Wenn man heutzutage einen Film anschaut, dann sind es schon lange nicht mehr nur die strahlenden Helden, die unbefleckten und makellosen Charaktere, die auf die Zuschauer einen positiven Effekt haben, sondern zunehmend auch die dunklen und undurchsichtigen Personen, die ihren Reiz entwickeln. Einen Bösewicht oder eine zwielichtige Gestalt zu spielen erscheint den meisten als viel schwieriger als den immer siegenden Protagonisten zu charakterisieren, mit dem man sich ohnehin identifiziert. Man ist begeistert, wenn es einem Schauspieler gelingt, auch das Dunkle und das Böse so in Szene zu setzen, dass man gewissermaßen Mitleid und Empathie auch mit dieser antagonistischen Figur entwickelt.In der Literatur ist es weniger die Frage nach dem Guten und dem Bösen, sondern vielmehr die nach den dunklen und den bedrückenden Themen, die den hellen, lebensfrohen gegenüberstehen und ebenfalls das gewisse Etwas für ihre Leser auszudrücken vermögen. Lange ist Literatur, die immer auf ein Happy End hinausläuft und die dunklen Seiten des Menschen bzw. des menschlichen Daseins auf dieser Erde ausblendet, in die Schublade des Kitschs gerutscht. Woher kommt aber die teils enorme Fokussierung auf das Leid und die menschlichen Abgründe, die immer weiter in den Fokus der Literaturkritik geraten. Wenn man sich die Preisträgerinnen und Preisträger unterschiedlicher Auszeichnungen in den vergangenen Jahrzehnten im internationalen Raum anschaut, hat man den Eindruck: je dunkler, je schwerer die Thematik, desto mehr Faszination scheint sich auf Seiten der Leserinnen und Leser angebahnt zu haben. Besonders makaber scheint diese Faszination, wenn man sich vor Augen ruft, dass es in der Vita des jeweiligen Schriftstellers oft biografische Gründe für die Düsternis und die Schwere seines Werks gibt, die alles andere als unterhaltsam oder faszinierend erscheinen. Die Darstellung des Düsteren ist für Schriftsteller oftmals eine Art Bekämpfung ihrer eigenen Ängste, ihrer Erfahrungen und Traumata. Anders als ein Schauspieler stellen sie die düsteren Seiten und schwierigen Phasen im Leben des Menschen nicht nur dar; sie haben sie vielleicht sogar selbst erlebt.Die amerikanische Schriftstellerin Sylvia Plath, die in ihrem kurzen Leben Romane, Erzählungen aber vor allem Gedichte geschrieben hat, ist eine jener Autorinnen, die man Zeit ihres Lebens und darüber hinaus für die unglaublich authentische und nebulöse Darstellung der Depression und des Unwillens, auf der Welt zu bleiben, bewundert hat. Sie wurde 1932 bei Boston, Massachusetts, geboren, war die Tochter eines deutschstämmigen Vaters, der starb, als sie erst acht Jahre alt war. Sie begann ein Studium in Northampton, wo sie mit ihren ersten short stories an Wettbewerben teilnahm und Erfolge erzielen konnte. Die Depressionen, von denen sie Zeit ihres Lebens heimgesucht werden sollte, setzten in dieser Phase ihres Lebens bereits ein. Verschiedene Behandlungsmaßnahmen blieben wirkungslos, und obwohl sie – von außen betrachtet – ins Leben zurückkehrte, heiratete und brachte zwei Kinder zur Welt. In ihrem Innern blieb sie die zerrüttete Person, die sie von jungen Jahren an war. 1963 nahm sie sich, nachdem sie ein Jahr von ihrem Mann getrennt hatte, das Leben. In Amerika hatte sie bis dato nur ein paar Erzählungen, ihren