Mordechai Wolkenbruch, Motti genannt, ist 25 Jahre alt und hat noch nie eine nackte Frau gesehen. Er lebt fest eingebettet in der Israelitischen Religionsgemeinschaft mit ihren Ritualen, ihren langen Bärten, den Hüten und den Schläfenlocken. An der Universität studiert er Wirtschaft, arbeitet ein wenig bei seinem Vater in der Versicherungsagentur und wird zuhause von seiner mame versorgt, die zwar die beste Mutter der Welt ist, aber leider auch ein furchtbarer Tyrann. Sie hat Mottis Leben fest im Griff. Seine mame findet, dass es langsam an der Zeit ist, für Motti eine Frau zu finden und zu heiraten. Also arrangiert sie alle möglichen und unmöglichen Treffen, um Motti - auch gegen seinen Willen - die standesgemäßen Kandidatinnen vorzustellen. Motti hat sich aber an der Universität in eine goj verliebt, Laura, eine Nicht-Jüdin und eine schickse. Aber das ist für einen Juden nicht akzeptabel. Motti findet, dass das Leben, in das er hinein gepresst werden soll, für ihn zu eng ist. Langsam wächst die Entscheidung in ihm, einen eigenen Weg zu gehen und nicht den, den man von ihm erwartet.Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals bei einem Belletristik-Buch so gelacht habe. Dieses Buch ist ein "Gute-Laune-Buch" und urkomisch. Der Roman ist in der Ich-Form aus der Sicht Mottis geschrieben und man kann sich seiner augenzwinkernd ironischen Sicht, mit der er sich selbst und sein Lebensumfeld betrachtet, nicht entziehen. Gleichzeitig ist sein Humor aber auch staubtrocken.Seine mame schildert er als eine resolute Frau, die mit wogendem Busen und einem riesigen tuches (Hinterteil) das Leben der Familie dirigiert. Motti findet in jeder seiner Jacken an jedem Morgen in der Tasche ein frisch gebügeltes nostichl. Wenn er nach Hause kommt, wird er von seiner mame zur Begrüßung an den Busen gedrückt. Wenn er jedoch in Ungnade gefallen ist, dann wird er als erstes von der nostichl-Versorgung abgeschnitten und zur Begrüßung wird ihm nur vorwurfsvoll die Backe hingehalten, auf die er dann als reumütiger Sohn einen schüchternen kisch drücken darf. Die Bilder, die hier gezeichnet werden, sind zum Totlachen, wie seine mame mit wackelndem Hintern die Spülbecken scheuert und ihre Umwelt mit Flüchen belegt, wie "Ale zehner soln bej ihm arojsfaln, nur ejner sol im blejbn; oif zejnwejtik!" (Alle Zähne sollen ihm herausfallen, außer einem, den er für Zahnweh behalten möge) .Der Leser erfährt in dem Buch, warum alle Juden in Zürich das gleiche Auto fahren, warum sie die gleichen Brillen tragen und warum sie immer zu lange Jackenärmel und zu kurze Hosenbeine haben. Man liest etwas über jüdische Feiertage, über koscheres Essen und die Sitten und Bräuche in einer jüdischen Familie. Es gibt eine wunderbare Szene, in der Motti über seine budde (Oma) im Altenheim erzählt. Seit Jahren kommt der Tod regelmäßig zu ihr und will sie mitnehmen, aber die störrische alte Dame weigert sich einfach, mit ihm zu gehen. Der Tod ist mittlerweile ratlos und versucht es dann mit "Coaching": "Wann können Sie sich den vorstellen...?" "Nie!" sagt sie gleich zu ihm. "Aber das geht doch nicht, irgendwann müssen Sie mitkommen!" "Dann kommen Sie nächste Woche wieder!" meint die budde. Der Tod verlässt resigniert das Zimmer. Im Herausgehen streift er - versehentlich oder nicht - mit dem Sensenblatt eine eingerahmte alte Fotografie der Großmutter und die Fotografie fällt zu Boden und das Glas zerbricht. "Sie untam!" zetert die Alte. Darauf der Tod: "Irgendwo muss man ja mal anfangen."Und so reiht sich in diesem Buch eine komische Szene an die andere. Verstärkt wird die Komik noch durch die