★★★★★
k.A.
17.06.2026
ean-shopping.de
Ich habe dieses Buch meinem Freund geschenkt. Die Buchbindung ist fest und gut zu halten. Die Seiten sind nicht zu dünn und die Druckqualität ist gut zu erkennen. Die Größe ist handlich für das Lesen.
Mesopotamien. Das Zweistromland.Turmbau zu Babel:„Wohlan, lasset uns hinabsteigen, und dort verwirren ihre Sprache, daß sie nicht verstehen Einer die Sprache des Andern“. (Gen 11,7).Sergei Zhadan schreibt nicht nur Sprache. Er arbeitet damit, wie mit einem Werkzeug, einer Waffe.Die Sprache des Romans bricht stellenweise auseinander, Worte, Figuren finden sich manchmal später wieder, Figuren die man längst verloren gegeben hat, denn die Kapitel hängen nur lose zusammen, es werden Geschichten erzählt die einfach in der Zeit hängen, wie Wäschestücke an der Leine.Es sind relevante Geschichten, aber im Grunde ist es egal, worum es darin geht, denn die große Kunst hier ist nicht, die Dinge fast unmerklich bloßzulegen. Das beherrscht der Autor mühelos.Die große Kunst des Romans ist die Sprache selbst, die sich mal anschmiegt, mal splittert, dem Leser etwas sichtbar macht, ihn aber im nächsten Moment blendet.Nicht leicht zu lesen.Trotzdem lesen.
Charkiw, die Stadt zwischen den Strömen, ein ethnisches Babylon, ist die Hauptfigur dieses ungewöhnlichen Romans. Neun lose miteinander verwobene Kapitel beschreiben aus neun Perspektiven das Leben als ständigen Balanceakt.Die Separationskämpfe sind noch nicht ausgebrochen, aber sie deuten sich an. Charkiw ist ein Asphaltdschungel, man kommt (noch) ganz gut miteinander aus, wozu auch gelegentliches Naseneinschlagen gehört; den Rest regelt eine gut trainierte Leber. Kleinganoven, Überlebenskünstler, Schuldenmacher und -eintreiber, Tote und Halbtote, Männer und Frauen auf der Suche nach Liebe und/oder Sex, gern auch mit der eigenen Cousine. Viele haben Hoffnungen, keiner hat Illusionen, und man ist schon dankbar, wenn man am nächsten Morgen aufwachen darf. Ein rundum düsteres Bild, gemalt mit liebevoller Fröhlichkeit. Zhadan kennt seine Pappenheimer genau, und ich kann sehr gut verstehen, dass er in seiner Heimat Kult ist - in seiner ganzen wohlgemerkt, auch im Osten. Politik spielt aber in all dem nur insofern eine Rolle, als dass sie die prekäre Situation herbeigeführt hat, in der Zhadans Akteure vor sich hin wursteln - herausgebrochen aus der großen Sowjetunion und nirgendwo angekommen, ein Land im Limbus.Das ist der erste Teil des Buches, mit dem passenden Titel "Geschichten und Biographien". Ein zweiter, zum Glück wesentlich kürzerer enthält Gedichte und heißt, weniger passend, "Erläuterungen und Verallgemeinerungen". Mit ihm konnte ich leider überhaupt nichts anfangen. Vielleicht lag es daran, dass ich zu Lyrik ohnehin nur schwer Zugang finde (außer wenn sie komisch ist), vielleicht an der Übersetzung, vielleicht auch an einer Metaphorik, die man nur als Insider versteht. Und schließlichkein vernehmbares Metrum, sondern verrätselte, an oftseltsamen Stellen umgebrochene Prosa, sodass man beimLesen ständig stockt. Einmal gerät sogardas letzte Wort eines Satzes an den Anfang der nächsten--------------------------------------------------------------------Seite. Ein lyrisches Hurenkind.Im Internet findet man den Ausschnitt einer Lesung einschließlich Gespräch mit der Lektorin, aber da wird auf die Gedichte leider nicht eingegangen. Wenn es diesen Appendix nicht gegeben hätte, wären es glatte fünf Sterne geworden, so leider einer weniger.- Kostenloses Rezensionsexemplar -
Ich habe zufällig ein Interview mit Serhij Zhadan anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2015 gehört. Darin hat er seine ukrainische Heimatstadt Charkiw (Kharkov) gepriesen, die vielen Religionen und Kulturen, die sie bevölkerten, die Künstler, Wissenschaftler und Intellektuellen, die hier arbeiteten, die interessanten Gespräche der studierenden Jugend – und natürlich auch auf den Verfall der letzten Jahre und Jahrzehnte hingewiesen.In seinem Buch ist davon allerdings keine Rede. Die verschiedenen kurzen Geschichten sind zwar durch einzelne Protagonisten miteinander verbunden und vermitteln ein durchaus lebendiges Bild von Charkiw – aber ein sehr einseitiges. Sein Personal sind die Kleinkriminellen, Straßenschläger, Verlierer und Säufer dieser Stadt. Immer wieder finden sich Anklänge an die Romantik der Blatnoy, der lagerhaftgestählten Berufsverbrecher aus Sowjetzeiten, deren sentimentale Lieder noch heute gerne in ukrainischen und russischen Hinterhöfen gesungen werden. Und natürlich gibt es dieses Kharkov auch, in dem ein Menschenleben kein großes Gewicht hat, wie in der ersten Geschichte des erfolglosen tschetschenischen Boxers, der mit Mitte Dreißig erschossen wird und dessen Freunde und Familie sich rituell anlässlich seines 40. Todestages zum