemien. Obwohl Wissenschaftler erschlägt Wallace einen nicht mit Zahlen- und Datenkolonnen und versteht es uns NichtwissenschaftlerInnen die Thematik und seine Ausführungen verständlich darzulegen und näherzubringen.Corona wird uns von Politik und Medien wie eine Art „Naturkatastrophe“ geschildert, mit der wir uns arrangieren und auf die wir mit Maßnahmen wie Hygiene, Masken, Abstand und Impfungen reagieren müßten. Die Frage nach dem Ursprung von Corona bleibt aber weitestgehend offen und eine diesbezügliche Diskussion oder Forschung hat bisher zumindest nicht in der Öffentlichkeit stattgefunden. Für Wallace steht fest: „Überhaupt sind Impfungen und Tabletten allein selten entscheidend für unsere Erfolge.“ (S. 100)Genau hier setzt Wallace an. In Beiträgen wie „Wie entstand die Vogelgrippe?“, „Wie fand Ebola eine neue Nische?“ oder „Wer trägt die Schuld an der nächsten Pandemie?“ geht Wallace der Frage nach den Ursprüngen der Vogelgrippe oder den Gründen nach, warum Ebola in Afrika so vehement aufgetreten ist. Interessant ist, daß Wallace sich nicht nur mit Corona, sondern auch mit anderen Seuchen, deren Ursprung und Verlauf beschäftigt.Wallace interessiert sich für die „sozialen und ökologischen Faktoren“, die gewöhnlich „in der wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Praxis (...) ausgeklammert“ (S. 12) werden. Da diese Faktoren größtenteils auch von den Regierungen der Welt ausgeklammert werden, ist klar, dass sich der Kampf gegen Epidemien (SARS, MERS, (Vogel)Grippe, etc.) weitestgehend auf die Änderung des individuellen Verhaltens beschränkt. Zum anderen werden uns verschärfte Grenzkontrollen als „gesundheitspolitische Maßnahme“ (S. 26) präsentiert. Wallace bekennt selbstkritisch: „Ich musste wiederholt feststellen, dass die politischen Machtverhältnisse nicht nur die Infektionskrankheiten prägen, sondern auch die Wissenschaft, die sich mit ihnen beschäftigt.“ (S. 12) Wallace spricht sich dafür aus, über den Tellerrand der jeweiligen Wissenschaftsdisziplin zu schauen und die Erkenntnisse miteinander zu verbinden (S. 51), da diese ein Gesamtbild ergeben, das hilft und ermöglicht die neuen Seuchen, ihre Ursprünge und ihr Überleben zu verstehen und sie entsprechend zu bekämpfen.Im Buch heißt es im Vorwort: “ (...) die wachsende Seuchengefahr hat konkrete Ursachen, nämlich den weltweit immer noch steigenden Antibiotika-Verbrauch, die schrumpfende Artenvielfalt und die Massentierhaltung sowie Urbanisierung und Globalisierung. So entsteht eine virale und bakterielle ‚Evolution auf der Überholspur‘.“ (S. 12) Eben diese Ursachen verschwinden ebenso wenig wie die Seuchen durch Ignorieren oder Unterstellungen und Verschwörungstheorien aus der Welt, aber genauso wenig durch ein Verlassen auf die Politik der jeweiligen Regierungen.„Auch wenn keine Absicht dahinter steht, ist die ganze Produktion doch perfekt organisiert, um die Evolution von Krankheitserregern und ihre anschließende Übertragung zu beschleunigen: Genetische Monokulturen - Schlachtvieh und Pflanzen mit nahezu identischem Erbmaterial - beseitigen Brandschneisen gegen Epidemien durch die Immunreaktionen, die in vielfältigeren Populationen Übertragungen verlangsamen. Gleichzeitig schwächt die beengende Haltung die Immunreaktion. Größere Populationen und größere Dichte führen zu höheren Übertragungsraten.“ (S. 36)„Die Pandemie entsteht aus der kapitalistischen Produktionsweise“ (S. 38), faßt Wallace einen Strang seiner Argumentation und Erkenntnisse zusammen. Und wir treffen auf „alte Bekannte“: Goldman Sachs, die bereits in die Finanz- und Immobilienkrise 2008 involviert waren und als Reaktion auf die Krise neue Geschäftsfelder suchten. Goldman Sachs machte sich daran, „seine Beteiligungen krisensicher und breiter zu streuen und entdeckte den Agrarsektor“ (S. 38). Aus diesem Grund übernahm Goldman Sachs große Anteile an chinesischen Agrarkonzernen wie Shuanghui Investment and Development. Eben dieser Konzern hatte kurz zuvor den weltgrößten Schweinefleischproduzenten Smithfield Foods gekauft.