Darum geht’s:Der Planet Ranun ist am Ende. Durch den Abbau von Vicarium wurde die Umwelt dauerhaft geschädigt und nun, da die Minen erschöpft sind, leben nur noch wenig Menschen unter schlechten Bedingungen an diesem verlassenen Flecken des Weltraums. Leyo schlägt sich mehr schlecht als recht als Barkeeper durch, doch er hat Amjan und Liska, mit denen er verheiratet ist, versprochen, keine gefährlichen Schmugglerjobs mehr anzunehmen. Aber Liska ist schwanger, das Geld ist knapp, Leyo quält die Abenteuerlust und das führt dazu, dass er sich doch hinreißen lässt, etwas sehr dummes zu tun.So fand ich’s:Leyo ist ein sympathisches Schlitzohr, der sich ernsthaft bemüht, ein verantwortungsvoller Erwachsener zu sein. Sowohl für seinen halbwüchsigen Sohn und seine Exfrau als auch für Amjan und die schwangere Liska, die alle drei miteinander verheiratet sind. Seiner bewegten Vergangenheit als erfolgreicher Schmuggler trauert er aber gewaltig hinterher und als ihm ein kinderleichter Schmuggeljob quasi vor die Füße fällt, ist die Versuchung zu groß. Er lässt sich darauf ein und steckt bald bis zum Hals in Schwierigkeiten.In Kalubs End lebt es sich weder leicht noch luxuriös, aber für die Bewohner ist und bleibt es die Heimat. ALIS, die intergalaktischen Streitkräfte, haben den Planeten Ranun wohl schon vergessen. Nur Amjan repräsentiert die Behörden, meistens auf verlorenem Posten. Denn Banden, Outlaws und allen voran ein einflussreicher Gangsterboss dominieren die Gegend.Ich mochte das Setting sehr, das für sich alleine schon die halbe Motivation für illegale Geschäfte bietet. Dazu Leyos Abenteuerlust, Liskas Sturheit, technische Fähigkeiten und Pilotenkünste und Amjans Gespaltenheit zwischen Pflichterfüllung und Loyalität zur Bevölkerung und verliebter Hingabe an seine beiden manchmal zu leichtsinnigen Liebsten Leyo und Liska. Die drei sind höchst unterschiedlich, doch durch tiefe Gefühle miteinander verbunden, und würden ihr Leben riskieren für die anderen – was sie in diesem Buch auch tatsächlich tun müssen.Dazu kommt ein Gangsterboss und eine karriereorientierte Umweltministerin und schon ist die wilde Mischung bereit, aus der spannende Abenteuer geboren werden. Ich hab das Abtauchen in die ganz besondere Atmosphäre in Kalubs End genossen, besonders Leyo aber auch seine beiden Liebsten sehr gerne bei ihrem Alltag und ihren Abenteuern begleitet und auch der bunte Mix an einzigartigen Nebenfiguren hat mir sehr gut gefallen.Man kann das Buch als spannende Abenteuergeschichte genießen, aber auch die Aspekte der Umweltzerstörung und Ausbeutung entdecken. Oder einen Blick in eine mögliche Zukunft werfen, in der auch Ehen von mehr als zwei Personen möglich sind und man sich nicht nur mit Namen vorstellt, sondern auch mit seinem bevorzugten Pronomen. Wie Amjan das tut, denn Amjan definiert sich als nicht-binär. Die zukünftige Welt ist nicht perfekt, es gibt Geld- und Machtgier, Intrigen, Verbrechen und Outlaws und ein Hauch Dystopie weht durch die Erzählung.Ich habe Leyo und die Seinen nur ungern verlassen und hoffe darauf, irgendwann noch mehr von ihnen lesen zu können. Denn der Ausflug nach Kalubs End hat mich bestens unterhalten!
