Lange mussten Hobbyhistoriker und Geschichtsinteressierte auf ein Werk warten, das eine wenigstens ansatzweise vollständige Übersicht über die militärischen Garnisonen der NVA und der GSSD in Ostdeutschland gibt. Und leider müssen sie es wohl auch weiter. Zu DDR-Zeiten als Verschlusssache gehandelt und nach der Wende fast schon dem Vergessen preisgegeben, möchte sich das vorliegende Buch insbesondere den Standorten der NVA und der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) widmen. Ein löbliches Ziel, und an sich wurde hier auch eine ungeheure Arbeit geleistet, als dass man die vielen Einzelstandorte auf ihre jeweilige Nutzung hin zu überprüfen hatte. Dafür gibt es auch die beiden Sterne. Dann fangen allerdings auch schon die Probleme an.Leider gelingt es den Autoren nicht, der Fülle an Material eine übersichtliche Struktur zu geben und einen roten Faden erkennen zu lassen. Anhand des Titels hätte man vermuten müssen, dass sich das Buch hauptsächlich um Standorte und die Truppenhistorie der NVA und der GSSD dreht. Doch diese vorgegebene Leitlinie wird schon auf der ersten Seite niedergerissen. Denn hier erfolgt ein Einstieg über einen historischen Abriss der Entwicklung von Truppenstandorten in Deutschland im Allgemeinen seit 1918 über die Reichwehr und die Wehrmacht bis hin zu NVA, GSSD und Bundeswehr! Von insgesamt 40 Seiten dieses ersten Teils teilen (!) sich die beiden vorgeblichen Hauptprotagonisten NVA und GSSD ganze 13.Zu den sowjetischen Truppen gibt es dann zwar auch einige wertvolle Informationen über die anfängliche Organisation der Besatzungsmacht bis hin zum Truppenabzug bis 1994 - aber leider hagelt es auch so manch haarsträubenden Widerspruch, wenn mit Jahreszahlen und Daten jongliert wird. So wird der Abzug der Sowjetischen Truppen für den Zeitraum von "1988-1994" datiert - ohne dass hierzu rechtliche Grundlagen erläutert würden. Bekanntlich wurde das, was heute als Truppenabzug verstanden wird, mit den 2+4-Verträgen im September 1990 festgelegt. Und wie die Autoren in der nächsten Zeile auch richtig bemerken, begann der eigentliche Abzug im Januar 1991 und nicht schon 1988. Offensichtlich bezog man sich mit der Jahresangabe 1988 auf den damals erfolgten Abzug atomarer Sprengköpfe und der dazugehörigen Einheiten aus der DDR. So gesehen müsste man den Truppenabzug aber insgesamt auf "von 1945 bis 1994" festlegen, denn auch in früheren Jahrzehnten hatte die Sowjetarmee ihre Truppen bereits großzügig ausgedünnt. Der eigentliche Abzug mit Endziel "restlose Auflösung der Truppenstandorte auf deutschem Boden" erfolgte ab Januar 1991. Für Laien ist die oben beschriebene Ausführung absolut verwirrend, da eine klare zeitliche Einordnung des Ereignisses "Truppenabzug" fehlt.An sich interessant ist die im zweiten Teil zusammengetragene Sammlung an historischen Abkommen und Verträgen, die militärische Bewegungen verursachten. Aber auch hier wird leider ein historischer Rundumschlag versucht, statt sich auf die Zeit zwischen 1945-1994 zu konzentrieren. Um eine solche militärhistorische Abhandlung mit Leben zu füllen, wären jedoch mindestens drei Bände erforderlich gewesen. Da hier alles auf knapp 400 Seiten Platz finden muss, leiden entsprechend die Inhalte und der Leser verzettelt sich zwischen den äußerst selten einmal von Tabellen oder Dokumenten (von Bildmaterial ganz zu schweigen) unterbrochenen, im Diplomarbeitsstil aufgemachten Litaneien, die oft stichpunktartig gegliedert sind. So kommt leider wenig Spannung auf, und das Buch verkommt zum reinen Nachschlagewerk.Die Verärgerung ist perfekt, wenn man feststellt, dass auch die erwartete Dokumentation der Stationierungsorte von NVA und GSSD in der DDR zum "kleinen Atlas der Militärgeschichte" gerät. Nach Orten alphabetisch geordnet, findet man im Anlagenteil (!) des Buches die Garnisonsstädte aufgelistet. Jedoch ist jeder Ort für sich noch mal untergliedert nach Nutzung durch Reichswehr, Wehrmacht, GSSD, NVA und Bundeswehr, sodass man sich fragt, was die Herren Kersten, Löffler, Parchmann und Stoof geritten haben mag, ihr Buch "Garnisonen der NVA und GSTD" zu nennen.Zudem sind mir hier als einigermaßen auf dem Gebiet der Besatzungsgeschichte Bewanderter sofort einige grobe Fehler aufgefallen, die darauf hindeuten, dass man manche Fakten nur dürftig recherchiert hat. So wird etwa auf Seite 179 für Dresden geschrieben, der "Stab der 1. Ukrainischen Front, Oberbefehlshaber Marschall Konew" habe sich "1945-47" "in der ehemaligen Grenadierkaserne Stauffenberg-Strasse 2" befunden. Erstens wurde die 1. Urkainische Front mit Kriegsende aufgelöst und zerfiel in die in ihr zusammengeschlossenen Armeen und Divisionen. In Dresden war folglich ab Mai 1945 die 1. Gardepanzerarmee unter dem Kommando von Generalleutnant Schalin disloziert. Zweitens befand sich der Stab der 1. GPA damals nicht in der "Stauffenberg-Strasse 2", sondern bis 1950 in der Carolaallee 2, danach in der Dr.