„Die Krankheitserreger machen die Kreisläufe von Produktion und Kapital wie radioaktive Kontrastmittel sichtbar.“ (S. 40)„Unsere zugrunde liegende Annahme ist, dass die Ursache von COVID-19 und ähnlicher Erreger nicht auf den Auslöser einer Infektion oder ihren klinischen Verlauf beschränkt werden kann, sondern in den ökosystemischen Verhältnissen liegt, die unter anderem das Kapital seinen Interessen gemäß gestaltet hat.“ (S. 40) Das, was Wallace hier in Bezug auf Epidemien anführt, trifft auch auf viele andere gesellschaftliche Bereiche zu. So gestaltet das Kapital zusehends und fortlaufend alle möglichen gesellschaftlichen Bereiche in seinem Sinne um: so sind u.a. die (Innen-)Städte ebenfalls nicht für die Menschen gebaut, sondern ihr Zweck besteht hauptsächlich darin als Orte des Konsums und der Kapitalakkumulation zu fungieren, was dazu führt, daß sie immer unwohnlicher und Nischen immer seltener werden, die Mieten steigen, ... Manchmal firmiert dies auch unter Gentrifizierung.Wallace versteht es u.a. im Beitrag zur Vogelgrippe uns diese tödliche Epidemie in seiner Gesamtheit darzustellen. D.h. Wallace versteht es, uns ein Bild über die Bedingungen, welche die Vogelgrippe zu einer tödlichen Epidemie werden ließen, anschaulich und plausibel in verschiedenen gesellschaftlichen Dimensionen nahezubringen. Die Voraussetzungen und Entstehungsbedingungen der Vogelgrippe stellt Wallace überzeugrend und faktenreich dar („Warum entstand diese tödliche Krankheit gerade zu dieser Zeit?“ (S. 49)).Wallace untersucht die Influenza als „ein Fallbeispiel für die unbeabsichtigten biologischen Folgen der Bemühungen, die Entwicklung und Ökologie von Tieren für multinationale Konzerne profitabel zu machen“ (S. 50). Er führt das Ergebnis einer Kollegin an, wonach „die globalen Finanz- und Produktionsströme, die unser tägliches Leben bestimmen, auch die Kontrolle und Nutzbarmachung nichtmenschlicher Systeme prägen“ (S. 50). Die Kosten, welche die Ausbeutung von Mensch und Natur erzeugen und den Konzernen Profite verschaffen, werden allerdings nicht von eben diesen Konzernen getragen. Die verschiedenen neuen Formen der Influenza sieht Wallace u.a. als „Folgeschäden der industriellen Fleischproduktion“ (S. 56/57). „Die entstehenden Schäden werden freilich auf die Nutztiere abgewälzt, aber auch auf die Konsumenten, die Beschäftigten, die Steuerzahler, regionale Behörden und Tiere, die in der Nähe der Massentierhaltungen leben.“ (S. 57) D.h. die Gewinne der Produktion werden privatisiert, die anfallenden Kosten werden der Gesellschaft aufgehalst. Das billige Fleisch hat seine Kosten, die andere zu tragen haben. „Die Lebensform der Influenza ist untrennbar verstrickt mit der politischen Ökonomie der Lebensmittelbranche.“ (S. 65)„Die Eigentumsstruktur der landwirtschaftlichen Betriebe, Infrastruktur, Arbeitsbedingungen und die Tiergesundheit hängen untrennbar miteinander zusammen.“ (S. 83) Wallace setzt dies gekonnt in Beziehung zu Investitionen, „Strukturanpassungsprogrammen“ der Weltbank, der Marktmacht von Konzernen, welche mit Produktionsverlagerungen drohen, der Kapitalkonzentration, der zunehmenden Verstädterung, deren Folgen und der Anwendung neuer Produktionsmethoden in Südchina ... und zeigt die verheerenden und zerstörerischen Folgen der kapitalistischen Produktionsweise auf. Im afrikanischen Guinea sind derzeit ähnlich zerstörerische Entwicklungen ingange: „Der Wald leidet unter dem immer schnelleren Verfall der öffentlichen Infrastruktur, gleichzeitig unter der organisierten privaten Erschließung von Grundstücken. Land, das für den Ackerbau und die Nahrungssuche genutzt wurde, wird enteignet. Statt dessen dient es fortan dem Bergbau, der Abholzung und zunehmend auch der exportorientierten intensivierten Landwirtschaft.“ (S. 86) Hier vollziehen sich Prozesse ähnlich der von Karl Marx in „Das Kapital“ geschilderten Prozesse der ursprünglichen Akkumulation, also der Enteignung und Proletarisierung größerer Bauernmassen. „Die strukturellen Verschiebungen sind genauso katastrophal wie das Virus selbst.