★★★★★
k.A.
15.06.2026
ean-shopping.de
Ein wunderschönes und stimmungsvolles Buch, das mich in eine sehr ruhige und nachdenkliche Welt entführt. Die Illustrationen sind sehr ansprechend, allerdings fand ich die Geschichte etwas melancholisch.
Yoko Ogawa gehört für mich zu den besten zeitgenössischen japanischen Autorinnen. Ich habe jedes auf Deutsch erschienene Buch der Autorin gelesen - und zähle dieses weder zu einem ihrer schwachen noch zu ihrem besten Roman - und auch an diesem hier meine Freude gehabt. Eines sollte man allerdings bedenken, wenn man zu einem Buch Ogawas greift: Ich kenne kaum Werke, die langsamer, entschleunigter und beiläufiger daherkommen. Wer eher Handlung sucht und leisen Zwischentönen weniger abgewinnen kann, der wird »Der Herr der kleinen Vögel« - und die anderen Werke der Autorin - wahrscheinlich als sehr langweilig empfinden.Die neueste Veröffentlichung, »Der Herr der kleinen Vögel«, ist die Chronik eines einsamen, etwas kauzigen Mannes und seiner Verbindung zu Vögeln.Das Buch beginnt mit dem Tod des Protagonisten; als zurückgezogener, einsamer Mann stirbt er, mit den Armen einen Vogelbauer mit einem Brillenvogel umschließend.Anschließend wird seine Geschichte erzählt - oder vielmehr seine und die seines Bruders. Auch der ältere Bruder ist zurückhaltend und menschenscheu. Er spricht in einer eigenen Sprache, die an den Gesang von Vögeln erinnert, und die außer seinem kleinen Bruder (dem Herrn der kleinen Vögel) niemand verstehen kann. Durch seinen älteren Bruder bekommt auch der kleinere Einblicke in die Welt der Vögel, die zu seiner größten Leidenschaft wird und ihn sein gesamtes Leben über begleitet. Seine Tage verbringt der Protagonist zurückgezogen. Außer seinem Bruder gibt es nur wenige Menschen, die dann und wann kurz und flüchtig in sein Leben stolpern. Liebevoll pflegt er die Voliere, die auf dem Gelände eines Kindergartens steht - sie ist nahezu alles, was seinem Alltag Sinn gibt.Im inneren Buchdeckel wird noch versucht, eine kleine Wendung der Geschichte zu dramatisieren, um der Handlung mehr Gewicht zu geben - letztlich aber ist das völlig unnötig. Denn »Der Herr der kleinen Vögel« funktioniert auch souverän, ohne dass ein künstlicher Blick auf dramatische, vorsichtig eingestreute Elemente gelegt wird. Denn Ogawa erzählt diese stille und handlungsarme Geschichte in schönen, leisen und zärtlichen Tönen, richtet ihren Blick dabei auch auf viele Kleinigkeiten, sodass das Gesamtbild einen als Leser auf einer seltsamen und seltenen Ebene berührt. Hierbei unterscheidet sich der Roman nicht von den anderen Werken der Autorin.Ogawas Charaktere - in diesem Roman - sind allesamt etwas kauzig, menschenscheu; mit Ausnahme der beiden Brüder werden sie in wenigen Worten skizziert und nehmen trotzdem eine lebendige Form an. In anderen Romanen neigt Ogawa dazu, das Alltägliche oder Unscheinbare mit Bildern zu verbinden, die leicht mit Ekel zu assoziiert sind (eine sehr ungewöhnliche, aber überzeugende Schreibweise). Dies geschieht im vorliegenden Buch eher weniger.Wer also stille und langsame Bücher mag, bei denen der Fokus auf das Unscheinbare und Unaufgeregte gerichtet wird, der wird mit »Der Herr der kleinen Vögel« sicher angenehme Lesestunden verbringen.