Wenn man im Lexikon nach dem Begriff "lazy writing" sucht, sollte daneben ein Bild vom Cover dieses Romans abgebildet sein. Ich will den Inhalt nicht spoilern - andere werden sicherlich ausführliche Rezensionen über den Plot schreiben - deshalb gehe ich mal vor allem auf die Formalien ein.1. Alles in diesem Buch ist Dialog. Dialoge wiederholen sich. Es gibt verschiedene Varianten der immer gleichen Dialoge. Alles wird sich gegenseitig erzählt, breit gewalzt, noch mal durchgesprochen usw. Das zieht den Roman in die Länge, obwohl eigentlich gar nicht mal so viel gesagt wird. Bevor eine Entscheidung getroffen wird, muss man sich durch x Seiten Gespräch quälen und jeder, der etwas sagt, wird bei jedem Satz durch eine Handlung ergänzt. Es wird unendlich viel geseufzt, geschluchzt, gegrinst, gelächelt.2. Die Figuren sind an Hand von Checklisten erstellt worden. Polyamor - check, arm, aber bescheiden und zufrieden - check, trans-Person - check, pansexuell - check, homosexuelle Eltern - check, neurodivers - check, sexpositive Einstellung - check, gendernonkonforming - check, POC - check, Übergewicht - check, körperliche Behinderung - check, besondere Religion - check, Neopronomen - check, Arbeiterklasseromantik - check. Jeder Charakter bekommt seinen Moment to shine, damit auch jeder ordentlich repräsentiert wird und sich niemand beschweren kann. Vor allem auch deshalb nicht, weil alle so fürsorglich miteinander sind, dass man brechen möchte. Es gibt keine Konflikte abseits von "Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht, wie konntest du nur? Wir lieben dich doch! Wenn das noch mal vorkommt, verlassen wir dich, weil das zu unerträglich für uns wäre!" (Und das ist ehrlich gesagt meine Definition von toxisch.) In so einem Umfeld ist es natürlich schwer, unverklemmt zu sein und um das zu kaschieren, sind alle Beziehung idealisiert. Niemand ist eifersüchtig oder irrational emotional, niemand ist leidenschaftlich. Eigentlich wirkt das ganze fad und wenig lustvoll, egal, wie viel Sex die haben.3. Kein Worldbuilding. Wir befinden uns in einer unendlich großen Föderation von Planeten und Sonnensystemen. Der Planet, auf dem der größte Teil der Story spielt, wurde geterraformt, UM dort einen Rohstoff abzubauen. Später heißt es, dort hätten Farmer gelebt, bevor der Rohstoff gefunden wurde. Es gibt offensichtlich Erdöl und Methangas im Inneren des Planeten. Wo das herkommen soll, wenn der Planet geterraformt werden musste - also keine prähistorischen Wälder gehabt haben kann - wird nicht erklärt. Warum man in einem Weltall mit unendlich vielen bewohnbaren Planeten, nicht einfach Rohstoffplaneten von Robotern ausbeuten lässt, ohne sie vorher zu terraformen und die Bevölkerung auf gut gehegten und gepflegten Wohnplaneten wohnen lässt, ist ein Rätsel. Es wäre so viel einfacher und weniger kostenintensiv.Es ist von Uhrzeiten die Rede, ohne dass uns mal erklärt wird, wie lange eigentlich so ein Tag oder ein Jahr auf diesem Planeten ist.Für Jugendliche gibt es die Möglichkeit, statt eines Studiums eine "Ausbildung" zu machen. Am deutschen dualen Ausbildungswesen soll offensichtlich das Weltall genesen, oder wie?Es gibt Kontaktlinsen mit Internetzugang, aber kein Mensch ist jemals z.B. über ein Mobiltelefon erreichbar. Nicht die Jugendlichen, die nachts nicht nach Hause kommen, nicht der Partner, der... auch nachts nicht nach Hause kommt, nicht die Jugendliche, die... nachts einfach abhaut, nachdem sie von der Schule geschmissen wurde, dann über den halben Planeten trampt, ohne dass auch nur irgendjemand die Eltern informiert hat (zum Beispiel die Schule, die die Aufsichtspflicht hat????)