Roman Die Glasglocke sowie einen einzigen Gedichtband veröffentlicht.Diese überlieferten Werke sind allerdings nur ein Bruchteil dessen, was Plath in ihrem kurzen Leben wirklich geschrieben hatte. Ihr wohl berühmtester Gedichtband Ariel erschien erst nach ihrem Tod, wurde von ihrem Mann herausgebracht und um einige Gedichte, die ihn und ihre Beziehung zu ihm im Konkreten betreffen, verschlankt. Erst nach dessen Tod in den 2000er Jahren konnte die vollständige Version von Ariel, so wie Sylvia Plath die Gedichte selbst gesammelt hatte, gedruckt werden. In Amerika waren nach ihrem Tod weitere Gedichtbände erschienen, die in deutscher Übersetzung allerdings nie auf den Markt kamen und erst vor kurzem in einer Übersetzung von Judith Zander bei Suhrkamp mit dem Titel Das Herz steht nicht still. Späte Gedichte erscheinen konnten.„Die Rosen im Bierkrug/ Gaben letzte Nacht den Geist auf. Höchste Zeit./ Ihre gelben Mieder waren am Platzen./ Du schnarchtest, und ich hörte die Blütenblätter sich ausklinken,/ Klopfend und klackend wie unruhige Finger./ Du hättest sie wegwerfen sollen, bevor sie starben.“Die Gedichte, die in dieser Sammlung vorliegen, stammen aus den Jahren 1960 bis 1963 und sind somit zeitgleich entstanden mit denen, die im berühmten Ariel-Band veröffentlicht wurden. Wenig verwunderlich ist es daher, dass sie thematisch sowie sprachlich vergleichsweise ähnlich erscheinen wie diese vielbeachteten lyrischen Texte. Sie sind – wie alle Gedichte Sylvia Plath‘, von ihren Lebenserfahrungen, Gedanken, Gefühlen und Ängsten geprägt – sowie von einer tiefdunklen und traurigen Einstellung zum Leben. Die eben zitierte Passage aus ihrem Gedicht „Früher Aufbruch“ von 1960 bezieht sich zweifellos auf die in ihr schon immer schwelenden Suizidgedanken und stellen diese metaphorisch verhüllt in Form der Betrachtung der verblühten Rosen dar. Todesgedanken, das Sterben im allgemeinen, aber auch die Frage, wo sich der Tod in der Landschaft offenbart, prägen viele Gedichte in diesem Band. So auch das Gedicht „Schlafloser“, in dem Plath die Erscheinungen des Todes in Landschaftsbeschreibungen einflicht und somit ihrer Thematik noch einmal eine andere sprachliche Dimension verleiht.„Der Nachthimmel ist nur eine Art Kohlepapier,/ Blauschwarz, durch das die Sternenpunkte, oft angeschlagen,/ Das Licht einlassen, Guckloch für Guckloch - / Ein konchenweißes Licht, wie der Tod, hinter allen Dingen./ Unter den Augen der Sterne und des Mondes Oh-Grimasse/ Quält ihn sein wüstes Kissen, während die Schlaflosigkeit/ Ihren feinen, reizenden Sand ausbreitet in alle Richtungen.“Obwohl Plath in ihren Texten gewissermaßen Endzeitvorstellungen verdichtet und damit auch auf die Allgegenwärtigkeit des Düsteren und des Dunklen anspielt, egal, ob man es sieht oder nicht, verliert ihre Sprache und der Klang ihrer Texte niemals den außerordentlich bewundernswerten Hang zur Schönheit und zu einer gewissen Melodie. Ihre Texte sind, obwohl sie von einer extremen Lebenseinstellung geprägt sind, an keiner Stelle radikal oder reißerisch konzipiert. Alles, was Plath schreibt, scheint gewissermaßen vor sich hinzufließen, ohne dass es besonders darauf bedacht ist, die Menschen aufzuwühlen oder zu schockieren. Es ist das Resignieren einer Autorin bzw. eines Menschen gegenüber der Welt, in