Sprache. Dieses Buch enthält sehr viel jiddisch. Wenige ganze Sätze, aber sehr viele einzelne Begriffe. Ich habe im Buch zwei Absätze gefunden, die kein Jiddisch enthielten. Sie kamen mir wie Fremdkörper vor. Die jiddische Sprache gehört zum Charme dieses Buches. Ich finde, dem Autor ist ein Balanceakt gelungen. Beim Lesen der Leseprobe war ich erst ein wenig skeptisch, ob die jiddischen Begriffe nicht zu sehr den Lesefluss bremsen. Aber es war von der Menge genau richtig. In den allermeisten Fällen erschließt sich die Bedeutung der Worte sofort, manchmal muss man sich das Wort laut vorsagen, um es dann zu verstehen. Das Buch hat auch ein Glossar. Da ich das Buch auf dem Kindle gelesen habe, habe ich das Glossar aber erst gefunden, als ich mit dem Buch fertig war. Ich habe es auch wirklich nicht gebraucht.Dieses Buch ist wirklich sehr außergewöhnlich und beeindruckend. Ich habe gelesen und gelacht und gelacht und weiter gelesen und zum Schluss auf der letzten Seite, im letzten Absatz, habe ich erschrocken festgestellt, dass ich eine sehr traurige Geschichte gelesen habe. Aber ich habe es vor lauter Lachen nicht bemerkt. Eine unbedingte Leseempfehlung für alle, die ein besonderes Buch lesen möchten! Motti wird mich noch länger begleiten, wann immer jemand ein Stoff-Taschentuch aus der Jacke zieht, werde ich sicher an ihn und seine nostichl denken.
★★★★★
Nathalie Verena Ulrich, AUT
28.05.2024
amazon.de
Als Österreicherin, noch dazu als Steirerin, tu ich mir naturgemäß mit Jiddisch leicht, konnte so den Roman an einem Nachmittag problemfrei verschlingen. Das urkomische Buch, mit viel jiddischem Wortwitz, hat mich einfach nicht mehr losgelassen.Gleichzeitig offenbart die Geschichte die tragische Komponente eines Lebens in orthodoxem Millieu - wobei es ziemlich egal ist, um welche Religion es sich handelt, die Orthodoxie ähnelt sich immens und ist überall ähnlich radikal konservativ bis frauenfeindlich. Es geht also auch um ein klein wenig Religionskritik, es hätte allerdings ruhig mehr sein dürfen. Als positiv(?) könnte man in diesem weiteren Zusammenhang noch das innig-herzliche bis intensiv-anstrengende, je nach Betrachtungsweise, Familienleben in diesen Millieus bezeichnen. Meyer liefert hierzu ebenfalls einen aufgeklärten wie aufklärerischen Einblick. (Für mich wäre so ein Leben nichts)Hauptprotagonist Motti nimmt alles mit dezentem jüdisch-selbstironischen Humor, von dem ich mir auch wieder mehr hier in Österreich wünschen würde. Unsere größten (klassischen) Satiriker waren ja jüdischen Glaubens bzw. jüdischer Herkunft und das gibt es heute bekannterweise leider fast nicht mehr. Desto mehr erfreuen solche Romane, auch wenn dieser aus der schönen Schweiz kommt. An einen Kraus oder Polgar, um nur zwei zu nennen, kommt Thomas Meyer nicht, aber Wolkenbruchs wunderliche Reise ist nichtsdestotrotz ein lesenswertes Buch mit liebevoll gestalteten Charakteren, die ebenso glaubhaft agieren.Und wie süß die Liebesgeschichte ist. Normal mag ich sowas nicht so gern, dieser Aspekt hat mich auch zuerst vor dem Kauf zögern lassen. Aber die Sache kommt so unaufdringlich und unschuldig und sensibel daher, dass es einfach nur liebenswert und, ja, zuckersüß ist.Hervorheben möchte ich last but not least Mottis Augen-öffnende, libidinös-aufgeladene Reise nach Israel.Thomas Meyer ist ein hochsympathischer kurzweiliger Roman gelungen mit kennenswerten Figuren in einem einerseits jüdischen und andererseits studentischen Millieu, in dem ich mich gern (wieder) bewegen würde.Ich werde, trotz teils sehr schlechter Kritiken und erst wenn preiswerter, den Nachfolger lesen.