Leichenschmaus versammeln, um Gutes über ihn zu erzählen. Doch jede erzählte Episode ist hemmungslos geschönt und die Wahrheit sah ganz anders aus. Ein positives Element gab es jedoch im Leben dieses Versagers und Tunichtguts, dieses ungläubigen Moslems, und das war die Liebe zu seiner Frau, die er nichts desto trotz hemmungslos betrogen hat. Doch weil sie wegen ihres kranken Vaters die Stadt nicht verlassen konnte, ist auch er geblieben, obwohl sich ihm anderswo bessere Lebenschancen eröffnet hätten. Und gerade diese einzige wahrhaft gute Seite wird von seinen Freunden an jenem Abend nicht erwähnt.Daneben gibt es auch humorvoll erzählte Geschichten, wie jene eines 30jährigen, der mit seiner viel jüngeren Cousine schläft, als der gemeinsame Onkel gerade im Krankenhaus liegt, und sich die furchtbare Rache desselben ausmalt, der an ihm in einschüchternder Weise die Vaterschaft vertreten hat. Und die dann ein ganz unerwartetes Ende findet. Oder jene eines Mannes, der sich in eine ehemalige Prostituierte verliebt und nicht die rechten Worte findet. Und dann Bobs Suche nach verschollenen Verwandten in den USA: Die Erzählung beginnt als ausnehmend komische Satire auf die ukrainische Diaspora in den Staaten, verliert dann durch die allzu groteske Zuspitzung von Bobs Reden zeitweise den Faden und endet mit einer ebenso realistisch-detailreichen wie frustrierenden Schilderung von dessen abschließendem Besuch bei einer Prostituierten. Ist es bei der ganzen Amerikareise nur um den Sexus gegangen? Auch zwischen Bob, seiner Tante und Cousine haben sich gewisse Bande gesponnen. Egal, wie realistisch oder unrealistisch dies sein mag, das anfangs durchaus breit angelegte Thema wird so im Laufe der Geschichte zunehmend auf einen einzigen Aspekt reduziert und verliert dadurch stark an Wirkung.Überhaupt der Sex: Um sehr viel anderes als die Anziehung zwischen Mann und Frau geht es in den Geschichten nicht. Auch nicht in jenen, die dann doch Juristen, Journalisten, Künstler als Protagonisten haben. Das ist immer gut erzählt, oft komisch, manchmal berührend, letztlich meist frustrierend. Ein insgesamt sehr graues, trostloses, ja ödes Leben wird da stets geschildert. Die verfallenden Gebäude, in denen die Figuren der Erzählungen leben, spiegeln die wirtschaftliche Hoffnungslosigkeit der Ukraine wieder. Charkiw ist hier keinesfalls eine Stadt, die man kennen lernen will. Aber es gibt eben auch eine andere Wirklichkeit. Nicht nur, dass die Braut, die zum Hochzeitskleid Turnschuhe trägt, für Kharkov mit seiner gefühlt höchsten High-Heel-Dichte der Welt untypisch ist. Auch ist das Leben der einfachen Menschen, das sich zwischen den von Zhadan sehr atmosphärisch beschriebenen Hinterhöfen, den kleinen Datschen im Umland und den gelegentlichen Urlaubsfahrten ans Schwarze Meer entspannt, nicht ausschließlich so grau-in-grau, wie vom Autor geschildert. (Wenngleich die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre der ökonomischen Perspektivenlosigkeit dieser Erzählungen Recht zu geben scheint.) Das Bild, das der Autor von seiner Heimatstadt zeichnet, mag dem Eindruck entsprechen, den zumindest der westliche Reisende von so manchen Städten der ukrainischen (weißrussischen, moldawischen…) Provinz gewinnt und ist dennoch ein oberflächliches, einseitiges. Im Falle Kharkov ist es in jedem Fall nur ein Teil der Wirklichkeit und entspricht auch nicht dem im Interview vom Autor selbst gezeichneten Bild dieser Stadt.Lesenswert sind die stimmungsvollen Bilder, die Zhadan immer wieder gelingen, wenngleich manchmal zu viel von feuchten Nebeln und der Farbe der Bäume im nächtlichen Sternenlicht die Rede ist und die Schilderungen teilweise symbolistisch überladen scheinen. Das vielleicht treffendste Bild gelingt dem Autor auf Seite 132: Von den Heiligen ist da die Rede, die die Stadt beschützen und dabei feststellen: „Es gibt nur zwei Wegen: Der eine führt ins Paradies, der andere in die Hölle. Doch sie kreuzen sich an vielen Stellen.“Ärgerlich sind einige Nachlässigkeiten der deutschen Übersetzung, die mit kurzer Recherche vermieden hätten werden können: Da ist von einem „Foto des Aj-Petri“ (S.265) die Rede, doch handelt es sich dabei um eine Ortschaft. Und wenn es heißt, „das Zirkusgebäude erinnerte an den Reichstag nach dem Sturm: überall fröhliche Gesichter, aber die Räumlichkeiten mussten dringend renoviert werden“ (S.175), wird damit wohl ein im Zuge des Maidan-Umsturzes gestürmtes Regierungsgebäude und kaum Berlin 1945 gemeint worden sein. Auch die Phrase „Kein Code - tritt ein und meuchle sie in ihren warmen Betten“ (S.54), wird deutschen Lesern nichts sagen, weil bei uns Gegensprechanlagen an den Haustüren existieren und diese nicht aus Angst vor Kriminellen ausschließlich mit komplizierten Zifferncodes geöffnet werden können.