...Relativ am Ende, als sich der Bösewicht zu erkennen gibt, stellt sich heraus, dass dieser ein gigantisches Lügenkonvolut inszeniert hat, nur um sich ein Alibi zu verschaffen (aka gefälschte Beweise, die vor keinem Gericht standhalten dürften), nur um dann vor seiner Tochter, seine Schuld einzugestehen, die er daraufhin zurücklässt, auf dass sie ihr Wissen mit jedem teilen kann. Nämlich, dass ihr Vater die dämlichste Geschäftsidee aller Zeiten hatte: Illegal nach einem Rohstoff bohren, den man anderswo viel ungefährlicher, leichter und billiger schürfen kann. Wie das illegale Zeug auf den durchaus gesättigten Markt gelangen soll? Keine Ahnung.Weiterhin wird nicht klar, wie das ganze politische System funktioniert. Es gibt eine gewählte Regierung, aber es gibt auch ein Militär und eine Behörde, die Polizei und Militär und Verwaltung zugleich ist und deren Vertreter in den einzelnen Gemeinden einfach ernannt werden.Man soll hier einfach alles glauben. Wird schon stimmen. Die Autorin hat sich sicher was dabei gedacht. Gedacht hat sie sich leider vor allem, wie sie eine Umgebung schafft, in der ihr Plot funktioniert - der übrigens auch nicht besonders kreativ ist.4. Kein echtes Bewusstsein für Probleme. Der Roman will viel ansprechen: Die Schere zwischen arm und reich, wo es lapidar heißt: "Wer die Chancen hat, soll sie nutzen, dann kann er oder sie viel zurückgeben. Freu dich, dass du Privilegien hast, die wir nicht haben." oder "Du kannst nicht bei den armen Leuten bleiben, die haben ja kaum für sich zu essen!" - ohne in Betracht zu ziehen, dass man für Unterkunft und Verpflegung einfach aufkommen könnte, als Mitglieder der Oberschicht.Umwelt- und Klimaschutz wird als einfach durch interstellare Solarraumschiffe zu lösendes Problem dargestellt, obwohl es kaum möglich ist, von der Erde aus mit einer solarbetriebenen Sonde bis zum Jupiter zu gelangen. (Und die Technologie in dieser Geschichte scheint nicht bedeutend weiter zu sein.) Im Weltall sei genug Licht. Na dann...Die Umweltministerin ist korrupt und müsste wegen Vorteilsgewährung aus dem Amt entlassen werden, aber alles, was darüber gesagt wird, ist, dass alle nur gemein zu ihr sind, weil sie eine Frau ist. Sie selbst hingegen will ebenfalls ihre Gegner nicht mit deren Fehlverhalten konfrontieren, weil das ja Schmutzwäsche sei... Was ist das für ein unerträglicher Filz???Wie es sein kann, dass ein Farmer sein Land an eine Mienen-Gesellschaft verkauft und danach dieses Land IMMER NOCH bewirtschaftet, bis es ausgetrocknet und er verschuldet ist (nach nur ein paar Jahrzehnten), ist ebenfalls kaum glaubhaft. Sollte jemand, der sein Land verkauft, nicht wegziehen und sich mit dem Geld entweder was neues aufbauen oder für sich und seine Nachfahren ausgesorgt haben?Das hier soll Space-Lützerarth sein, aber es wurde sich kaum mit der echten Problematik auseinandergesetzt. Stattdessen spürt man einen gewissen Ekel der Autorin gegen Menschen, deren Schicksal es ist, in einem Strukturwandelgebiet zu leben. "Warum ziehen die nicht weg? Wie trostlos diese Industrie doch ist und wie gefährlich die Landschaft!" Die Leute sind arm, hilfsbedürftig, schwach, gebrochen, aber fügen sich demütig in ihr Schicksal.Wieso ausgerechnet hier ein Umschlagplatz für Schmuggelware sein soll, bleibt auch unerklärt, denn... benötigt man für Schmuggel nicht... eine Grenze? Und ein Netzwerk von Leuten mit Geld? Leute mit Geld leben nicht auf einem Slum-Planeten. Wie soll hier kriminell erworbenes Geld gewaschen werden? Was ist das Geschäftsmodell in einer Gegend, wo alle Leute vom Schrottsammeln leben?Die Logik lässt auch zu wünschen übrig: Der Protagonist soll in eine kriminelle Organisation eingeschleust werden, dafür wird ein riesiges Theater abgezogen, um Umstände zu