Dies ist ein faszinierendes Buch, das sich jetzt nicht als Nachschlagewerk für die Antike eignet, sondern das im Gegenteil versucht, anhand von wenigen ausgewählten Göttergestalten, archaische und olympische Schichten der griechischen Religion voneinander zu trennen und dabei zeigt, wie der olympische Geist die alten Archaismen beiseite drängt, die aber in bestimmten Formen weiter leben. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, weil es einfach über bloße Nacherzählung griechischer Sagen hinaus geht, sondern versucht, die griechische Religion zu deuten und zu erklären. Dabei bin ich durchaus nicht der Meinung, daß diese Deutung nun die einzig mögliche ist, im Gegenteil denke ich, daß Walter F. Otto eben auch nur einen ausschnitthaften Blick hat, aber mich hat das Buch sehr bereichert, ähnlich etwa wie manche Schriften Friedrich Nietzsches, nur in ganz anderer Weise. Denn das alte Griechenland war schon eine Hochkultur und die Religion ein Hintergrund davon.Manches an dem Buch finde ich allerdings problematisch, so würde ich es zwar nicht als ausgesprochen frauenverachtend empfinden, aber es beinhaltet eben trotzdem an allerdings nur wenigen Stellen schon eine gewisse Abwertung des Weiblichen, wie sie heute sicherlich so nicht mehr geschrieben würde, auch wenn natürlich anderseits Athene und Artemis in liebevollster Weise geschildert werden. Trotz all dem hat das Buch eine gewisse Faszination, der ich mich nicht entziehen konnte. Dabei unterliegt Otto sicherlich einer gewissen Verklärung der Antike, denn, auch hier wieder ähnlich wie Nietzsche, breitet er das Faszinierende der Antike aus, während ihn das eher Banale der Antike, etwa dieses komische Verhältnis des Ehebrechers Zeus und der ewig eifersüchtigen Hera, die von all dem nichts wissen darf, die ja immerhin an der Spitze der Götterpyramide standen, überhaupt nicht interessiert, wie sicherlich auch manches andere ( auch hier wieder ähnlich wie Nietzsche).Ich hatte jedenfalls den Eindruck, durch dieses Buch über die Antike wirklich etwas gelernt zu haben, es ist ein ausgesprochen geistreiches Buch mit gewissen Schwächen, sicherlich, das ich aber empfehlen kannn. Mir ist es auf jeden Fall klar geworden, daß insbesondere in den Gottheiten Apoll, Artemis und Athene, die Otto in besonderer Weise schildert, eben auch der noble Kern der antiken Religion steckt, die mich auch wirklich in ausgesprochener Weise fasziniert haben, auch wenn ich anderseits schon der Meinung bin, daß es auch Problematiken der antiken polytheistischen Religion gegeben hat, die zu ihrem Untergang geführt haben, auf die aber ein Otto nun gar nicht eingeht. Aber das mußte er ja auch nicht.