In sieben Kapiteln untersucht Werner Vogd, Professor für Soziologie an der Fakultät für Kulturreflexion der Universität Witten/Herdecke, die Beziehungsdynamiken im Rigpa-Netzwerk und den Umgang mit der im Juli 2017 offen aufbrechenden Krise. Ein Vorwort und Nachwort rahmen das relativ kurze, aber informationsdichte Werk, das im April 2019 erschien. 15 Grafiken und hilfreiche Abbildungsbeschreibungen, fassen komplexe Zusammenhänge, Vogds Ausführungen und verschiedene Beziehungsmodelle und -dynamiken aus systemischer Sicht zusammen.Vogd betont, dass es ihm nicht um moralische Urteile oder Wertungen gehe, sondern darum, Licht auf die Rollenbilder, ihre wechselseitige Konditionierung, auf die komplexen Beziehungsdynamiken und auf das Verhältnis von Täuschung und Enttäuschung zu werfen. Die Monografie entstand im Rahmen des DFG-Forschungsprojektes, „Buddhismus im Westen“. Interviews wurden u.a. mit Rigpa Neueinsteigern, Fortgeschrittenen, Lehrern und Drop-outs in den Jahren 2013-2018 geführt. Gerade diese Interviews, einige vor dem offenen Ausbrechen der Krise, andere während oder danach geführt, erhellen lebendig und exemplarisch die systemisch untersuchten Dynamiken. So lassen sie z.B. die immanente Ambivalenz zwischen Zweifel und Glauben-Wollen, dem erfolgreichen Beiseiteschieben von Zweifeln und die mögliche Rückkehr dieser – selbst nach 15 Jahren Zugehörigkeit und abgeschlossenen Retreats – gut nachvollziehen. Besonders hilfreich und für jeden anwendbar finde ich Vogds Analysen zum „Richtigen und falschen Schweigen“. Vogd zeigt in ihnen auf, wie „die Welt der Tatsachen“, „deren Wahrheitsgehalt intersubjektiv überprüft werden kann“, durch falsches Schweigen und falsche Rede durch eine zweite Sphäre überlagert oder verdrängt wird, die für andere nicht zugänglich ist. Vogd: „Die falsche Rede – die schnell zum geschäftigen Geschwätz des Anhängers mutiert – über die geistigen Fähigkeiten oder die heiligen Motive des Lehrers (niemand kann in ein fremdes Bewusstsein hineinschauen) fördert magische Projektionen. Beides bestärkt wiederum das Tabu, kritische Fragen zu stellen, und die Haltung, bei den immer offensichtlicher werdenden Tatsachen lieber wegzuschauen.“Das Buch ist aus meiner Sicht sowohl aufschlussreich wie anspruchsvoll. Es ist hilfreich für jene, die sich für die Komplexität zwischenmenschlicher und gruppenbezogener Dynamiken sowie die Projektionen in der Lehrer-Schüler-Beziehung interessieren. Wer einen ausgewogenen und dabei informiert-kritischen Blick auf die Dynamiken in Rigpa sucht, ist mit dem Buch gut beraten. Auch zur kritischen Selbstreflexion oder für das Durchschauen manipulativer Kommunikation im Umgang mit Missbrauch, ist das Buch hervorragend geeignet.