-Kurt-Fischer-Allee 2 und ab 1991 in der StauffenbergALLEE 2. Drittens erfolgte die Rückführung der Truppen aus Dresden nicht "zwischen 1992 und August 1994", sondern ab 1991 und war im Wesentlichen im Frühjahr 1993 abgeschlossen. Ab dem Winterhalbjahr 1993 gab es z.B. in Dresden keine sowjetische Schule mehr. Bis zum September 1994 verharrte lediglich noch ein kleiner Kreis von rund 40 Stabsoffizieren und einigen wenigen Unterstellten rund um die Kommandantur in Dresden.Der Stab der 11. Panzerdivision befand sich ZU KEINEM ZEITPUNKT in Dresden-Hellerau, sondern stets in DD-Klotzsche im Bereich der heutigen Akademie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Das ihr unterstellte 40. Gardepanzerregiment war in Königsbrück ansässig, nicht in Dresden. Hier tritt eklatant die Schwäche der gewählten, weitgehend strukturlosen Darstellungsform zutage, denn so weiß der Laie oft nicht, ob die nachgeordnet stehenden Truppenteile nun am selben Standort wie der Stab lagen oder aber nur der Vollständigkeit halber mit aufgeführt wurden. Meist findet man sie dann unter dem eigentlichen Stationierungsort noch einmal - im Falle des 40. GPR in Königsbrück. Dort befand sich sein Standort allerdings nicht wie angegeben im Alten Lager, sondern im Neuen Lager. Das damalige Stabsgebäude ist bis heute mit einem Schild als dieses ausgewiesen. Das Alte Lager (mitten in der Stadt gelegen), das im Buch mit bis 1992 genutzt angegeben wird, wurde bereits 1990 auf Druck der Königsbrücker Bürger geräumt und stand seither leer. Das 44. Panzerregiment (Suche Bator) war im Lager oberhalb des Bahnhofes (Prinz-Georg-Kaserne) ansässig, nicht nur im Alten Lager. Für den Standort Königsbrück fehlen zudem wesentlich Truppenteile, die sich dauerhaft bzw. vorübergehend dort befanden. Dazu gehört unter anderem das 7. Panzerregiment, das sich hier mit Stab und einigen Einheiten bis ca. 1961 befand. Ebenso die 638. eigenständige Raketenabteilung, die im Neuen Lager ansässig war, die das Buch aber zur 688. Raketenabteilung macht (Fehler erkannt anhand der sich gleichenden Truppenteilnummer) und ins Alte Lager versetzt. Das 101. Ausbildungsregiment war mit dem dritten Bataillon wiederum nicht im Neuen Lager Königsbrück stationiert, sondern etwa 15 Kilometer entfernt im Ortsteil Röhrsdorf auf dem ehemaligen Gelände des in den 50er-Jahren eingestampften Dorfes Krakau und hatte seinen Stab und zwei Bataillone zudem in Dresden liegen (unter Dresden wird davon nichts erwähnt).Und so geht es munter weiter. So wird unter "Meißen" angegeben, das 1018. Raketenabwehrregiment sei bei Radeburg stationiert gewesen - ??? Es lag in Meißen an der Großenhainer Straße. Der Truppenabzug aus Meißen begab sich nicht wie im Buch dargestellt 1993, sondern begann bereits 1991 und war im Herbst 1992 im Grunde vollständig abgeschlossen (vgl. Zeitungsberichte aus dieser Zeit). Aus dem bei Bernau stationierten 33. eigenständigen Fernmeldebataillon wird im Buch das "33. Garde-Nachrichtenbataillon".Das sind nur wenige Beispiele, die ich persönlich herauszulesen vermochte - und sicherlich nur einige von vielen mehr. Unterm Strich kann man den Leser nur davor warnen, bei dem vorliegenden Werk auch nur ansatzweise von einer Vollständigkeit auszugehen, was die Aufschlüsselung der Truppenstandorte von GSSD/NVA nach Einheiten und Truppenteilen anbetrifft. Hier wurde zum einen sehr fehlerhaft gearbeitet, zum anderen werden viele Truppenteile überhaupt nicht aufgeführt, wie z.B. das 95. und das 23. Panzerregiment, das 302. motorisierte Schützenregiment und das Militärorchester der GSSD, die allesamt in Zeithain stationiert waren, aber im Buch keinerlei Erwähnung finden. Andere relativ große Standorte der GSSD, wie etwa Wittenberg, fehlen ganz.Durch die lieblose Aneinanderreihung der einzelnen Truppenteile in einem chaotischen Durcheinander, mal mit den dazugehörigen Truppenteilnummern, mal ohne, und in nur schwer zu durchschauenden, willkürlich festgelegten chronologischen Abschnitten verliert man schnell Überblick und Lust, sich weiter mit dem Thema zu befassen. Hier hätte man wirklich mehr erwarten können als nur die Auflistung der einzelnen Truppenteile sowie von den Autoren ein wenig mehr Hingabe und Kreativität in der Aufarbeitung des Stoffes.Insgesamt halte ich das ursprünglich anvisierte Ziel daher für verfehlt. Statt das Buch mit dafür wiederum viel zu knappen Informationen zur deutschen Militärgeschichte aufzublasen, hätte man sich viel intensiver der Geschichte der sowjetischen Standorte und der der NVA widmen sollen, zumal sich eigentlich genug Material hätte anbieten müssen, den einen oder anderen Standort auch einmal näher vorzustellen. Schade eigentlich, eine gute Chance wurde hier vertan.