der sie nichts Gutes mehr zu finden scheint, obwohl sie es auf beeindruckend schöne Weise zu schildern vermag:„Die Klippen sind umsäumt von Klee, Sternen und Glocken,/ Wie Finger sie sticken könnten, dicht am Tod,/ Beinahe zu klein für die Nebel, sich mit ihnen abzugeben./ Die Nebel sind Teil des historischen Zubehörs - / Seelen, gewälzt im Verdammnis-Lärm des Meers./ Sie stoßen die Felsen ins Jenseits, dann lassen sie/ sie wiederauferstehen./ Sie steigen auf ohne Hoffnung, wie Seufzer./ Ich wandere zwischen ihnen umher, und sie stopfen mir den Mund mit Baumwolle./ Wenn sie mich freigeben, bin ich beperlt mit Tränen.“Es ist ein psychologischer wie auch ethischer Konflikt, in den Sylvia Plath ihre Leserinnen und Leser stürzt. Denn immer, wenn man ihre Texte liest, wird man an ihr verhängnisvolles Leben und das tragische Ende denken und begreifen: auch, wenn Plath Zeit ihres Lebens gegen die Depression, gegen die düsteren Gedanken angeschrieben hat, fand sie letztlich keinen Ausweg. Ihre Gedichte erscheinen in diesem Rückblick gewissermaßen machtlos gegenüber dem, was sie für ihre Schöpferin, für die Autorin Plath bedeuten sollten – und dennoch kann man nicht aufhören, sie auf ihre Art und Weise zu schätzen und zu bewundern. Plath schreibt in Das Herz so still nicht nur über den Tod und die Todesgedanken. Sie flicht auch weitere Aspekte aus ihrem Leben in die Gedichte ein, so z.B. ihre Mutterschaft in dem sehr langen Gedicht „Kerzen“:„Mildern sie den kahlen Mond./ Nonnenbeseelt, brennen sie himmelwärts und heiraten nie./ Die Augen des Kindes, das ich stille, sind kaum geöffnet./ In zwanzig Jahren werde ich auf dem Rückzug sein/ Wie diese flattrigen Eintagsfliegen.“Aus ihrem Dasein als Mutter und als Frau in der Gesellschaft leiten sich auch zahlreiche vom Feminismus geprägte Passagen in anderen Gedichten ab. Vor allem im englischsprachigen Raum wurde Plath für viele gewissermaßen die amerikanische Jelinek, die in ihren Werken ebenfalls mit radikalen Bildern und überzeugten Stellungnahmen gegen das Patriarchat und die Erfahrung der Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft anschrieb. Wie auch ihre Auseinandersetzung mit dem Tod geschieht auch dies auf eine melodische, fast zurückhaltende Art und Weise – niemals laut, niemals reißerisch und schon gar nicht proletenhaft. Ihre Zurückhaltung und die Distanz, mit der sie teilweise ihren eigenen Werken gegenübersteht, ist faszinierend zu beobachten.Als Leser wird man aus dem eben dargestellten Dilemma, dass man so traurigen und zerrissenen Texten wie denen von Sylvia Plath dennoch bewundernd gegenübersteht, wohl niemals herauskommen. Und auch wenn es scheinbar unmöglich ist ob der starken Prägung ihres literarischen Werkes durch ihre Biografie, muss man vielleicht dennoch versuchen, diese Gedichte mehr im Kontext ihres Lebens als in dem ihres Todes zu lesen, obwohl sie andauernd davon handeln. Judith Zander schreibt in ihrem Nachwort genau das: dass sich die Gedichte in diesem Band sowie auch andere Texte aus dem Werk von Plath „nicht vom Tod aus lesen, begreifen, erklären“ lassen, „denn als sie sie schrieb, war sie nicht tot.“ Dem ist zweifellos nichts hinzuzufügen. Unter diesem Gesichtspunkt lesen sich die Gedichte dann eben auch mehr als ein Zeugnis des Lebens als eins des Todes.