In Ungarn hat die Lyrik eine geradezu existentielle Bedeutung. Das 'kleine' Volk klammert sich
leidenschaftlich an seine seltsame allem Indogermanischen so fremde Sprache und sucht in ihr
den Zusammenhalt um sich in Europa glücklich zu behaupten. Immer wieder waren es in Ungarn
die Dichter die Revolutionen und Aufstände ausgerufen angezettelt oder maßgeblich inspiriert
haben. So greift die Poesie stets ein in die Politik sie läßt sich dabei aber ihre
Souveränität nicht rauben. So wird sie zu viel mehr als Opposition und Widerrede denn sie
kommt aus einer grundsätzlich anderen Welt ist allergisch gegen jedwede 'deals' in bester
Tradition: Schon Sandor Petöfi gab unbestechlich diese Richtung vor. Ihm gesellen sich in
diesem beeindruckenden Panorama ungarischer Lyrik klassische und modernistische Dichtung hinzu:
János Arany und Endre Ady Attila József Ágnes Nemes Nagy in neuen Übersetzungen bedeutende
Dichter der Gegenwart wie István Kemény Lajos Parti Nagy János Térey und Szilárd Borbély.
Doch die beschriebene Haltung gilt ebenso für die vielen jungen Stimmen in diesem Heft. Sie
haben sich innerlich längst von der schändlichen Halbdiktatur verabschiedet und arbeiten an
einer bunten Republik der Vielfalt die das Land wieder zu einer Triebkraft europäischer
Solidarität und Erneuerung machen wird. Im Ausland werden solche ungarischen Gegenstimmen nicht
gehört allein von den rechtsradikalen Entgleisungen der Politik wird berichtet. Daher wächst
die Bedeutung der Zeitschrift Drei Raben sie verkörpert ein 'anderes' Ungarn. Dieses
Doppelheft dominieren optisch die Photographien des Budapester Lichtkünstlers Imre Kinszki
(1901-1945). Er machte seiner Heimatstadt mit der Kamera wunderschöne Liebeserklärungen - doch
er wie auch sein Sohn überlebten die Schoah nicht. Als ein erster -publizistischer -
'Gedenkort' möchte Drei Raben zu Ausstellungen der Werke von Imre Kinszki einen Anstoß geben.