kreieren, damit er nicht ablehnen kann. Wäre es nicht wesentlich sinnvoller gewesen, zu versuchen, ein Mitglied der Organisation zu bestechen, ihn umzudrehen oder wenigstens einen ausgebildeten Ermittler einzuschleusen? Später wird der Neuling in der Organisation allein damit betraut, einen geheimen, heiklen und gefährlichen Auftrag auszuführen, in den er prompt seine komplette Familie einweiht und involviert. Nichts davon ist ein Problem. Nichts davon wird als Vertrauensbruch gewertet.In einem anderen Erzählstrang wird ein Protagonist von einer Gruppe Gangster verfolgt und beschossen. Er überlebt nur mit Glück und als er nach Hause kommt, ist dort alles demoliert. Die wissen also, wo er wohnt und wollen ihm wirklich ans Leder. Sie könnten jederzeit zurückkommen und ihn im Schlaf erledigen. Was tut er also? Verlässt er den Ort, taucht unter und versteckt sich? Nein, er nimmt sich eine Prostituierte für die Nacht, verbringt dieselbe zu Hause und bringt so sich selbst und eine völlig unbeteiligte Frau in Lebensgefahr, was aber nicht schlimm ist, denn es passiert ja nichts, weil die Autorin soweit offenbar gar nicht gedacht hat.Sowas passiert, wenn man einen Plot nur vom Protagonisten her denkt und nicht nach einfacheren Wegen sucht, wie andere Charaktere ihre Probleme lösen könnten.5. Das Buch steht sich selbst im Weg. Wir haben hier eine hyper-progressive Gesellschaft, in der alle unsere aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten gelöst wurden durch die Akzeptanz und Normalisierung von Diversität. Und trotzdem ist die Gesellschaft am Arsch. Trotzdem sind Leute arm. Trotzdem wird die Umwelt verschmutzt. Trotzdem gibt es Kriminalität und Korruption und einen beängstigenden Militärapparat. Die Demokratie hier insgesamt ziemlich zweifelhaft. Heißt das, die ganze Sprachpolitik, mit der wir gerade versuchen, die Welt besser zu machen, ist am Ende doch wirkungslos? Kreiert Sprache am Ende doch keine Realität? Was ist die Botschaft?Ich weiß es ehrlich nicht, weil ich mir keine Welt vorstellen kann, in der all unsere Diskriminierungsprobleme gelöst sind, wo aber gleichzeitig die soziale Ungleichheit so fest etabliert ist, dass sogar die Betroffenen sie nicht hinterfragen.6. Fehlende Bedeutung. Dass ein Buch, das zu 90% aus Dialog besteht, nicht besonders tiefgründig sein kann, versteht sich von selbst. Es liest sich eher wie ein Drehbuch mit Regieanweisungen hinter jedem Satz. Wenn jemand mal was denkt, dann sind es immer wieder die selben Gedanken "Habe ich das Richtige getan? Habe ich wirklich das Richtige getan? Was wenn ich das Falsche getan habe? Ach, ich möchte gar nicht daran denken!" Alles, was vielleicht ein paar Zusammenhänge erklärt hätte, wird nur angerissen oder komplett außen vorgelassen: Geschichte, Kultur, Technik, Politik, Wirtschaft... Alles wird runtergebrochen auf eine persönliche Ebene und dort banalisiert.Warum 2 Sterne? Nun, das Buch wurde lektoriert und es lässt sich ganz gut runterlesen. Wenn man Dinge nicht hinterfragt, hat es Actionszenen, die ganz okay sind.Warum eine so lange und wütende Rezension? Nun, man ist nur wütend, wenn man enttäuscht, nicht, wenn man nicht interessiert ist. Würde ich die Idee eines progressiven Space-Westerns lächerlich und uninteressant finden, hätte mich dieses Buch kein bisschen gekratzt, aber ich *wollte* einen progressiven Space-Western lesen. Ich mag den Genremix. Ich hätte dieses Buch gerne gemocht. Aber es ist einfach ein Produkt gelangweilten Schreibens ohne Respekt für den Intellekt seiner Leser.