Um Missverständnisse zu vermeiden:Prof. Asendorpf hat kein Ratgeberbuch zur Selbstoptimierung verfasst,auch präsentiert er keine Fragebögen zur Selbsteinschätzung nach den Big Five - Faktoren(Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus)In 19 Kapiteln stellt er Methoden und Ergebnisse der Persönlichkeitspsychologie vor,knapp, argumentativ, mit Tabellen und Schaubildern, für Laien verständlich und vor allem bewertet er immer wieder kritisch die Forschungsergebnisse und warnt vor Fehlinterpretationen.Zuerst ist zu klären, was man unter "Persönlichkeit" verstehen will. (Kap. 1)Korrelationen zeigen Zusammenhänge, aber keine Kausalitäten.Fast alle Befunde werden durch Korrelationen beschrieben (S. 62/63)Wechselwirkungen können erkannt werden, unklar bleibt aber manchmal Stärke bzw. Richtung der Wirkung.Die Anzahl von möglichen Einflussfaktoren bleibt unüberschaubar.Selbsteinschätzung bzw. Selbstbeurteilung mittels Fragebögen entspricht häufig nicht der Realität,Fremdbeobachtung oder Langzeituntersuchungen mit kontrollierten Bedingungen sind aufwändig und daher selten, daher ist die Veränderung von Persönlichkeit im Laufe des Lebens schwierig zu erfassen.OCEAN -Modell (Big Five) , IQ und EQ und deren Konzepte werden erklärt, problematisiert wird, inwieweit diese für alle Kulturen verwendet werden können.Gezeigt wird, dass Einflüsse / Prägungen der frühen Kindheit oder durch die Eltern oft überschätzt werden und dass sich Persönlichkeit im Lauf des Lebens - z.B, durch Berufseintritt oder später Rentenbeginn - verändern kann.Häufig werden westliche Kultur und Werte unreflektiert als universell gültig dargestellt, in Kap. 16 wird zwischen unabhängigem und vernetztem Selbstbild (oft im asiatischen Raum) unterschieden (S. 298-300)In Anbetracht dieser wissenschaftlichen "Nachhilfe" und Erkenntnisse wird Leser/Leserin künftig vermutlich vorsichtiger sein mit "Alltagspsychologie" einzelne Vorgänge oder Entwicklungen von Personen erklären zu wollen.Im vorletzten Kapitel 18 stellt Asendorpf den modischen Trend zur Selbstoptimierung zweifach in Frage.Zum einen gibt es Zweifel, ob Interventionen das gewünschte Ziel/Ergebnis erreichen,zum anderen ist auch kritisch zu fragen, ob die meist sozial erwünschten Werte der Big Fivewirklich in allen Lebenslagen erstrebenswert und vorteilhaft sind.Das Schlusskapitel (S. 341ff) diskutiert die spannende Frage der Wechselwirkungenzwischen genetischer und kultureller Evolution (Gen - Mem, Tab. 19.1 auf Seite 350).Vererbung und Umwelteinflüsse generieren eine Vielfalt von Persönlichkeiten,die als "menschlich" zu akzeptieren ist und vielleicht in der Evolution derMenschen das Überleben gesichert hat ...Fazit: Ein Sachbuch, das Wissen, Erkenntnisse und Lesegenuss bietet, das Forschungsergebnisse in einer verständlichen und kritischen Weise präsentiert. Jens Asendorpf versteht es Wissenschaft und Aufklärung ("Nachhilfe") für Alltagspsychologen bestens zu kombinieren. Es gibt in der Persönlichkeitspsychologie wohl weniger Gewissheiten, als man angenommen hat und manche Konzepte , z.B. Emotionale Intelligenz, und Wertsetzungen sind zu hinterfragen. Vermutlich bietet das Buch weniger Antworten und Einsichten über die eigene Person, die man erwartet hat, aber es hat mich beeindruckt und nachdenklich gemacht. Respekt und und meine Anerkennung für den Autor.