Reinhard Meys Musik ist Geschmackssache. Das habe ich in den vergangenen fast 40 Jahren immer wieder beobachten können - bei anderen und bei mir selbst. Manche Lieder sagen mir wenig, viele sind ein bereichernder Teil meines Lebens geworden. Und das wäre ohne sie anders verlaufen. Ich schätze, er selbst würde nicht erwarten, dass jedes seiner Lieder jeden berührt. Denn er ist offenbar ein unverwechselbarer und authentischer Mensch und Künstler. Und er stellt Ansprüche an sich und andere, ohne dass er anstrengen will. Auf diese Weise berührt er jedoch die meisten, die sich länger auf ihn einlassen. Und jenseits der Geschmacksfrage verwundert es, dass niemand, bei allen positiven Kritiken, wirklich zu bemerken scheint, dass dieser Mensch, wenn man den Begriff überhaupt mag, ein Genie ist. Götz Alsmann irrt womöglich, wenn er - freundschaftlich wohlmeinend, aber vorsichtig einschränkend - über ihn schreibt: "Er ist kein Mozart und kein Goethe." Vielleicht ist er tatsächlich auf seine Weise besser (abgesehen davon, dass er auf mich authentischer und sympathischer wirkt als beide). Schließlich hat Goethe seine Texte nicht perfekt vertont und Mozart seine Musik nicht perfekt selbst betextet. Man sollte sich vom Nimbus eines Klassikers nicht blenden lassen. Was Reinhard Mey erschafft, ist einzigartig. Und künstlerisch auf höchstem Niveau. Dieses neue Album zeigt das auf völlig unspektakulär erscheinende Weise. Spektakulär wird es erst, wenn man genauer hinhört und sich öffnet für Wort und Ton, die dem Zuhörer Dimensionen des menschlichen Fühlens, Denkens, Erlebens, Liebens und auch des Sterbens aufzeigen, die "noch die Nacht des tiefsten Lebenstals" erhellen, obwohl er eben kein Gott ist, sondern ein Mensch wie du und ich, vielleicht im Moment mit mehr Kummer als viele andere. Aber wenn es unter Menschen Beinahe-Unsterblichkeit des Wirkens geben kann und das ein Zeichen für Genie ist, wage ich die Prognose: er wird ein Klassiker sein, den man noch in über zweihundert Jahren kennt. Aber er wird wohl zu lebensklug sein, um daraus Trost und Freude zu schöpfen. Dennoch sollten wir uns freuen, dass Menschen so etwas anderen Menschen schenken können, wie er es tut (worüber er sich - zu Recht - auch selbst freut).Noch einige Worte zu diesem Album. Es zeigt, das Reinhard Mey nicht nur perfekte Lieder und Liedtexte schreibt, sondern sie auch perfekt präsentiert. Mich berührt am nachhaltigsten das Lied "Das erste Mal". Es gehört zu einer ganzen Reihe von Liedern, die wohl ohne die belastende Erfahrung der letzten Monate niemals so entstanden wären, wie das direkt ins Herz gehende "Drachenblut", bei dem das offensichtlich ist, aber auch "Mairegen" oder der schöne "Ficus Benjamini". Unglaublich, wie es Reinhard Mey gelingt, hier Kummer und Trost ohne jegliches Selbstmitleid zum Ausdruck zu bringen, wie er geradezu liebevoll an seinen Zuhörer zu denken scheint, ohne dass jemals der Eindruck von Fassade oder gar Effekthascherei entsteht - und das auch noch bei den schwierigsten Themen des Lebens, wie dem Sterben, das mitten im hoffnungsvollen "Ersten Mal" schonend angedeutet wird: "Der erste Schritt, der erste Schnitt und irgendwann zum ersten Mal..." heißt es mit anschließender Zäsur, und man ahnt nach den vorhergehenden Strophen, dass damit das erstmalige Begehen des letzten Weges, der letzte Schritt, gemeint sein mag. Aber es ist vorgesorgt: "Die Münze, mit der ich bezahl, die allen Reichtum in sich trägt, ist aus Erinnerung geprägt, an jedes, jedes erste Mal", - so dass man sich später "noch einmal freikaufen kann aus Trübsal und Verbitterung". Welch ein Trost, dass der Mann, der sich als "Lucky Man" besang, weil er so glücklich über das Beisammensein mit seiner Familie war, jetzt nicht verbittert ist, es jedenfalls nicht verstörend spüren lässt. Und so wundert es fast nicht mehr, dass auch die gesamte Musikproduktion durch die erstklassigen Begleitkünstler unter Leitung von Manfred Leuchter den Eindruck vermittelt, dass die Beteiligten für Reinhard Mey in wirklich liebevoller Weise die Begleitung geschaffen haben, soweit man so etwas heraushören kann. Niemand spielt sich prätentiös in den Vordergrund, obwohl die indivuellen Persönlichkeiten durchklingen (im "Ersten Mal" etwa besonders kongenial Jens Kommnick und Marc Schäferdiek), der Gesang wird wirklich, anders kann man es nicht sagen, liebevoll und in vorteilhaftester Weise umspielt. Ob dies Ausdruck von freundschaftlicher Zuneigung ist oder tiefer Respekt vor der ihrerseits liebevollen Botschaft und Persönlichkeit des Autors, bleibt Spekulation. Jedenfalls kann ich, auch wenn es sicher Geschmackssache ist, beim "Ersten Mal" und auch anderen dieser Lieder nur ins Schwärmen geraten, wie Reinhard Mey über Jens Kommnicks Gitarrenspiel: Wer da nicht vor Glück verstummt, dem ist mit Musik einfach nicht zu helfen...
Es ist mein erstes, selbstgekauftes Reinhard-Mey-Album ever, wobei mir der Mann schon immer ein Begriff war, sei es durch "Gute Nacht, Freunde", "Über den Wolken" oder durch "Aller guten Dinge sind Drei". Gekauft habe ich mir das Album, weil ich wissen wollte, was ihn jetzt bewegt, wie die Ereignisse des letzten Jahres seine Liedschreibe-Arbeit beeinflussen.Ich bin begeistert, ich bin berührt. Schon "Antje" zieht in seinen Bann, an "Ficus Benjamini" wird man sich erinnern, wenn man selbst mal in diese Krankenhaus-Situation kommt und "LarissaŽs Traum" ist einfach nur wahr. Dazwischen locken Geschichten, denen zu lauschen man geradezu entgegenfiebert. Es ist Musik für Geduldige, für Fortgeschrittene, für Leute, die mehr wollen, die zuhören können.Reinhard Mey macht, was er wirklich am Allerbesten kann: Geschichten erzählen. Und die Geschichten dieses Albums erzählt man nunmal idealerweise mit minimaler Orchestration, so daß die Geschichten selbst im Vordergrund stehen können - Reinhard Mey hat hier wirklich alles richtig gemacht!Ich hoffe, auch wenn dieses Album eher leise daherkommt, so wird doch vielleicht irgendwann nochmal der Tag kommen, an dem ein Reinhard-Mey-Album erscheint, dass mit einer Fanfare beginnt und so lebensfroh und übermütig daherkommt wie man es niemals gedacht hätte... Das und alles Gute für die Zukunft, das wünsche ich ihm.