Überleben nach dem Holocaust – Rosine De DijnRezension von Maryanne BeckerIn ihrem soeben erschienen Werk befasst sich Rosine De Dijn, 1941 in Antwerpen geboren, mit der Geschichte der jüdischen Bevölkerung der flämischen Metropole in der Zeit von den 1920er Jahren bis heute. Es geht in erster Linie um die Ära des aufkeimenden Nationalsozialismus und Antisemitismus, um den Holocaust und das Überleben – die Rückkehr aus den Lagern, aus den Verstecken und aus der Diaspora, und schließlich um das Wiederaufleben der jüdischen Gemeinde Antwerpens, der Stadt, in der sich auch heute das dritte große Schtetl neben Jerusalem und New York befindet.Die Autorin nähert sich dem Thema auf verschiedenen Ebenen:Als Antwerpener Nachkriegskind gräbt sie in ihren Erinnerungen und konstatiert: Über die jüngste Geschichte wurde nicht gesprochen, nicht über Krieg und Besatzung und erst recht nicht über die Verfolgung, Deportation und Ermordung der jüdischen Mitmenschen. „Für uns Kinder gab es kein Hinterfragen. Aber das Schweigen war nicht zu überhören.“Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts erfährt die jüdische Bevölkerung einen rasanten Zuwachs aus Osteuropa. Dabei handelt es sich um Menschen, die in ihrer Kultur und Religion tief verwurzelt sind, die ihre Tradition in Antwerpen öffentlich weiterleben, und anders als ihre alteingesessenen Glaubensbrüder und -schwestern durch ihre Kleidung und ihr Verhalten Aufmerksamkeit auf sich zogen.Nicht nur den Flamen waren sie ein Dorn im Auge. Auch die eher wohlhabenden und integrierten Antwerpener Juden waren wenig angetan von den Zuzüglern aus Polen und anderen Ländern, die man heute auf der Landkarte vergeblich sucht.Zeitzeugengespräche bilden den Kern des Buchs. Die Autorin sprach mit Überlebenden und deren Nachkommen, mit Menschen, die mit Ermordeten eng verbunden waren, mit Menschen, die in Antwerpen leben, aber auch mit jenen, die nach Israel oder Übersee emigriert und der Heimatstadt weiterhin verbunden sind. Gespräche mit Wissenschaftlern ergänzten die Informationen.De Dijn stellt die Geschichte von Martin Weinberger, genannt Motke vor, dem es mehrfach gelungen war, sich durch Flucht der Deportation zu entziehen. Als Angehöriger der Résistance verhalf er Juden zum illegalen Grenzübertritt in die Schweiz, brachte jüdische Kinder bei belgischen Katholiken und in Klöstern unter. Anders als seine erste Frau überlebte er. In den frühen 1950er Jahren übernahm Motke die Leitung des Grand Hôtel im Seebad Knokke, das fortan zum Treffpunkt überlebender Juden aus der ganzen Welt wurde.Vorgestellt wird auch Arthur Langerman, Kunstsammler und diamantaire, der der Nachwelt umfangreiches, beklemmendes Bildmaterial hinterlassen hat. Noch keine zwei Jahre alt, wurde er seiner Mutter von der Gestapo entrissen und in ein jüdisches Waisenhaus gebracht. Die Mutter überlebte Auschwitz, Ravensbrück und den Todesmarsch. Ein rein physisches Überleben, ihre Seele war tot – ihrem kleinen Jungen konnte sie daher keine mütterliche Zuwendung zuteilwerden lassen. Zur Bewältigung seines Traumas begann Arthur, Darstellungen antisemitischer Hasspropaganda zu sammeln.De Dijns Buch umfasst 24 Kapitel, deren Schwerpunkte mit einer entsprechenden Überschrift gekennzeichnet sind. Es kommen weitere Überlebende und Nachkommen zu Wort, Erinnerungen aus De Dijns Kindheit und Jugend werden eingestreut. Eine Auswahl von farbigen Karikaturen aus der Sammlung Langerman verdeutlicht in bedrückender Weise die grauenhafte und manipulative antisemitische Hetze.Wissenschaftliche und mediale Quellen bilden einen fundierten theoretischen Hintergrund für die Herangehensweise der Autorin. Den Lesern werden damit bedeutsame Informationen aus historischer, soziokultureller und psychologischer Perspektive an die Hand gegeben.Mit „Überleben nach dem Holocaust“ leistet De Dijn einen essenziellen Beitrag zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung Antwerpens – und somit auch zur Geschichte Belgiens während des Nationalsozialismus.Die Autorin ist Journalistin, so verwundert es nicht, dass der Aufbau des Buchs an miteinander verwobenen Reportagen erinnert. Sie zeigt große Empathie, greift prosaisch, ja fast poetisch, die Schönheiten der Landschaft und eigene Kindheitserinnerungen auf, was den unfassbar traurigen Geschichten eine Spur Leichtigkeit verleiht.Überleben nach dem Holocaust ist kein Buch für den Nachttisch, keine Bettlektüre. Jedes einzelne Kapitel verlangt Aufmerksamkeit, Konzentration, bedächtiges Lesen. Die antisemitischen Hassbilder anzuschauen, erfordert Überwindung – vielleicht wecken sie eine Vorstellung, was die ständige Präsenz derartiger Abbildungen bei den Menschen auslöste?Bei den zahlreichen Zitaten hätte ich mir präzise Quellenangaben - sei es in Klammern oder als Fußnoten - gewünscht. Hilfreich wäre auch ein Glossar zur Erläuterung spezieller Begriffe gewesen.Das Cover erscheint mir wie ein Versuch, die Inhalte des Buchs als Collage „unter einen Hut“ zu bringen. Ob es tatsächlich ein Eyecatcher ist, bleibt abzuwarten. Mir hätte ein ruhigeres Bild ohne die Karikaturen und Symbole besser gefallen.Ich wünsche dem Buch zahlreiche Leserinnen und Leser.Rosine De Dijn, Überleben nach dem Holocaust, GEV 2021, 240 Seiten, 16,50 €ISBN 978-3-86712-165-1