“ (S. 97)Für Wallace geht es nicht darum, „den Welthandel abzuschaffen oder zum überholten Familienbauernhof zurückzukehren“ (S. 83). Seine Alternativen sind anderer Art. Er führt positive Beispiele einer umwelterhaltenden und ausgewogenen Landwirtschaft an (S. 143/144). „Den landwirtschaftlichen Sektor so tiefgreifend zu verändern, wäre aber nur einer der notwendigen Schritte, um die Influenza und andere Krankheitserreger zurückzudrängen.“ (S. 84), verrät er uns.Wenn Wallace anführt, daß die Weltbank die Guinea-Savanne in Afrika, die sich quer über den afrikanischen Kontinent bis Äthiopien erstreckt, als „eine der größten ungenutzten landwirtschaftlichen Flächenreserven der Welt“ (S. 93) beschreibt, so verheißt dies nichts Gutes. So führt Wallace an, daß „bis heute fast jede Ebola-Epidemie in Zusammenhang mit einer veränderten, kapitalgetriebenen Landnutzung wie Holzeinschlag, Bergbau oder Landwirtschaft“ (S. 92) steht. Wir haben wahrscheinlich noch eine Menge Epidemien und Pandemien zu erwarten, laufen doch - dank der Kreisläufe des Kapitals - ähnliche Entwicklungsprozesse wie in Guinea in vielen Teilen der Welt. „Wenn sie eine Region ruiniert haben, ziehen sie weiter; sie surfen sozusagen auf der Welle ihrer Zerstörung.“ (S. 145)Die großen Agrarkonzerne und manche Medien haben schnell Sündenböcke für die Epidemien vorzuweisen: Indigene und Kleinbauern werden für die Folgen der Entwaldung ebenso wie für angeblich fehlende Hygiene ebenso verantwortlich gemacht wie Wildtiermärkte oder die Nachfrage nach bushmeat. Gleichzeitig werden hier die Epidemien genutzt, um lästige Konkurrenz auszuschalten.Wallace weist u.a. darauf hin: „Seit der Jahrtausendwende kamen in China Reisanbau, Entenhaltung und die industrielle Produktion von Geflügel und Schweinen in einer katastrophalen Weise zusammen und schufen die perfekten Bedingungen für das Entstehen neuartiger Influenza-Stämme.“ (S. 172)„Unter neoliberalen Verhältnissen werden Epidemiologen und Gesundheitswissenschaftler dafür bezahlt, den Dreck wegzuräumen, den das System gemacht hat, und noch die schlimmsten Fehlentwicklungen zu rechtfertigen, mögen sie auch zu tödlichen Pandemien führen.“ (S. 172)Wallace gibt nicht auf alles eine Antwort (wer kann das schon), sondern stellt sehr viele Fragen, deren (auch praktische) Antwort von uns allen gegeben werden muß. Es sind u.a. Fragen wie „Können wir unsere Formen der Naturaneignung grundlegend verändern und einen Waffenstillstand mit diesen Infektionen schließen?“ (S. 42).„Wir brauchen eine Virologie, die ihren Blick über das hinaus weitet, was unter dem Mikroskop zu erkennen ist. Dort zeigt sich keiner der gesellschaftlichen und ökologischen Einflüsse, die die Evolution der Influenza A prägen“ (S. 102) , führt Wallace treffend an. „Wir müssen die ökologisch-gesellschaftlichen Verhältnisse in den Blick nehmen.“ (S. 170)Lediglich die wichtige Frage, wer die Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse durchführen kann bzw. soll, bleibt Wallace etwas schuldig. Es klingt hier und da an, daß es die Staaten sein könnten (Stichwort: Reformpolitik). Aber gerade die Staaten (ob China, die USA oder Guinea) decken die Machenschaften der großen Konzerne, streiten sich in der WHO oder bleiben untätig anstatt die Epidemien wirksam zu bekämpfen. Letztendlich können nur die Leidtragenden (ob Produzenten oder Konsumenten) der Politik der Konzerne und der Parlamente und Regierungen eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Angriff nehmen. Eine Politik, welche unsere Lebensgrundlagen in Frage stellt, muß selbst in Frage gestellt werden. Ohne Kompromisse. Im Interesse von Mensch und Natur. Zumal die Zeit drängt.Und Wallace gibt zu bedenken: „Fünf Jahrhunderte voller Kriege und Seuchen beweisen, dass das Kapital, dem die Epidemiologie dient, durchaus bereit ist, über Berge von Leichen zu gehen.“ (S.172)Spannend und erhellend zu lesen. Bücher dieser Art müßte es mehr geben. „Der Ausweg ist nichts weniger als die Geburt einer neuen Welt.“ (S. 41)