Gehe völlig einig mit der ersten Rezension von Kaivai. Das Thema ist hochinteressant. Wolfgang Pauli ist generell zu wenig bekannt, und seine Verbindung zur analytischen Psychologie von Carl Gustav Jung ist nur noch Insidern bekannt. Wir haben es bei Pauli mit einem Physiker zu tun, der eine Synthese von Materie und Geist suchte, und die Evolution als zielgerichtet intuierte. Das Buch enthält viele Anregungen zum Ueberdenken der Position des Menschen in der Schöpfung. Leider ist das Buch offenbar sehr rasch verfasst worden, vieles wird wiederholt, die als "Zwischenmenschliches" eingestreuten Anekdoten zeigen Pauli eher von einer negativen Seite, als eine Person die Mühe hatte mit normalen zwischenmenschlichen Kontakten (etwas, das man bei Genies häufig sieht, das aber nicht unbedingt herausgehoben werden muss). Das Buch wird gegen das Ende besser, sobald der Autor versucht, so etwas wie eine Synthese vorzulegen. Also Buch nicht weglegen, wenn der rote Faden fehlt, sondern wenn nötig einige Kapitel überspringen und ab der zweiten Hälfte weiterlesen.
Die drei heiligen Könige der Wissenschaft der Moderne heißen Darwin, Freud und Einstein. Die beiden letztgenannten waren deutschsprachig und vielleicht deswegen oder gerade deshalb fühlten sie sich später in ihrem Leben dazu berufen einen Kronprinzen zu ernennen (Darwin als englischem Understatesman wär das zu blöd vorgekommen).Freud ernannte Carl Gustav Jung und Einstein Wolfgang Pauli.Nach der Ernennung hatten weder Freud noch Einstein Freud an ihrem Prinzen, denn der lag ihnen jeweilig wie ein Stein im Magen. Das hatte einen Grund. Nämlich den festen, den Jung und Pauli verlassen hatten und den zu verlassen sich Freud und Einstein nicht trauten. Der feste Grund ist die Welt, in der alles mit rechten Dingen zugeht. In der Welt die Jung und Pauli betraten, war das nicht mehr der Fall. Jung stieg tiefer als Freud, vom Unbewußten ins kollektive Unbewußte und Pauli stieg tiefer als Einstein, von der Raumzeit in die Quantenwelt.Im kollektiven Unbewußten herrschen die Archetypen und in der Quantenwelt die Komplementarität (die Paradoxie der zusammenfallenden Gegensätze). Wolfgang Pauli, der im Zentrum dieses Buches steht, versuchte beides zu verbinden und C.G.Jung half ihm dabei. Die beiden schrieben sich lange Briefe. Paulis Quintessenz (vielleicht ist Quartessenz das bessere Wort, denn Pauli sah in der vier eine Zahl, die Befreiung verspricht) dieser Begegnung: "Es ist das unausweichliche Schicksal der mit statistischen Naturgesetzen operierenden Physik, nach Vollständigkeit suchen zu müssen. Dabei wird sie aber notwendig auf die Psychologie des Unbewußten stoßen müssen, da eben dieses und die Psyche des Beobachters das ihr Fehlende ist."Für Pauli war Vollständigkeit in der Physik nur erreichbar, wenn der Physiker das Doppelspiel durchschaut, das er treibt, wenn er aus seiner Subjektivität heraus einen objektiven Standpunkt einnimmt. Das Resultat des Durchschauens ist, daß der Physiker erkennt, daß er die Physis der Welt in seiner Psyche spiegelt. Wenn ein Physiker dazu in der Lage ist und Wolfgang Pauli war in dieser Hinsicht eine echte Ausnahme, dann begreift er vieles auf einmal.Pauli war nicht nur auf der Tagseite seiner Berufung als Physiker überaus erfolgreich: u.a. sagte er das Neutrino voraus, entdeckte die vierte Quantenzahl (den Spin) und das Pauli-Verbot (wofür er den Nobelpreis erhielt). Auch auf der Nachtseite fühlte er sich zuhause: er setzte sich mit seinen Träumen auseinander, er war ein Magnet sinnvoller Zufälle (so daß sich bei Physikern statt "Synchronizität" der Begriff "Pauli-Effekt" einbürgerte) und er verstand die Wirklichkeit als einen Ort an dem nicht blinde Kausalität herrscht, sondern der fühlende Mensch und die Kraft der Symbole. Die Wirklichkeit war für Pauli nicht das was ist, sondern das was der Mensch aus äußeren und inneren Bildern gestaltet. Das was sich komplementär entwickelt.Wolfgang Pauli kriegt von mir fette fünf Sterne. Ernst Peter Fischer hier nur drei, denn dies Buch ist nicht gut geschrieben, teilweise wiederholt er sich auch, wobei ich manchmal das Gefühl hatte auf der falschen Seite gelandet zu sein. Zusammen also 4(!) Sterne (dies (!) hinter der 4 ist O-Ton Fischer).